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Nachgefragt bei Siena Ochs, Bastian Heiser und Uwe WunderlichModellkommune Alsfeld: Was halten heimische Unternehmer davon?

ALSFELD (akr). Sie hat es geschafft: Mit ihrem Konzept konnte die Kleinstadt Alsfeld die hessische Landesregierung überzeugen und wurde als eine von drei Corona-Modellkommunen ausgewählt. Schon ab dem 8. April soll in Alsfeld wieder ein kleines Stückchen Normalität herrschen – und zwar zunächst mit der Öffnung des Einzelhandels. Was denken Alsfelder Unternehmer darüber? Wir haben mit Siena Ochs, Bastian Heiser und Uwe Wunderlich gesprochen.

Beim jüngsten Corona-Gipfel hatten Bund und Länder beschlossen, dass in ausgewählten Regionen unter bestimmten Bedingungen sogenannte „Modellprojekte“ starten können, so wie es bereits in Tübingen der Fall ist. Aus den fast 100 Bewerbern hat die hessische Landesregierung am Dienstag Baunatal, Dieburg und Alsfeld als Modellkommune für Lockerungen ausgewählt.

In Alsfeld soll bereits ab nächste Woche Donnerstag wieder das Einkaufen in den Geschäften möglich sein – jedoch nur mit einem negativen Test, der nicht älter als 24 Stunden ist. Die Stadt will „kleine, feste aber sichere Schritte“ gehen, wie sie in einer Pressemitteilung schrieb. Der Fokus liegt also zunächst auf den Geschäften, also dem Einzelhandel. Sollte sich das Projekt positiv entwickeln, dann könnten auch weitere Schritte folgen, beispielsweise Lockerungen in der Gastronomie, wie Bürgermeister Stephan Paule im Gespräch mit Oberhessen-live erklärte.

Was denken eigentlich die Alsfelder Unternehmer darüber, dass Alsfeld als Modellkommune ausgewählt wurde? Wir haben bei Siena Ochs, Bastian Heiser und Uwe Wunderlich nachgefragt.

Siena Ochs, Parfümerie Pur

„Ich freu mich extrem, ich bin auch sehr stolz, dass Alsfeld es geschafft hat“, sagt Siena Ochs, Inhaberin der Parfümerie Pur am Mainzer Tor voller Euphorie. Genau das würden die Menschen in Alsfeld jetzt brauchen, „die Menschen brauchen wieder positive Stimmung, einfach ein kleines bisschen Normalität. Ich hoffe, dass ich jetzt wieder Lebensfreude bei den Alsfeldern sehe“, erzählt Ochs.

Die Freude, die strahlenden Augen, die habe sie nämlich auch gesehen, als die Menschen endlich wieder in den Geschäften einkaufen gehen durften und nicht mehr nur durchs Schaufenster gucken mussten. „Man hat es ihnen wirklich angesehen, dass sie genau das wieder gebraucht haben“, so Ochs. Sie sei stolz, dass die Stadt dieses Konzept nun ausprobieren darf. „Selbst wenn es nicht funktionieren sollte, dann haben wir es aber wenigstens probiert“, betont sie.

Doch sie sei guter Dinge, dass alles gut laufen wird, sie glaubt nicht, dass die Zahlen wieder ansteigen werden. „Wir halten uns ja trotzdem an die Corona-Regelungen, so, wie wir es auch vorher schon getan haben“, betont sie. Und darüber hinaus seien die Alsfelder auch sehr diszipliniert. In größeren Städten sei das nicht immer der Fall, das wisse sie von einigen Kollegen, die in Parfümerien in größeren Städten arbeiten. Deswegen mache sich die Parfümerie-Chefin auch keine Sorgen, dass das Modellprojekt scheitern könnte.

Corona-Modellkommune Alsfeld: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Bastian Heiser, Hotel Villa Raab

Bastian Heiser, Geschäftsführer des Hotels Villa Raab ist zwar kein Einzelhändler, freut sich aber dennoch darüber, dass Alsfeld dieses Projekt starten darf. „Jeder Schritt, der in die Richtung geht, wie man mit Corona und nicht gegen Corona leben kann, finde ich gut“, erklärt er. Mal einen Schritt voran gehen, das sei ein schönes Signal. Von dem Projekt erhofft er sich auch, dass dadurch sozusagen auch endlich mal Klarheit geschaffen wird, dass der Einzelhandel oder aber auch die Gastronomie nicht die Bereiche sind, die für die hohen Infektionszahlen verantwortlich seien. „Wir sind nicht schuld“, betont er.

Seiner Meinung nach müsse in den Experiment auch bald die Gastronomie folgen, sodass sich die privaten Treffen, die seiner Meinung nach für die hohen Infektionszahlen verantwortlich sind, in „sichere Bereiche“ verlegt werden, damit die Zahlen endlich runter gehen. „Es ist definitiv ein Schritt in die richtige Richtung, wenn man im Anschluss noch die Gastro mitnimmt“, so der Geschäftsführer. Die Pandemie werde die Menschen noch lange begleiten, man müsse lernen, mit Corona zu leben.

