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Heilpraktikerin und Bewusstseins-Coach Judith Hahn über die Frage, was die Corona-Krise mit uns macht„Diese Situation bringt alle Familien früher oder später an ihre Grenzen“

VOGELSBERG (ls). Die Welt steht Kopf, seit sich das Coronavirus ausgebreitet hat. Hoffnung auf eine Besserung ist in Sicht, aber noch sind viele Geschäfte zu, Menschen bangen um ihre Existenz. Wie geht man mit so einer Angst um? Darüber haben wir mit Heilpraktikerin und Bewusstseins-Coach Judith Hahn gesprochen, die sich seit vielen Jahren mit ihrer Praxis in Weißenborn auf solche Fragen spezialisiert hat. Ein Gespräch über alte CDs, Meckerstunden im Familienkreis  – und bewusstes Atmen.

Judith Hahn, Heilpraktikerin und Diplom Mental- und Bewusstseinss-Coach mit eigener Praxis in Weißenborn, beantwortet Fragen über Ängste, die die Corona-Krise mit sich bringt und stellt Strategien vor, wie man genau diese überwinden kann.

Interview mit Heilpraktikerin Judith Hahn

Oberhessen-live: Plötzlich wurden wir durch die Corona-Krise mitten aus unserem üblichen Leben gerissen. Was macht das mit uns Menschen?

Judith Hahn: In Ihrer Frage steckt schon ein entscheidender Begriff für die aktuelle Situation: Plötzlich und unerwartet, diese Wortwahl kennen wir in der Regel aus Traueranzeigen. In unserem Alltag, meinten wir bis vor Kurzem, sehr vieles „im Griff“ zu haben und steuern zu können. Plötzlich ist aber alles anders. Die Regeln des Alltags sind außer Kraft gesetzt, unsere Sicherheitsnetze, an denen wir uns bewusst und unbewusst entlang gehangelt haben, sind verschwunden oder haben sich als Illusion entpuppt.

Einen Moment lang bleibt die Hoffnung, es sei nur ein skurriler Traum gewesen, aber die noch sehr befremdliche Realität holt einen schnell ein. Dafür braucht es nur einen Blick auf das Handy, ein Betätigen des Radioknopfes, ein Blick in die Tageszeitung, Fernsehen oder der Gang in den Supermarkt, wo man auf ängstliche Menschen trifft, die auf einmal einen Bogen um einen machen und sich nicht mal mehr in die Augen schauen. Die Angst hat uns alle aus unserer Umlaufbahn geworfen.

Und wie gehen wir damit nun am besten um? 

Da diese herausfordernde globale Situation für alle Menschen neu und fremd ist, gibt es auch noch keinen erprobten Weg, damit umzugehen. Ihre vorherige Frage, was das mit den Menschen machen „kann“, würde ich noch klarer benennen: Was „macht“ das bereits mit uns Menschen? Es macht Angst, je nachdem, an welchem Punkt man „vorher“ stand, kann das von Bedenken wie es weiter geht, über gefühlte Zukunftsangst, beruflich wie privat, bis hin zu wirklicher Panik tendieren. Irgendwo in dieser Bandbreite wird sich momentan sicher jeder hin und wieder finden. Da kann man vielleicht ansatzweise erahnen, wie das alles für Menschen mit bereits vorher diagnostizierten Angststörungen und Depressionen sein mag.

Für sich genommen ist Angst aber etwas ganz normales, oder nicht?

Das Gefühl der Angst ist erst mal eine normale Reaktion auf eine zu erwartende Gefahr. Dabei soll sie uns Menschen helfen, die Lage möglichst schnell einschätzen zu können, um dann zu handeln: Kampf oder Flucht. Solange uns die Angst dabei nicht beherrscht und wir noch zwischen realer Gefahr und einem Phantom unterscheiden können, ist der kurzfristige Impuls der Angst sogar etwas, was uns helfen kann, im richtigen Moment eine Entscheidung zu treffen.

Das Wörtchen kurzfristig ist hier wohl von Bedeutung.

Absolut. Eine dauerhafte Angst- oder Stressreaktion macht den Menschen krank, unser Immunsystem wird runtergefahren und angreifbarer, unsere Gedanken- und Vorstellungskraft wird immer mehr eingeschränkt, unser Nervenkostüm wird immer dünner, die Belastbarkeits- und Leistungsgrenze sinkt und ist täglich schneller erreicht, unser Schlaf und die Verdauung funktionieren ebenfalls eingeschränkt.

All dies bedeutet, dass die Energie der Abwärtsspirale die das nach sich ziehen kann, immer kraftvoller und irgendwann sogar wie ein Sog zu werden scheint. Unser Fokus verengt sich dadurch automatisch und wir können nicht mehr in Möglichkeiten denken, sondern nehmen nur noch Begrenzungen wahr. Dinge, Menschen, Unternehmungen, die uns gut tun könnten, werden nicht mehr registriert, oder aber man zerdenkt sie sich kaputt.

Das klingt erst einmal erschreckend. Wie können wir dem denn entgegenwirken?

Rituale sind etwas ganz Wesentliches für unsere Ausrichtung in den Tag. Dazu würde ich folgende Tipps geben: Eine bewusste, ausgeglichene, regionale und möglichst frische Ernährung. Viel trinken, vor allem Wasser. Ausgewogene Bewegung an der frischen Luft. Das ist eine mittlerweile erwiesene Methode, um sich zu stärken, ausgeglichener zu werden. Und Bewusstes Atmen.

