Der abgesperrte Tatort in Alsfeld. Foto: ol
Der abgesperrte Tatort in Alsfeld. Foto: ol

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Wer war der Mann und wie haben direkte Nachbarn das Erlebte mitbekommen? Oberhessen-live hat nachgefragtTödliche Schüsse in Alsfeld: Der Tag danach

ALSFELD (ls). Es ist ruhig auf der Grünberger Straße in Alsfeld. Immer wieder laufen Anwohner die Straße herunter. Immer wieder bleiben Passanten stehen und schauen die Straße hoch, unterhalten sich. Einzig das Polizeiband, das die Straße von beiden Seiten zusammen mit den großen, sperrigen Feuerwehrautos absperrt, und zwei Polizeiautos erinnern daran, was in der Straße in der letzten Nacht passiert ist. Ein Mann wurde von der Polizei erschossen. Eine Reportage von Luisa Stock.


Polizeibeamte kontrollieren die Anwohner, die durch die Absperrung zu ihren Häusern wollen. Ein paar wenige Schaulustige versammeln sich am unteren Ende der Grünberger Straße an der Kreuzung zum Mainzer Tor. Alles wirkt ruhig, fast sogar unaufgeregt.

Der Mann soll stark betrunken gewesen sein und schon vorher mit scharfer Munition mehrere Schüsse abgegeben haben. Alle Bemühungen der Beamten, den Mann davon abzubringen, seien gescheitert, heißt es. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem der 54-Jährige von der Alsfelder Schutzpolizei tödlich getroffen wurde. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des Alsfelders feststellen. Wer war der Mann und wie haben direkte Nachbarn die Geschehnisse der Nacht mitbekommen? Oberhessen-live hat vor Ort nachgefragt.

Vor dem Haus des 54-Jährigen sieht man auch nach der Reinigung noch die Kreidespuren der Polizei. Fotos: Oberhessen-live

„Ich habe mehrere Schüsse gehört, aber mir nicht wirklich etwas dabei gedacht“, erklärt  ein Anwohner aus dem näheren Umfeld der Straße. Heute morgen habe er gedacht, es habe wieder in der Straße gebrannt – das wäre nicht das erste Mal gewesen. Dass es in der Nacht einen Schusswechsel zwischen dem 54-jährigen Alsfelder und der Polizei gab, haben einige Passanten, die an der Absperrung vorbeilaufen, nicht mitbekommen. Kurz fragen sie nach den Geschehnissen und gehen weiter ihre Wege in Richtung Innenstadt.

Passant: „Wir haben Schüsse gehört, die klangen sehr nah“

In der Zwischenzeit fährt eine Frau auf ihrem Fahrrad die Straße runter und stoppt kurz vor der Polizeiabsperrung. Der Beamte an der Seite hebt das Absperrband, so dass sie ihr Rad darunter durch schieben kann. Sie ist eine direkte Nachbarin des getöteten Mannes und hat die Szenen direkt vor der eigenen Haustür mitbekommen, verstehen kann sie es allerdings auch heute noch nicht. „Wir haben Schüsse gehört, die klangen sehr nah“, erklärt sie, doch beim Blick aus dem Fenster habe sie nichts erkennen können. Von der Polizei seien sie später angewiesen worden, das Haus nicht zu verlassen. Gehört habe sie ihren Nachbarn allerdings schon. „Er rief etwas wie ‚Meine Kinder sind weg‘ und beleidigte die Polizei. Er hat auch gerufen ‚Erschießt mich doch'“, sagt sie ruhig, schüttelt dabei den Kopf. Schon am frühen Abend oder Nachmittag sei die Polizei schon einmal vor Ort gewesen, erinnert sie sich. „Ich weiß nicht mehr ganz genau wann und auch nicht was los war“, sagt sie.

Eine Nachbarin des Mannes im Gespräch mit dem hr.

Sie habe ihn gekannt, zwar nicht gut, aber dennoch gegrüßt, wenn man sich auf der Straße begegne. Was ihn dazu bewog mit einer Waffe zu schießen, konnte sie sich nicht erklären. „Er war ein netter Mensch“, ergänzt sie. Auffällig sei er nicht gewesen, dafür habe sie ihn zu wenig gekannt. Im Haus habe der Vater dreier Kinder zusammen mit seiner Mutter gelebt. Demnächst wäre er Großvater geworden. Aus dem Umfeld heißt es, er habe mit Alkoholproblemen zu kämpfen gehabt.

Nachbarin: „Gesehen haben wir es nicht, aber gehört“

Dass er Waffen besitze, habe die Nachbarin zwar gehört, gesehen habe sie die allerdings nie und auch nicht gewusst, woher er sie hatte. „Ich wusste nicht ob er Sportschütze war oder vielleicht im Schützenverein“, sagt sie ruhig. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft war der Schütze nicht polizeibekannt.

