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Stellungnahme des Evangelischen Dekanats Vogelsberg zum Bau der A49Für eine ressourcenschonende Mobilitäts- und Klimapolitik

VOGELSBERG (ol). Er wird heiß diskutiert, gar umkämpft, er spaltet Familien und Ortschaften und es gibt mehr als einen Aspekt, der in die Entscheidung für oder gegen den Weiterbau der A49 einfließen soll. Um eine eigene kirchliche Haltung zu diesem schwierigen Thema zu erarbeiten, hat die Dekanatssynode des Evangelischen Dekanats Vogelsberg im Herbst vergangenen Jahres einen Ausschuss gebildet, der sich in vier Anhörungen mit unterschiedlichen Interessensgruppen und Perspektiven beschäftigt hat.

In der Pressemitteilung des Evangelischen Dekanat Vogelsberg heißt es, nach seinen Vorschlägen plädiert der Dekanatssynodalvorstand (DSV) nun in einer Verlautbarung für eine Berücksichtigung der Herausforderungen der Gegenwart bei der Entscheidung um den Weiterbau der A49 – auch und gerade nach dem vor Kurzem ergangenen Urteil, das einen Weiterbau ermöglicht. Ganz klar spricht der DSV sich für das „Primat der Klimapolitik“ aus.

Dem Ausschuss gehörten neben der Dekanin des Evangelischen Dekanats Vogelsberg, Dr. Dorette Seibert und Fachreferent Ralf Müller neun weitere Mitglieder aus den Reihen der Synode und der Dekanatsmitarbeitenden an. Den Betrachtungen des Ausschusses lagen verschiedene Leitfragen zugrunde: Es ging hierbei sowohl um die Anliegen der Menschen in der Region als auch um ökonomische und ökologische Gesichtspunkte. Beleuchtet wurden auch kirchliche und theologische Ansätze zu diesem Thema sowie mögliche individuelle und politische Konsequenzen.

Das vielzitierte Bibelwort, dass der Mensch sich die Erde unterwerfen und sie beherrschen solle, werde vielfach relativiert, so eine Feststellung des Ausschusses. Der Mensch habe ebenfalls die biblische Aufgabe erhalten, die Erde zu bebauen und zu behüten, betonten die Mitglieder. Gleichzeitig zeigten viele biblische Geschichten die Konsequenzen von Maßlosigkeit und Ungerechtigkeit auf. Der Mensch werde in der Bibel vielfach in seinem Herrschaftsauftrag beschränkt.

Wenige hundert Meter westlich des „Schmitthofes“ zwischen (Stadtallendorf-)Niederklein und (Kirtorf-)Lehrbach wird die A49 die Bundesstraße 62 überspannen und dann den „Dannenröder Forst“ durchschneiden. Fotos: Ralf Müller

Hinsichtlich des unbegrenzten Ressourcenverbrauchs der letzten Jahrzehnte verweist der Ausschuss auf die massiven Einflüsse auf das weltweite Klima und zieht die „Klimadenkschrift“ der EKD (Evangelische Kirche Deutschland) hinzu, in der es heißt, dass die Menschen ihrer Verantwortung der Schöpfung Gottes gegenüber nicht gerecht geworden sind und in der zu einer „Ethik der Gerechtigkeit und Genügsamkeit“ aufgerufen wird. „Als Christinnen und Christen, als Ausschuss eines regionalen Kirchenparlaments sind wir gehalten, unsere Impulse im Lichte dieser biblischen Traditionen und theologischen Reflektionen anzustellen. Damit stellt sich der Autobahnbau durch unsere Dekanatsregion nicht nur als konkrete, regionale Frage, sondern zugleich auch als exemplarische globale Frage. Beide Perspektiven gilt es zu betrachten und abzuwägen“, heißt es in der Stellungnahme des Ausschusses, der der DSV nach ausführlichen Beratungen folgt.

Verkehrsströme beleuchtet

Im Rahmen der Anhörungen wurden sowohl die Verkehrsströme im Vogelsberg als auch Ökonomie und Ökologie beleuchtet. Einem erwarteten Rückgang des PKW-Durchgangsverkehrs an unterschiedlichen Teilabschnitten der B62 und der B254 von 10 bis 60 Prozent, des LKW-Verkehrs gar bis 80 Prozent, stellt der Ausschuss eine Neubelastung durch den zunehmenden Autobahnverkehr gegenüber, heißt es weiter.