Bewusstes Amten?

Ja, bewusstes Atmen. Mehrmals am Tag für einen kurzen Moment innehalten und wahrnehmen, wie man atmet, ohne dies zu bewerten. Alleine durch diesen kleinen  Moment der Aufmerksamkeit, den man dem Körper schenkt, vertieft sich bereits die Atmung, der Körper wird besser mit Sauerstoff versorgt und man entspannt.

Wichtig ist aber auch: Lachen, so oft es geht, ohne darüber nachzudenken. Auch wenn es zu Beginn noch nicht aus dem Herzen kommt.Judith Hahn

Was ist denn mit den Nachrichten: Sollte man sich weiter informieren oder macht uns das nur mehr verrückter?

Auch Informationen kann man bewusst beziehen. Man sollte informiert sein, aber gut dosiert und aus ausgewählten Quellen und nicht einfach alles ungefiltert hinnehmen, sondern immer den Moment der Reflexion und eigenen Meinungsbildung erlauben. Lassen Sie mich aber noch was zum Thema entspannen sagen.

Bitte, sehr gern. 

Alles, was uns persönlich hilft, zu entspannen, kann nun von Vorteil sein. Warum also nicht die alten CDs mit Progressiver Muskelentspannung oder Autogenem Training wieder heraus kramen? Oder endlich mit Yoga anfangen. Ein Dankbarkeitstagebuch oder-Glas ist auch eine gute Idee.

Das müssen Sie genauer erklären. 

In dem eigens dafür vorgesehenen Tagebuch wird täglich mindestens eine Sache, ein Ereignis, eine Begegnung, ein Gefühl oder ähnliches notiert, welches einem an diesem Tag dankbar gemacht hat, zum Lachen gebracht, positiv berührt oder überrascht hat. Mit einem Dankbarkeitsglas verhält es sich ähnlich. Da wirft man täglich einen Zettel rein, auf dem das Glücks- oder Dankbarkeits- Highlight des Tages notiert ist. An den Tagen oder in den Momenten, an denen wir uns so gar nicht glücklich oder dankbar fühlen, nehmen wir diese kleinen Helfer dann zur Hand und lesen darin.

Wichtig ist aber auch: Lachen, so oft es geht, ohne darüber nachzudenken. Auch wenn es zu Beginn noch nicht aus dem Herzen kommt. Unser Gehirn kann es nicht unterscheiden, wenn wir die Mundwinkel hochziehen, kommt dort der Impuls „Glückshormone“ ausschütten an. Und man sollte sich auch erlauben, Hilfe zu holen. Das geht in diesen Zeiten auch online.

Die Corona-Krise bringt noch zwei andere, fast gegensätzliche Probleme mit sich: Zum einen fühlen sich viele von uns wegen der Distanz-Regeln einsam, zum anderen hocken wir ständig mit unseren engsten Familienmitgliedern zusammen und es gibt Streit. Haben Sie was das angeht auch ein paar Tipps?

Was die Einsamkeit angeht kann es schon helfen sich bewusst zu machen, dass man damit nicht alleine ist. Und dann kann man natürlich auch auf den jetzt noch möglichen Wegen dagegen aktiv werden: Wieder mal zum Telefon greifen, sich vielleicht nun doch mit der Technik auseinandersetzen und mit der Familie skypen, alte Hobbys, die früher am Herzen lagen, aber mangels Zeit immer verschoben wurden, wieder beleben. Oder ich nutze die Zeit, um Neues für mich zu entdecken und mich damit eher darauf zu fokussieren, welche Möglichkeiten ich gerade jetzt in meiner Situation habe – und nicht darauf, was zur Zeit alles nicht möglich ist.

Und auch denjenigen, denen es mit der Familie zu viel wird, sind nicht alleine. Diese Situation bringt alle Familien früher oder später an ihre Grenzen. Irgendwann sind alle Spiele ausgespielt, die Offenheit, die gemeinsame Zeit einfach zu genießen und füreinander zu nutzen, verpufft.

Ein achtsames und respektvolles Miteinander ist dann gefragt. Vielleicht sogar sich gemeinsam an einen Tisch setzen und darüber sprechen, wie man am besten damit umgeht, wer sich was wünscht und wer was dafür tut, um das Beste für alle daraus zu machen. Ebenso dürfen wir nicht vergessen, dass auch unsere Kinder mit teilweise für sie neuen Ängsten konfrontiert werden, dass auch sie zum Teil von der ständigen Anwesenheit der Eltern genervt sind und nicht nur umgekehrt. Es hilft, jedem Familienmitglied auch mal zu erlauben, zu meckern und sagen zu dürfen, wie sehr einen gerade alles nervt, ohne sich anschließend angegriffen zu fühlen oder sauer zu sein.

Wie geht es weiter, wenn wieder alles normal ist?

Für die Beantwortung dieser Frage, gilt es wohl vorab zu klären, was ist „normal“. Aber davon abgesehen, bin ich überzeugt davon und hoffe es sogar sehr, dass es nicht mehr werden wird wie vorher. Diese Situation hat unser komplettes Leben so sehr auf den Kopf gestellt, aus den Fugen gerissen, wie ein Betätigen der Reset-Funktion beim Handy oder am Computer. Anschließend dürfen wir unter Beweis stellen, was wir daraus gelernt haben, nämlich worum es im Leben und im Menschsein wirklich geht. In dieser Rückbesinnung liegt für mich die große Chance dieser Krise.