
Ausstellung „Wasser“ verwandelt Alsfelder Erlenbad in einen Resonanzraum für Kunst, Natur und gesellschaftliche Verantwortung Ein leeres Becken, randvoll mit Wasser
ALSFELD (ol). Die Ausstellung „Wasser“ im Alsfelder Erlenbad verbindet Kunst, Natur und gesellschaftliche Themen an einem außergewöhnlichen Ort. Mitglieder des Alsfelder Kunstvereins und weitere Kunstschaffende zeigen während der Schließzeit des Bades verschiedene Werke rund um das Thema Wasser. Die Vernissage am 26. Juli war Teil der Veranstaltungsreihe „BäderKultur – Ein Bad taucht ab in Kunst und Klang“.
Das Becken war leer – und selten war darin so viel Wasser. Es rauschte über Felsen, spiegelte den Himmel, gefror zu fragilen Strukturen und verlor sich hinter dem Horizont. Es trug Schiffe in die Ferne, ließ Fische gegen den Strom schwimmen und Meerestiere gegen den Müll in ihrem Lebensraum protestieren. Am Sonntagmorgen verwandelten Mitglieder des Alsfelder Kunstvereins und weitere Gäste das leergepumpte Hallenbadbecken des Erlenbades in eine facettenreiche Kunstlandschaft, heißt es in der Pressemitteilung des Fördervereins Badefreunde..
Die Vernissage zur Ausstellung „Wasser“ war Teil der Veranstaltungsreihe „BäderKultur – Ein Bad taucht ab in Kunst und Klang“, mit der der Förderverein Badefreunde den ungewöhnlichen Raum während der Schließzeit kulturell neu vermisst. Wo sonst Bahnen gezogen, Zeiten gestoppt und Schwimmabzeichen abgenommen werden, bestimmten nun Malerei, Fotografie, Aquarell, Collage, Farbholzschnitt, Druck und Keramik die Szenerie.
Dass sich eine Ausstellung über Wasser ausgerechnet an einem Ort entfaltet, dem das Wasser vorübergehend entzogen wurde, verlieh ihr eine besondere Spannung. Das fehlende Element war überall präsent: als Erinnerung und Sehnsuchtsort, als Naturgewalt und Lebensraum, als physikalisches Phänomen und bedrohte Ressource.
In ihrer Begrüßung stellte Anja Kierblewski, Vorsitzende des Fördervereins und künstlerische Leiterin der BäderKultur, deshalb nicht die Frage in den Mittelpunkt, wer sich Künstlerin oder Künstler nennen darf, sondern wo Kunst eigentlich beginnt. Braucht es dafür ein Studium, eine Galerie und verkaufte Werke? Oder entsteht Kunst bereits in jenem Moment, in dem ein Mensch den Mut aufbringt, seinen persönlichen Blick auf die Welt sichtbar zu machen?
Die Ausstellung gibt darauf keine theoretische Antwort. Sie zeigt sie.
Einige der Beteiligten würden sich seit Jahrzehnten mit Kunst beschäftigen, andere stünden noch am Anfang ihres kreativen Weges. Was sie verbinde, sei weniger eine akademische Vita als die Bereitschaft, etwas Eigenes preiszugeben. Denn wer ein Werk öffentlich zeigt, mache sich immer auch ein kleines Stück verletzlich.
Petra Bastian, Vorsitzende des Alsfelder Kunstvereins, griff diesen Gedanken in ihrer Laudatio auf. Vernissagen kenne man aus Galerien, Museen, Kirchen oder historischen Gebäuden – in einem leergepumpten Schwimmbecken seien sie dagegen eher selten anzutreffen. Und doch passe kaum ein Ort besser: Kunst und Wasser seien gleichermaßen vielgestaltig und in ständiger Bewegung. Beide suchten sich ihre eigenen Wege, sofern man sie lasse, überschritten mitunter Grenzen und entwickelten dabei ihre ganz eigene Dynamik.
Diese Dynamik durchzieht die Ausstellung. Wasser erscheint als Sinnbild für Fernweh und Aufbruch, als spiegelnde Fläche, stiller Rückzugsort und unberechenbare Kraft. Küstenlandschaften, Schiffe und weite Horizonte erzählen vom Reisen und von der Sehnsucht nach Ferne. Aquarelle, Fotografien und Gemälde halten flüchtige Lichtstimmungen fest, während Keramikfische, eine Badenixe und plastische Arbeiten das Becken mit Fantasie und feinem Humor bevölkern.