Laut den herangezogenen Verkehrsprognosen würden die Anrainer-Dörfer der geplanten „Maulbachtrasse“ im Bereich Homberg/Ohm und Gemünden/Felda mit etwa 8.000 LKW- und 36.000 PKW-Bewegungen täglich neu belastet. Der innerörtliche Autobahnzubringer in Homberg/Ohm würde 5000 zusätzliche PKW- und 750 zusätzlichen LKW-Bewegungen bringen, das Aufkommen demnach etwa verdreifacht.

5000 PKW und 750 LKW am Tag muss die Berliner Straße in Homberg/Ohm zusätzlich aufnehmen, die zum Autobahnzubringer wird. 44.000 Fahrzeuge rauschen dann täglich dicht am Luftkurort vorbei.

Aus ökonomischer Sicht würden insbesondere die Verbesserungen des Industriestandortes Stadtallendorf herausgestellt, so eine Erkenntnis des Ausschusses aus den Anhörungen, eine wahrnehmbare ökonomische Bedeutung der A49 für die Vogelsberg-Region erwarte die Landespolitik nicht. „Der Vogelsberg ist unsere Heimat mit einem eigenständigen Habitat, die wir schützen, stärken und in die Zukunft führen möchten. Dabei liegt uns die Förderung der ökologischen und ökonomischen Entwicklung gleichermaßen am Herzen“, heißt es in der Verlautbarung.

Die Berechnungen, die dem Weiterbau zu Grunde liegen, berücksichtigten nicht die politischen und gesellschaftlichen Überlegungen und Anstrengungen zu einer Verkehrswende der letzten Jahre, gibt der Ausschuss zu bedenken. Den Mitgliedern ist klar, dass in einer Region wie dem Vogelsberg eine Reduzierung des Individualverkehrs schwierig ist: „Der PKW wird auf absehbare Zeit das wichtigste Verkehrsmittel bleiben.“ Gleichzeitig schließt sich der DSV dem Plädoyer für eine Erweiterung der Möglichkeiten des ÖPNV im Vogelsberg an, denn wenn „Verkehrswende sich nur auf Ballungsräume beschränke, bleibe Mobilität von Jugendlichen, Hochbetagten und sozial Schwachen im ländlichen Raum problematisch.

Ökologisch betrachtet sehe die Politik in der „Maulbachtrasse“ die Streckenführung mit den geringsten Eingriffen in die Natur, heißt es in der Verlautbarung. Diese Eingriffe würden in 160 Einzelprojekten auf einer Gesamtfläche von 700 Hektar ausgeglichen. Naturschutzverbände hingegen betonen, dass die „Maulbachtrasse“ im Bereich Herrenwald (bei Stadtallendorf) ein Gebiet durchquere, dass der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie unterliege und somit besonders schutzwürdig sei. Auch der Dannenröder Wald mit seinen bis zu 200 Jahre alten Bäumen sei besonders schützenswert. Weiter als besonders schutzwürdig und gefährdet werden auch die zahlreichen Brunnen entlang des geplanten Trassenverlaufs herausgestellt. Ausgleichsmaßnahmen werden als „Kosmetik“ abgetan; man könne zum Beispiel nicht Jahrhunderte alte, gesunde Mischwälder durch 40 Zentimeter hohe Setzlinge ausgleichen.

Ein Symptom unserer Zeit

Der DSV sieht in der Diskussion um die A49 nicht nur eine regionale, verkehrstechnische Herausforderung. Vielmehr sei sie auch Symptom unserer Zeit und stelle die Frage: „Wie soll unsere Zukunft aussehen, wie können und wie wollen wir angesichts des Klimawandels leben?“ „Dabei überzeugt uns der Gedanke einer „Ethik des Genug“, der jedoch individuell wie gesellschaftlich erst noch ausbuchstabiert werden muss. Allein Wachstum kann nicht länger ökonomische und gesellschaftliche Leitvorgabe sein, zumal es ökologische und gesellschaftliche Kollateralschäden sowie globale Ungerechtigkeiten mit ihren Folgekosten nicht einpreist“, heißt es in der Verlautbarung.

Jeder einzelne Mensch sowie die Kirchengemeinden im Dekanat seien aufgefordert, den eigenen Ressourcenverbrauch im Sinne einer „Ethik des Genug“ einzuschränken. Dies beträfe ebenso das Konsum- wie auch das Mobilitätsverhalten. Gleichzeitig würden auch politische Rahmenbedingungen und Richtungsentscheidungen benötigt. Diese müssten auch Einschränkung lieb gewonnener, individueller Gewohnheiten bedeuten, wenn dies der Erhaltung der Lebensgrundlagen aller Menschen dieser Erde und künftigen Generationen dient, so eine weitere Forderung aus dem Dekanat.

