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Fabrik mit mindestens 283 Beschäftigten offenbar vor dem AusSTI kündigt „Verlagerung“ der Aktivitäten aus Grebenhainer Werk an

GREBENHAIN (jal). Die Tage des STI-Werks in Grebenhain scheinen gezählt. Der Standort gilt als veraltet, schon in der Vergangenheit gab es in der Fabrik massive Einschnitte. Jetzt begründet die Firma eine „Verlagerung“ der Arbeiten von dort unter anderem mit den zusätzlichen Einbußen durch das Coronavirus. Verdi beklagt eine mangelnde Beteiligung des Betriebsrats, Bürgermeister Stang versucht, die Hoffnung für das Werk noch nicht aufzugeben.

Schlechte Nachrichten verkündet niemand gern. In Politik und Wirtschaft ist man deshalb gern bemüht, das, was gesagt werden muss, möglichst glatt und wohlklingend zu formulieren. Oftmals geht es auch darum, die Neuigkeit so zu formulieren, dass sie möglichst viel Raum für Interpretationen bietet. „Bloß auf nichts festlegen lassen, alle Handlungsoptionen offen halten“, lautet die Devise. Eine Pressemitteilung in einem solchen Duktus versandte am Dienstag auch die STI Group.

Darin war davon die Rede, „die Aktivitäten des Werks in Grebenhain auf andere Standorte zu verlagern“ und „die Standorte somit zu konsolidieren“. Verlagern, konsolidieren. Das klingt harmlos, ja sogar positiv, nach Fortschritt und Verbesserung. Aber was will die Firma wirklich damit sagen? Die Gewerkschaft Verdi reagiert in einer ersten Stellungnahme vorsichtig und spricht davon, dass STI das Werk in Grebenhain zur „Disposition“ stelle. Eine heimische Zeitung geht einen Schritt weiter und titelt im Netz, der Pappenproduzent schließe das Werk. Und Grebenhains Bürgermeister Sebastian Stang macht deutlich, dass auch er trotz der vagen Worte zum selben Schluss kommen muss. „Insofern kann ich heute auf dieser Basis nur die Feststellung treffen, dass die Firmenentscheidung, so sie denn, wie heute angekündigt, umgesetzt wird, auch wenn von einer Werksverlagerung die Rede ist, einer Werksschließung gleichkommen würde!“

Auf eine Nachfrage von OL, was nun konkret aus dem Werk werden soll, ob die Firma den Standort komplett oder nur in Teilen aufgibt, reagiert STI schriftlich mit der Antwort: „Da wir unsere Absicht mit dem Betriebsrat erörtern werden, können wir Ihnen zu einigen Fragen noch keine Antwort geben. Wir hoffen, dass das folgende Statement trotzdem Ihnen ein paar Antworten gibt.“ Darunter ist im Kern nochmals die bekannte Presseerklärung angehängt – unter anderem mit der Ergänzung, dass der Brandschutz verbessert werden müsse, das Werk in Grebenhain die Kosten dafür aber nicht tragen könne.

Grebenhain als Display-Standort

In Grebenhain wurden sogenannte Displays hergestellt. Das sind vereinfacht ausdrückt Pappaufsteller, die zum Beispiel in Supermärkten stehen und ein bestimmtes Produkt anpreisen. Doch weil diese Aufsteller viel Platz einnehmen, sind sie mittlerweile weniger gefragt, die Firmen werben lieber gezielt im Internet. Ein anderes Produktfeld der STI Group ist das Packaging, das sich mit Verpackungen wie zum Beispiel Kartonboxen für Getränkepäckchen beschäftigt. 2015 hatte die Gruppe gegen den Widerstand aus der Belegschaft Arbeiten rund um das Offset-Druckverfahren von dem Standort Grebenhain abgezogen. Verdi sagt dazu, damit habe man das Werk „ausbluten“ lassen, ausgleichende Investitionen seien nicht im besprochenen Umfang erfolgt.

STI selbst fasst die eigene Lage so zusammen: „Enormer Preisdruck und starker Wettbewerb prägen den Wandel im Markt für Verkaufsdisplays. Auch die Verlagerung von Marketingbudgets in Richtung digitaler Vertriebskanäle wirkt sich negativ aus. Obwohl die STI Group als Premiumanbieter in Europa positioniert ist, konnte das Unternehmen wegen des dramatischen Preisdrucks in den vergangenen fünf Jahren im Display-Markt nicht am Marktwachstum partizipieren und verzeichnete im Display-Segment rückläufige Umsatzerlöse. Im Gegensatz hierzu konnte das Packaging-Segment der Unternehmensgruppe in den vergangenen Jahren stark wachsen.“

Neben Grebenhain produziert STI noch an drei anderen Standorten Displays. Die Firma plant eigenen Angaben nach mit der Schließung des einen Werks in Grebenhain nun den Angebotszweig der Displays als Ganzes für die Zukunft „wettbewerbsfähig“ aufzustellen.