Uwe Wunderlich, Gaststätte Mainzer Tor

Uwe Wunderlich, Inhaber der Gaststätte Mainzer Tor, betrachtet die Idee hingegen kritischer. „Ich will nicht halbherzig aufmachen dürfen, ich weiß ja nicht mal, ob das überhaupt etwas wird“, betont der Gastronom. Er wisse auch noch nicht, wie es nach dem Ablauf des Projektes, das ja zunächst bis zum 1. Mai befristet ist, weiter gehen soll. Für vielleicht dann nur etwa zwei Wochen aufmachen zu dürfen, das würde sich einfach nicht lohnen, es fehle die Sicherheit. „Aufmachen, um dann wieder schließen zu müssen, das ist mir einfach zu unsicher“, erklärt er. Zumal dafür schließlich auch immer eingekauft werden müsste. Lebensmittel hätten ein Ablaufdatum, Kleidung nicht.

Dennoch freut er sich für den Einzelhandel, dass dieser endlich wieder öffnen darf. Wenn das Pilotprojekt funktioniere, dann könne man schauen, wie es weiter geht. Doch aktuell sei ihm die ganze Situation einfach zu unsicher. Dadurch, dass nun mehr getestet würde, vermutet er auch, dass die Infektionszahlen weiter ansteigen werden – und eine zu hohe Inzidenz würde das Projekt der Modellkommune stoppen. Bei drei Tagen im Kreis über 200 wäre Schluss, aktuell liegt der Vogelsberg bei 166,6.

Wunderlich würde es eher begrüßen, wenn es Lockerungen in Sachen Übernachtungen gebe. „Wenn jemand bei uns übernachten möchte, könnte er ja auch einfach ein aktuelles, negatives Testergebnis vorlegen“, erklärt er. Sollte es dann plötzlich wieder heißen, dass das doch nicht mehr möglich ist, dann würde er nicht so viel verlieren, als im reinen Gastro-Bereich.

5 Gedanken zu “Modellkommune Alsfeld: Was halten heimische Unternehmer davon?

  1. Wieder einen finanziellen Aufwand betreiben, um dann aus Berlin den nächsten Lockdown zu bekommen (und der sollte nicht lange auf sich warten lassen)? Nein danke! Wenn die Kaufleute aus der Vergangenheit nichts gelernt haben, dann spreche ich ihnen die Eignung für die Selbstständigkeit ab. Die Modellkommune ist ein kostenintensiver Ballon, der jetzt schon Luft verliert. Wenn die treibenden Akteure die Verantwortung für nicht geimpfte Verkäuferinnen und Verkäufer übernehmen können, finde ich das sehr mutig. Das die Teste so ziemlich alles anzeigen, macht mir die Modellkommune nicht sympathischer. Am Ende werden für das sogenannte „Einkaufsvergnügen“, schlecht bezahlte Mitarbeiter täglich einer unkalkulierbaren Gefahr ausgesetzt. Es ist leicht, Maßnahmen zu installieren, wenn man selber keine Opfer bringen muss. Hat in der Corona Zeit nur ein Politiker einen Euro verloren? Corona geht auf die Kosten der kleinen Leute! Trotz allem unterstelle ich Herrn Paule eine gutgemeinte Absicht. Ansonsten müsste man ja auf den perfiden Gedanken kommen, dass hier Eigenwerbung für Wiesbaden gemacht wird ;-)

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  2. Ich denke die Entscheidung wurde bewusst getroffen, damit die Zahlen wieder steigen. Es wurde bewusst so gewählt, dass es überall nur ein Ort ist. Viele Menschen werden sich auch einen weiteren Weg in Kauf nehmen, da sie es vermissen. Am Ende passiert genau das was wir alle nicht wollen, die Zahlen steigen und die Regierung darf wieder alles schließen und sagen das war kein Erfolg.Schaut hin Leute was passiert ist, wir haben es euch bewiesen, das es keinen Sinn macht alles zu öffnen.

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  3. Denke die Coronahilfen werden dann für die teilnehmenden Geschäfte für April ausgesetzt, und wie ist es mit dem Kurzarbeitergeld

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  4. In Tübingen steigen jetzt die Zahlen wider, das wir ein Schuss ins eigene Bein. Einige Unternehmen werden sich den Aufwand nicht antut.

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    1. Das sind auch meine Befürchtungen! Bertel
      In Speyer haben sie vor 14 Tagen bei einer Inzidenz von unter 50 dies in identischer Form so gemacht.
      Seit Montag ist bei einer Inzidenz von 200 wieder alles geschlossen.
      Mit ausreichend geimpften hätte man Ostern wieder öffnen können.

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