Mit Blick auf den Weiterbau der A49 bedeuten diese Betrachtungen, dass der DSV eine nachhaltige, ressourcenschonende Mobilitäts- und Klimapolitik fordert, die auch die Klimaziele der UN einschließt, denen sich die Bundesrepublik verpflichtet hat. Der Planungsstand aus 2012 solle auf seine globalen Klimaauswirkungen hin geprüfte werden, ebenso müssten vor dem Weiterbau der A49 Möglichkeiten ressourcenschonender Verkehrskonzepte geprüft und abgewogen werden. Unabhängig von der politischen Entscheidung pro oder contra Weiterbau der A49 fordert der DSV zeitnahe und dauerhafte Maßnahmen zur Entlastung der Durchgangsstraßen.

Der Forderungskatalog des Evangelischen Dekanats wird in den nächsten Tagen an verschiedene Gremien geschickt, darunter die Sprecher für Klima- und Umweltschutz der im Landtag und Bundestag vertretenden Parteien, die dazugehörigen Bundes- und Landtagsabgeordneten aus den hier betroffenen Wahlkreisen sowie die Abgeordneten im Kreistag und den kommunalen Parlamenten einschließlich der Bürgermeister. Des Weiteren geht das Schreiben an die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie die dazugehörigen Zentren, verschiedene Umweltschutzbünde und die ausführende Firma.

Den Wortlaut der Verlautbarung sowie die herangezogenen Quellen finde man hier.

14 Gedanken zu “Für eine ressourcenschonende Mobilitäts- und Klimapolitik

  1. Mal ganz philosophisch betrachtet und ohne Zynismus: ist die Planung und die Bauausführung einer Autobahn durch von Gott geschaffene Menschen am Ende nicht auch „gewollt“.

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    1. Nach dem Denkmuster wären Adolf Hitler und Heinrich Himmler nicht nur die weltgrößten Philosophen, sondern einschließlich ihrer Taten auch „gewollt“ gewesen. Ihre Opfer werden sich für die Abwesenheit von Zynismus sicherlich bei Ihnen bedanken. Wo Sie hin philosophieren, wächst nicht mal mehr Gras drüber. Einfach nur schrecklich.

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      1. @ganz, ganz philosophisch

        Danke für Ihren Kommentar.
        Ich kann Ihnen nur beipflichten. Der Unfug der hier verbreitet wird ist kaum zu fassen.
        Die Kirche hat sich zur Klimapolitik geäußert. Das ist Ihr gutes Recht.
        Genauso wie jedem gestattet wird in diesem Forum, in anständiger Form, seine
        Meinung zu vertreten. Es ist schon merkwürdig, dass die meisten Kommentare hier pro A 49 sind. Sie verlangen, dass die Autobahn sofort weiter gebaut wird. Das Recht zur freien Meinungsäußerung nimmt man für sich selbst in Anspruch, reagiert aber sehr unfreundlich, wenn andere Menschen oder auch Institutionen eine andere Auffassung äußern. Sie können oder wollen den Widerspruch nicht erkennen.
        Die Kirche hat sich bereits vor mehr als 10 Jahren deutlich für den Klimaschutz und gegen die A49 ausgesprochen. Damals habe ich solche abwertenden und destruktive Kommentare nicht gelesen. Es gab aber auch noch nicht Oberhessen Live mit seinen Zynikern, die Ihrem Frust freien Lauf lassen. Es macht mich einfach nur traurig, wenn ich sehe, wie der Umgangston immer unfreundlicher und rauer wird, manchmal sogar alle Schranken fallen. Ist es nicht mehr möglich einfach nur höflich und freundlich miteinander umzugehen.

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  2. Die Kirche sollte sich endlich wieder einmal auf ihre eigentliche Aufgabe fokussieren. Sie darf nicht länger politisieren, sonst wird sie bald völlig bedeutungslos. Sie sollte ihren Pfarrern mehr Zeit geben, dass sie sich auch einmal um die Bedürftigen ihre Gemeinde kümmern können.

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    1. Das Soziale ist doch ohne die Dimension der politischen Rahmenbedingungen gar nicht darstellbar. Die Vorstellung, die Kirche möge sich der Armen und Bedürftigen annehmen, aber sich keinen Mucks in politischer Richtung erlauben, stammt aus dem Kaiserreich. In diese Zeit möchte uns offensichtlich der Kommentator zurück beamen.

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  3. Bloß gut, dass ich diesen Laden schon vor ein paar Jahren verlassen habe und diese Gehälter nicht mehr zahlen muss.
    Und mir tun es täglich viele Menschen gleich.