Dem Unternehmen nach sind von der Schließung des Werks 283 Mitarbeiter betroffen. Unklar ist, ob bei dieser Zahl auch Leiharbeiter erfasst sind. Eine Nachfrage dazu ließ die Firma unbeantwortet. „Das Unternehmen beabsichtigt, so vielen Mitarbeitern wie möglich einen Wechsel an andere Standorte anzubieten, nach Möglichkeit auch in der Region“, heißt es in der Mitteilung.

Eine Betriebsbesichtigung bei STI in Grebenhain im Jahr 2018. Foto: STI Group

Bei dem Grebenhainer Werk gab es schon seit längerem Probleme. Die Substanz dort gilt als in die Jahre gekommen, eine Standortgarantie bis zum Jahr 2018 war mit einem Verzicht der Belegschaft auf Sonderzahlungen verbunden. „Die Gesamtleistung und der Rohertrag des Standortes haben sich hier deutlich rückläufig entwickelt. Eine Rentabilität konnte trotz großer Anstrengungen der Belegschaft und Geschäftsführung seit 2014/2015 nicht erreicht werden. Der Standort schreibt operative Verluste, und die COVID-Effekte haben die negative Entwicklung im ersten Quartal 2020 noch weiter verstärkt,“ schreibt STI.

Der Display-Bereich sei durch das Coronavirus hart getroffen worden. Unter anderem durch den Ausfall der Olympischen Sommerspiele, der Fußball-Europameisterschaft und der Verschiebung von Filmstarts (Events, für die Aufsteller sonst gekauft werden) entgingen der Firma nach eigenen Angaben für 2020 Umsätze in Höhe von 20 Millionen Euro. „Diese negativen Auswirkungen werden nicht durch das erfolgreiche Wachstum im Packaging Segment kompensiert“, heißt es in der Mitteilung. Laut verdi befindet sich das Werk Grebenhain jedoch in Kurzarbeit, um die Folgen der Pandemie abzufedern.

Bei der Gewerkschaft sieht man die mögliche Standortschließung als eine Folge der zahlreichen Wechsel im Management in den vergangenen Jahren und des 2019 „völlig missglückten Versuchs, die komplette STI-Gruppe mit mehr als 2.000 Beschäftigten zu verkaufen“, wie Verdi in einem Statement schreibt. „Die öffentliche Ankündigung der Verkaufsabsichten führte nach Einschätzung von Verdi zu Vertrauens- und Auftragsverlusten bei wichtigen Kunden aus der Lebensmittelindustrie. Die Rücknahme der Ankündigung im Dezember 2019 konnte diese Entwicklung nicht entscheidend umkehren.“ Auf die Frage, ob das schlecht laufende Geschäft des Grebenhainer Werks ein wichtiger Grund für den geplatzten Verkauf war, erhielt OL von STI keine Antwort.

„Es ist bitter, dass nun die Beschäftigten nach mehreren Fehlentscheidungen des Managements in den letzten fünf Jahren die Zeche bezahlen sollen“, sagte Verdi-Vertreter Manfred Moos. Die Gewerkschaft fordere den Erhalt der Arbeitsplätze, möglichst am Standort in Grebenhain. Bei einer Schließung müsse es Angebote geben, in die weiteren STI-Standorte, insbesondere nach Lauterbach und Alsfeld zu wechseln. „Ansonsten wird es für die meisten Beschäftigten, darunter viele Frauen, schwierig bis unmöglich sein, im strukturschwachen Vogelsberg eine berufliche Perspektive zu finden.“

Verdi: Betriebsrat wurde nicht genug einbezogen

Moos wirft STI zudem vor, gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten zu haben. Nach seinem Wissen sei der Betriebsrat zwar über die jetzt verkündeten Schritte in Kenntnis gesetzt worden, es sei aber im Vorfeld mit ihm nicht wie im Betriebsverfassungsgesetz vorgesehen über eine sogenannte Betriebsänderung – also eine komplette Schließung des Werks oder das Abziehen von bestimmten Arbeitsbereichen – in ausreichendem Maße verhandelt worden. Der ungewöhnlich schnelle Gang an die Öffentlichkeit sei der Versuch von STI, „schon mal ein stückweit Tatsachen zu schaffen“. Der Betriebsrat werde schauen, ob er mit rechtlichen Schritten darauf reagiere, sagte Moos im Gespräch mit OL.