Doch die Ausstellung bleibt nicht an der ästhetischen Oberfläche. Mehrere Werke beschäftigen sich mit Verschmutzung, Vermüllung und der Gefährdung maritimer Lebensräume. Wasser wird dabei zur politischen und gesellschaftlichen Kategorie: kostbar, lebensnotwendig und keineswegs unbegrenzt verfügbar.
Darauf verwies auch Stadtrat Tobias Behlen, der die Grüße von Bürgermeister Stephan Paule und des Magistrats der Stadt Alsfeld überbrachte. Mit Wasser verbänden sich Begriffe wie Ruhe, Dynamik, Tiefe und Vergänglichkeit. Gerade in Zeiten des Klimawandels trete jedoch seine elementare Bedeutung immer deutlicher hervor: Ohne Wasser ist kein Leben möglich.
Als Förster erlebt Behlen die Folgen der anhaltenden Trockenheit unmittelbar. Einzelne Regenschauer reichten längst nicht mehr aus, um die Defizite in Böden, Wäldern und Grundwasserspeichern auszugleichen. Eigentlich, so seine Einschätzung, müsse es über Wochen regnen, damit sich die Natur nachhaltig erholen könne. Ein nüchterner Gedanke, der an diesem sonnigen Sonntagmorgen wie ein leiser Kontrapunkt durch die Ausstellung zog.
Dass Wasser nicht nur emotional und gesellschaftlich aufgeladen ist, sondern auch physikalisch fasziniert, zeigen fotografische Arbeiten zu seinen unterschiedlichen Aggregatzuständen. Flüssigkeit, Eis und Dampf erscheinen nicht als trockene naturwissenschaftliche Kategorien, sondern als ästhetische Prozesse: Formen entstehen, verändern sich und verschwinden wieder. So wird sichtbar, was Wasser grundsätzlich auszeichnet: Es bleibt nie dasselbe und ist doch immer Wasser.
Musikalisch nahm die 16-jährige Anouk Lancee das Thema auf und übersetzte es am E-Piano in Klang. Mit Bedřich Smetanas „Moldau“ ließ sie einen Fluss durch das Becken ziehen. Mike Schoenmehls „Der geheimnisvolle Raubfisch“ brachte eine verspielte Unterwasserstimmung in den Raum, Claude Debussys „Clair de Lune“ verwandelte Licht in Töne und Felix Mendelssohn-Bartholdys „Venezianisches Gondellied“ verband Wasser, Bewegung und Melancholie.
So entstand eine Ausstellung, die das Wasser nicht auf ein Motiv reduziert. Sie betrachtet es als Sehnsuchtsraum, Naturereignis und ökologische Verpflichtung. Sie zeigt seine Schönheit, ohne seine Gefährdung auszublenden, und seine Kraft, ohne die stillen Erscheinungsformen zu übersehen.
Petra Bastian lud die Gäste zum Abschluss ihrer Laudatio ein, sich durch die eigenen Eindrücke treiben zu lassen – dieses Mal nicht durch Wasser, sondern durch Bilder, Gedanken und Gefühle. Vielleicht liegt darin die besondere Qualität dieser Ausstellung: Das Becken bleibt leer. Und dennoch gerät vieles in Bewegung.
Die Ausstellenden
Maja Glasow-Weber, Tanja Gremmel, Tobias Gremmel, Frieda Junghans, Anja Kierblewski, Christiane Möller, Matthias Nicolai, Tina Schmidt, Horst Streblow, Jasmin Theiß, Volker Tost und Victoria Wittek.
Die Ausstellung „Wasser“ ist bis zum 20. August täglich von 17 bis 21 Uhr geöffnet; dienstags bleibt sie geschlossen. Der Eintritt ist frei und erfolgt über die Gastronomie am Erlenteich. Der Förderverein Badefreunde freut sich über freiwillige Beiträge im „Hut“, die der ehrenamtlichen Kulturarbeit und den beteiligten Kunstschaffenden zugutekommen.
Fotos: Kierblewski
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