Ängstlich wirkt die Nachbarin nicht. Sie lächelt. Dennoch sei ihr am Abend etwas mulmig geworden: „Ich habe an unsere Haustür gedacht und was, wenn er reinkommt mit der Waffe. Wir wussten ja nicht, was sich dort draußen genau abspielt“. Auch habe sie sich Gedanken um die Mutter des Nachbarn gemacht, die mit ihm im Haus lebte.

In der Zwischenzeit am Abend  haben andere Nachbarn die Polizei gerufen. Was genau sich vor dem eigenen Fenster abspielte, konnte die Nachbarin erst nicht verstehen. „Ich habe mich wieder hingelegt und habe ein Buch gelesen. Plötzlich haben wir nochmal Schüsse gehört und meine Tochter kam zu mir“, sagt sie. Der Blick aus dem Fenster verriet wieder nichts. Gesehen habe sie weder den Nachbarn noch jemanden von der Polizei.  „Ich glaube, sie standen alle in Deckung“, mutmaßt sie.

Gesehen habe die Nachbarin zwar nichts, aber auch hier habe sie die Geschehnisse und den Stimmwechsel aus der Straße gehört. „‚Ich sehe seine Beine‘, rief ein Polizist. Die haben wir dann auch gesehen. Ich weiß nicht ob er zu dem Zeitpunkt schon getroffen war. Er lag aber auf dem Boden und wir haben die Beine gesehen“, rekonstruiert sie den Abend.

Sperrung der Straße mittlerweile aufgehoben

Dass der 54-jährige Alsfelder tot war, wusste sie zu diesem Zeitpunkt nicht und auch nicht, dass es sich um ihren Nachbarn handelte. Das erfuhr auch sie erst am nächsten Tag. „Seine Mutter soll aktuell bei der Polizei sein“, ergänzt sie. Aufgeregt oder verängstigt wirkt die Nachbarin nicht, auch wenn sie das Treiben vor der eigenen Haustür noch bis in die frühen Morgenstunden hintrug und auch an diesem Morgen noch nicht abflachen wolle. „Wir wurden heute Morgen schon von der Polizei befragt“, sagt sie. Doch der Alltag müsse trotzdem weiter gehen, erklärte sie ruhig, schwingt sich zurück auf ihr Fahrrad und fährt weiter.

Auch am Nachmittag war die Polizei weiterhin vor Ort. Die Sperrung wurde mittlerweile aufgehoben.

Auch die Polizei vor Ort, die noch in großer Anzahl am Tatort zugegen ist, macht weiter. Ein Auto samt eingeschossener Front- und Heckscheibe wird vom Abschleppdienst abgeholt, mehrere Projektile soll der 54-Jährige auf den zivilen Polizeiwagen abgefeuert haben. Die Beamten blieben unverletzt.  

Die Spurensicherung sichert den Tatort, macht Fotos, sammelt Patronenhülsen ein. Die Polizeibeamten befragten die Nachbarn und durchsuchen die Wohnung des Toten. Dabei finden sie mehrere Waffen. Ob der Mann sie legal besaß und mit welcher er geschossen habe müsse noch geklärt werden, heißt es. „Das kann sich hier noch etwas hinziehen“, erklärt Wolfgang Keller, der Pressesprecher der Polizei Vogelsberg. Mehr kann er vor Ort nicht sagen. Mittlerweile wurde die Absperrung der Straße aufgehoben.

Schusswechsel in Alsfeld sorgt für Gesprächsstoff

Der Vorfall ist verständlicherweise das Thema in der Stadt am Dienstag. „Direkt mitbekommen haben wir es nicht – wir wohnen hier ja nicht. Aber schon den ganzen Morgen kommen die Kunden in den Laden und fragen nach, was los war“, sagt der Inhaber eines Geschäftes unten am Mainzer Tor. Auch er und seine Mitarbeiter seien am Morgen durch die Absperrungen und das Polizeiaufgebot überrascht gewesen.

Einzig der Verkehr und die alltäglichen Straßengeräusche durchbrechen die Ruhe der Grünberger Straße. Die Geschehnisse der Nacht – sie verblassen vor dem Alltag der Stadt.

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Studierte in Gießen Germanistik und Kunstgeschichte. Absolvierte ab 2016 ihr Volontariat bei Oberhessen-live und ist seit 2018 Redakteurin bei dem Online-Magazin.

2 Gedanken zu “Tödliche Schüsse in Alsfeld: Der Tag danach

  1. Ob Ausbildung oder nicht , da stehen Menschen einem kranken gegenüber, die Frauen und Kinder Zuhause haben!
    Für den Polizisten der geschossen hat ist es sicher auch nicht leicht.
    Er war im besitzt von scharfen Waffen und hat geschossen, was gibt es da zu diskutieren???

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  2. Ich bin geschockt …..und Notwehr war es das wirklich ….man hätte ihm auch ins Bein oder in denn Arm schießen können ….dachte immer die Polizei ist Ausgebildet dafür ….musste das wirklich sein ihn zu erschießen ..?

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