Bürgermeister Stang erklärte in einer Mail an Oberhessen-live, ihm lägen zum Zeitpunkt nicht mehr Information vor, als das Unternehmen an die Presse gegeben habe. „Für die betroffenen 283 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist diese Firmenentscheidung mehr als bitter, haben diese sich doch bereits 2015 auch bereit erklärt gehabt, Einschnitte hinzunehmen, um die Restrukturierung des Standortes gemeinsam mit der Firmenleitung hinzubekommen. Gerade jetzt in der Corona-Krise trifft es die Familien nun zweimal hart“, sagt der parteilose Politiker. Es bleibe abzuwarten, wie viele Mitarbeiter ein Angebot für andere Standorte des Unternehmens im Vogelsberg erhalten würden. „In jedem Falle ist es ein sehr, sehr schwarzer Tag für alle Mitarbeiter und die gesamte Großgemeinde Grebenhain, denn an dem Standort in Grebenhain hängen auch noch viele weitere Dinge dran“, so der Bürgermeister.

„Wir haben alle möglichen Optionen für den Standort Grebenhain sorgfältig geprüft. Die Verlagerung ist jedoch unausweichlich, um als Unternehmensgruppe künftig im Display Segment erfolgreich zu sein“, sagt Jakob Rinninger, CEO der STI Group, zu dem Schritt. „Wir bedauern die geplante Verlagerung in dieser für uns alle herausfordernden Zeit.“

Stang will Kontakte zur Landes- und Bundespolitik nutzen

Das Unternehmen wolle in Zukunft noch flexibler und noch schneller auf die Kundenbedürfnisse eingehen und setze dabei auf die Integration von Display und Packaging. „Mit dieser Konsolidierung wollen wir uns auch im Display-Bereich wettbewerbsfähig aufstellen und unsere Premiumposition bei unseren Kunden weiter ausbauen und stärken“, so Rinninger. „Wir glauben nach wie vor an das Display als wichtiges Marketinginstrument für unseren Kunden“, lässt die Firma wissen.

Verdi erinnert in ihrer Reaktion daran, dass STI-Inhaberin Kristina Stabernack noch im Dezember 2019 nach dem gescheiterten Verkauf der Belegschaft gesagt habe, „die starke Marke STI Group“ werde weiterentwickelt. Man werde gemeinsam die Stärken von STI weiter ausbauen und sei „auf einem guten Weg“. Daran will Verdi die Verantwortlichen nach eigenen Angaben in den nun anstehenden Verhandlungen erinnern.

Und auch Bürgermeister Stang sendet Signale, sich in Gesprächen weiter für den Standort stark machen zu wollen – auch mit Kontakten zur Landes- und Bundespolitik. „Zu hoffen bleibt, und dies ist auch meine Forderung an die Geschäftsführung sowie die Firmeninhaberin, dass diese ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern gerecht werden und so viel wie möglich Beschäftigten eine Perspektive der Weiterbeschäftigung bieten, als sich auch offen für Lösungsangebote zur Standortsicherung zeigen“, sagt Stang.

5 Gedanken zu “STI kündigt „Verlagerung“ der Aktivitäten aus Grebenhainer Werk an

  1. Danke,sehr gut recherchiert,Herr Auel,besonders hat mir gefallen,wie ausführlich der Verdi-Vertreter die Lage und die Fehler beschreibt.Er spricht mir aus dem Herzen.Was würde der Wilhelm wohl dazu sagen,könnte er sehen,was seine Tochter aus dem einst stolzen Unternehmen gemacht hat?Es ist einfach nur traurig.

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  2. Der Titel paßt überhaupt nicht! Die richtige Überschrift muss doch heißen bei allen bereits vorliegenden Informationen: STI will Standort Grebenhain schließen !!!
    Warum diese unscharfe wischi waschi Darstellung…

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  3. War zu erwarten… Ein sich stark verändernder Markt, gepaart mit unglaublicher Arroganz und eklatanten Managementfehlern Ist eben keine gesunde Basis, um erfolgreich am Markt zu bestehen. Die Zeche zahlt mal wieder der einfache Angestellte oder Arbeiter, während die Totengräber aus dem Management hohe Abfindungen kassierten und ihr Leben genießen.

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    1. Meinen Sie das derzeitige Management? Meines Wissens sind die handelnden Personen erst seit ca. 2 bis 3 Jahren in der Verantwortung und wurden noch nicht mit hohen Abfindungen beglückt. Egal wie man es betrachtet, Fakt ist, es geht seit Jahren abwärts mit der Firma Stabernack. Das Ende und die Zerschlagung ist absehbar.

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      1. @ Freiensteinau: Jetzt muss ich wohl Ross und Reiter nennen :-). Aus meiner Sicht hat das heutige Management nur sehr begrenzt Mitschuld an der jetzigen Situation. Vielmehr muss man die Jahre nach 2012 und der Demission von Herrn Prof. Ohle genauer betrachten. Hier wurden vom sog. Beirat und Frau Dr. Stabernack meiner Meinung nach für das Unternehmen verheerende Personalentscheidungen getroffen, branchenfremde Ex-Berater und ein Jurist als Vertriebsleiter übernahmen die Führung, das Ergebnis sehen wir heute.

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