    Getrieben von Mitgliederschwund und verurteilt zur Bedeutungslosigkeit rennt die Kirche hier ein paar Themen hinterher. Oder lebt der Drahtzieher etwa in Maulbach und instrumentalisiert hier diese Organisation?
    Dachte Staat und Kirche seien getrennt in dieser Republik. Diese Stellungnahme findet nicht mal Eingang in die Verfahrensakten sondern hetzt die Menschen aufeinander.

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    1. Vielleicht geht es am Ende doch nur um Macht, Flächen und Geld.
      Jedenfalls gibts eine namentliche Verbindung zwischen der Landwirtschaft (im Baugebiet der A49) und der Kirchensynode in Darmstadt.
      Der Vatikan wäre sicher stolz

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      1. Die Synodalen der Landessynode sind per Google-Suche vollständig im Web zu finden. Die hier unterstellten Zusammenhänge existieren nicht.
        Bitte weisen Sie Ihre Anschuldigung mit Fakten nach! Verbreiten Sie keine Fake-News!

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  4. Zu der Stellungnahme der Kirche fällt mir nur eins ein: Schuster bleib bei Deinen Leisten……

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    1. Es heißt: „deineM Leisten“! Der mit DEN Leisten ist der Schreiner. Der Schuster arbeitete jeweils nur an einem einzigen Leisten. Das ist praktisch ein hölzerner Fußabdruck, über den das Oberleder eines Maßschuhs geschlagen wird.

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  5. Geteiltes Leid ist halbes Leid!!!
    Die A49 muss so schnell wie möglich weiter gebaut werden.
    Ich finde die Kirche sollte sich da raus halten. Auch Bibelsprüche sind hier fehl am Platze. Die Kirchensteuerzahler die täglich den extremen Belastungen des LKW Verkehrs ausgesetzt sind wollen die A49 ,am besten sofort.
    Fachreferent ? Ralf Müller ? Herr Müller kennt sich aber bei vielen Themen aus! „Schuster bleib bei deinem Leisten“. Wie wäre es mal zu Missionieren?

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  6. Die Kirche ist wie immer lau ,sie hat nicht den Mut sich Klar dagegen oder dafür auszusprechen.Das ist das Dilemma der Kirche und so wird sie auch wahrgenommen von den Menschen.

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    1. „Die Kirche ist wie immer lau…“

      Wo am Ende nur mit Ja oder Nein votiert werden kann (Weiterbau A49), wird wohl jeder differenzierte Standpunkt als „lau“ empfunden. Aber so einfach darf man es sich m.E. nicht machen. Und warum soll denn der Dekanatssynodalvorstand (DSV) sich mit den Ergebnissen seines Ausschusses zum Thema ressourcenschonende Mobilitäts- und Klimapolitik, das eigentlich alle Menschen in der Region bewegen sollte, nicht äußern dürfen? Da mag mancher argwöhnen, hier würde Regionalentwicklung im Sinne von Religionsentwicklung verstanden. Aber ich halte insbesondere die Überlegungen hinsichtlich der Wertigkeit der Ausgleichsmaßnahmen (Zitat: „…man könne zum Beispiel nicht Jahrhunderte alte, gesunde Mischwälder durch 40 Zentimeter hohe Setzlinge ausgleichen“) sowie die Gegenüberstellung des reduzierten PKW-Durchgangsverkehrs an unterschiedlichen Teilabschnitten der B62 und der B254 mit der Neubelastung durch den zunehmenden Autobahnverkehr an anderer Stelle bzw. der Entwicklung eines innerörtliche Autobahnzubringers in Homberg/Ohm mit 5000 zusätzliche PKW- und 750 zusätzlichen LKW-Bewegungen für absolut relevant und diskussionswürdig. Der gesamte Wortlaut des Forderungskatalogs des Evangelischen Dekanats macht auf mich im Übrigen nicht den Eindruck, dass sich da fachlich Inkompetente zu Wort meldeten. die besser bei ihrem Leisten geblieben wären und sich auf christliche Missionsarbeit beschränkten. Insbesondere meine Gespräche mit dem Fachreferenten Ralf Müller, der hier persönlich angegriffen wird, haben mir gezeigt, dass auch das Evangelische Dekanat über gute Leute verfügt, die es mit den „Fachleuten“ aus der Politik oder der Wirtschaft durchaus aufnehmen können.
      Im Vogelsberg wurde seit Jahrhunderten immer zu wenig diskutiert und der Obrigkeit das Feld (und der Wald) überlassen. Schädigen wir die sich entwickelnde Debatte um die Entwicklung unserer Region doch nicht dadurch, dass wir einzelnen Teilnehmern des Diskurses den Mund verbieten!

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