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Erinnerung an eine jüdische Familie: Enthüllung der Erinnerungstafel der Familie Steinberger„Um Geschichte zu erleben, muss man sie sichtbar machen“

ALSFELD (akr). Für Deborah und Bekka Fink aus Berkley, Kalifornien, war ihr Besuch am Donnerstag in Alsfeld von emotionaler Bedeutung. Sie sind die zwei Enkelinnen von Irma Levi, geborene Steinberger, und gehören somit zu den Nachfahren der jüdischen Familie Steinberger, die 1939 aus Alsfeld in die USA flüchteten. In Gedenken an die Familie wurde am Donnerstag eine Erinnerungstafel enthüllt – natürlich am ehemaligen Wohnhaus in der Hersfelder Straße.

„Um Geschichte zu erleben, muss man sie sichtbar machen. Es geht nicht nur um die Familiengeschichte, sondern auch um die Geschichte der Stadt“, erklärte Bürgermeister Stephan Paule und blickte auf die Gedenktafel der Familie Steinberger, zu deren Enthüllung am Donnerstag viele Gäste erschienen sind. Das berührte vor allem die Schwestern Deborah und Bekka Fink, die für den heutigen Anlass extra aus den USA angereist waren.

Sichtlich erfreut über diese Ehre, bedankten sich die beiden für den liebevollen und herzlichen Empfang. Ein emotionaler Moment, in dem die ein oder andere Träne floss: „Wir fühlen uns Willkommen und zuhause“. Das dürfen die zwei auch, denn Alsfeld sei ein Teil ihrer Wurzeln, wie Paule es so schön auf Englisch antwortete.

Doch wie ist es überhaupt zu dieser Erinnerungstafel gekommen? Vor zwei Jahren war Ami Inbal, ebenfalls ein Nachfahre der jüdischen Familie Steinberger, auf den Spuren seiner Familiengeschichte in Alsfeld unterwegs. Er kontaktierte den Rathauschef, der sich wiederum mit Joachim Legatis, vom Förderverein für jüdische Geschichte, in Verbindung setzte.

Deborah bedankte sich bei Christa Kreuder-Schütz. Foto: akr


Zunächst kam die Idee auf, Stolpersteine in Gedenken an die Familie zu legen. Da die Steine allerdings für verstorbene Juden gedacht sind, entschied man sich für eine Gedenktafel, um so an die Familie Steinberger zu erinnern. Sie sollte an dem Haus platziert werden, aus dem die Familie um Irma Steinberger und Tochter Doris Levi, die Mutter von Deborah und Bekka, nach einem Anschlag in der Kristallnacht 1938 entschied, aus Alsfeld zu flüchten. Ein Jahr später – genauer 1939 – gelang ihnen die Flucht.

Genau an der damaligen Stelle des Wohnhauses steht mittlerweile ein Geschäft: Fahrrad Schütz. Die Besitzer allerdings, zeigten sich sofort bereit die Aktion zu unterstützen. „Es ist eine tolle Idee, dass an die jüdischen Alsfelder erinnert wird“, freute sich Norbert Schütz zusammen mit seiner Ehefrau Christa Kreuder-Schütz.

Da kullerte die ein oder andere Träne bei den Schwestern nach der Enthüllung.

Und dann war es endlich so weit: Die Tafel wurde offiziell enthüllt. Ursprünglich war zwar der Bürgermeister dafür vorgesehen, doch kurzerhand – vielleicht der emotionalen Situation geschuldet – entschied man sich um und die Schwestern zogen langsam die weiße Folie der Tafel ab. „Eine sehr elegante Lösung“, freute sich Joachim Legatis, als er die weiße Erinnerungstafel mit blauer Schrift betrachtete. „Besondere Häuser, sollten besonders herausgestellt werden“, erklärte er.

Sogar ein Teil ihrer Familie möchte nach Alsfeld kommen, um die Gedenktafel zu besichtigen. Auch Paule ließ es sich nicht nehmen, seinen Dank allen Beteiligten auszusprechen, sei es Joachim Legatis oder Dr. Norbert Hansen vom Stadtarchiv für seine Recherchearbeit. Auch Hansen wollte sich den emotionalen Augenblick der Enthüllung nicht entgehen lassen.


Weitere Eindrücke der Enthüllung der Gedenktafel:

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4 Gedanken zu “„Um Geschichte zu erleben, muss man sie sichtbar machen“

  1. Bitte jetzt nicht wieder die hässliche Begleitmusik aus Geschichtsverleugnung und Selbstmitleid der biologischen und ideologischen Nachfahren der Tätergeneration. Verdrängen, Bestreiten und die Konstruktion einer eigenen Opferrolle sind typische Reaktionsweisen antisozialer Psychopathen. Die erlebt jeder polizeiliche Ermittler tagtäglich in Verhörsituationen.
    Aber lassen wir uns auch nicht vorschnell auf den Begriff „Geschichte“ ein, sondern sprechen wir lieber von unserer jüngsten Vergangenheit und dem kollektiven moralischen Versagen, das es ermöglichte, die Tür an Tür lebenden Nachbarn schutzlos dem Wüten übelster Populisten auszuliefern. Aber überheben wir uns nicht gegenüber früheren Generationen: Sind wir nicht auch selbst (Fernseh-)Zuschauer unbeschreiblicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit und systematischen Völkermords überall auf unserem Globus, die weit weg scheinen, in einer globalen Welt aber ganz schnell vor der eigenen Haustür landen (siehe Terrorismus und islamischer Fanatismus)?

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  2. Eine bemerkenswerte Aktion, deren Unterstützung sowohl den Förderverein für jüdische Geschichte als auch die Stadt Alsfeld (siehe auch https://www.oberhessen-live.de/2018/05/14/gedenkstaette-speier-erhaelt-staedtische-foerderung/#more-142457) und alle weiteren Beteiligten ehrt. Was erst vor einem Menschenalter im Vogelsberg unter aller Augen geschehen ist, kann nur angemessen dokumentiert werden, wenn die vielen Schreckensorte in unmittelbarer Nachbarschaft sichtbar gemacht werden. Stolpersteine, die Erhaltung einzelner „kontaminierter“ Gebäude als Gedenkstätten, aber auch – wie hier – Gedenktafeln für frühere Bewohner sind eine eindringliche und zugleich dezente Möglichkeit, ohne falsches Pathos auf die Folgen von Rassismus, Fanatismus oder auch mangelnder Zivilcourage gegenüber inhumanen politischen „Bewegungen“ aufmerksam zu machen.

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