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Altstadtsanierung in den 60er Jahren: Ein Gespräch mit dem ehemaligen Bürgermeister Dr. Jochen ZweckerAls die Altstadt von Schuppen und Scheunen übersät war

ALSFELD (akr). Gerade einmal 30 Jahre war Dr. Jochen Zwecker alt, als er 1967 in das Amt des Bürgermeisters von Alsfeld eingeführt wurde. „Als junger Mann war das ein schöner Job, er hat mir viel Spaß gemacht. Ich behaupte mal, die sechs Jahre waren meine schönste Berufszeit“, erinnert sich der mittlerweile 83-Jährige zurück. Und gleich zu Beginn seiner Amtszeit wartete schon eine große Herausforderung auf den jungen Bürgermeister: die Altstadtsanierung. Über 50 Jahre ist das jetzt her, jetzt steht die zweite Altstadtsanierung an. Ein Rückblick auf die damaligen Ereignisse. 

„Ich saß abends im Rathaus, da hatte ich ein sehr schönes kleines Zimmerchen. Und dann kam auf einmal ein Doktor Gonsior mit Plänen unterm Arm an und sagte ‚Herr Bürgermeister, wir haben hier eine Bestandsaufnahme gemacht. Das ist für sie doch bestimmt interessant“, erzählt Dr. Jochen Zwecker. Die Pläne habe Georg Gonsior ihm dann über den Diaprojektor in seinem Zimmer vorgeführt. „Das ist eine Sache, die hat Zukunft“, fand Zwecker.

„Ich behaupte mal, die sechs Jahre waren meine schönste Berufszeit“, sagt Dr. Jochen Zwecker und blättert das Album durch, das er zum Ende seiner Amtszeit geschenkt bekam. Foto: akr

Diese Bestandsaufnahme war ganz einfach ein „ordentlicher“ Plan der Grundstücke und Gebäude, in dem vor allem auch die Substanz der Gebäude aufgelistet war. Sprich: Was stand noch, was war baufällig. „Das war noch kein Plan für die Zukunft, man wollte wissen, was nach dem Krieg und nach 20 Jahren Nachkriegszeit eigentlich noch da ist“, erklärt der 83-Jährige. Den Auftrag für die Bestandsaufnahme gab Zweckers Vorgänger, Georg Kratz.

Die Altstadtsanierung auf den Weg gebracht

Durch sein großes politisches Engagement habe Zwecker Glück gehabt: er kannte den damaligen Oberbürgermeister von Kassel Dr. Lauritz Lauritzen, der später Bundesbauminister wurde. „Den hab ich dann angerufen und gesagt: hör mal, wir haben hier eine tolle Sache, es geht um die Altstadtsanierung“, erzählt er. Dann habe er ihn besucht, ihm alles vorgelegt. „Da machen wir was, meinte er dann zu mir und rief den hessischen Minister an“, erzählt Zwecker.

Land und Bund waren nämlich gerade dabei, ein Modell für Altstadtsanierungen zu entwickeln, denn im Bund hatte es ein neues Bundesprogramm zur Städtebauförderung gegeben, um die alten Städte nach dem Krieg wieder aufzubauen oder zu erhalten. „Die Bundestagsabgeordneten waren sogar hier, um sich die Stadt anzugucken“, erinnert sich Zwecker.

12,5 Hektar umfasste das Gebiet der Altstadt, dass Ingenieur Georg Gonsior 1964 für seine Bestandsaufnahme unter die Lupe nahm. Dabei ermittelte er den Erhaltungszustand der Gebäude, ihre Art der Nutzung, die Größen der Wohnungen, die Eigentumsverhältnisse oder auch die Verkehrsbelastung, nur um ein paar Beispiele zu nennen. Heraus kam, dass die Stadt übersät war von Schuppen und Scheunen. Gonsior bezeichnete sie als „abbruchreif“. Darüber hinaus war nur knapp die Hälfte der Altstadtfläche bebaut. Doch dort wo sie bebaut war, da nahmen sich die Gebäude gegenseitig das Licht, es war viel zu eng.

Wo einst das Scheunenviertel war

„Ich erinnere mich an ein Haus im Scheunenviertel, also hinter der Mainzer Gasse, wo ein Schlafzimmer einfach in das Stockwerk des Nachbarhauses wuchs. Grundstücksgrenzen wurden einfach überschritten, gab es teilweise überhaupt nicht“, erklärt der ehemalige Bürgermeister. Gerade das damalige Scheunenviertel ist heute nicht mehr wiederzuerkennen. Dort findet man nämlich jetzt das Parkdeck Schnepfenhain sowie die vielen Garagen.

Ein Vorher-Nachher-Bild des Scheunenviertels.

„Das, was dahinten an Scheunen stand und nicht mehr nutzbar war, das nahmen wir weg und bauten dafür die Garagen und die Zufahrtstraße hin. Wir wollten den Geschäften die Möglichkeit geben, sich nach hinten auszuweiten“, erzählt er. Dadurch sollte mehr „Luft und Licht“ in die Stadt gebracht werden. „Ich würde es heute aber wahrscheinlich nicht mehr so machen. Ich würde mehr versuchen, das Alte zu erhalten“, gibt er zu. Das Scheunenviertel sei die einzige Ecke gewesen, wo man sagen könnte, dass das nicht ganz so glücklich verlief.

Dass die Scheunen abgerissen wurden, sei jedoch nicht einfach über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden worden. „Ich habe gemeinsam mit dem Kreisbaumeister, der Denkmalpflege und dem Stadtbaumeister mit jedem Grundstückseigentümer über unsere Planung gesprochen. Das war für mich das aller wichtigste in dem Zusammenhang“, betont er. Nur so sei es möglich gewesen, die Leute dahin zu bekommen, Verständnis zu zeigen und mitzumachen.

Kaum wiederzuerkennen: Das Märchenhaus.

Zielsetzungen für die Zukunft der Altstadt

Doch bei dieser Bestandaufnahme handelte es sich noch nicht um den rechtlich verbindlichen Altstadtsanierungsplan, es war die erste Stufe aus die dann der Altstadtsanierungsplan entstand. Aus seinen Untersuchungen setzte Gonsior folgende Zielsetzungen für die Zukunft der Alsfelder Altstadt fest:

  1. Die Gegenwärtige Funktion der Alstadt als Einkaufs- und Geschäftszentrum für die Stadt Alsfeld und das Umland muss erhalten bleiben
  2. Die Altstadt soll weiterhin Standort von kulturellen Einrichtungen der Verwaltung und anderen Dienstleistungen bleiben
  3. Das Wohnen in der Altstadt soll in Zukunft attraktiver werden durch Verbesserung und Modernisierung des alten Wohnungsbestandes und den Bau neuer Wohnungstypen. Gleichzeitig sind Grünanlagen und Spielplätze für Kinder sowie Stätten der Freizeit für die Jugendlichen und die älteren Menschen anzulegen.
  4. Der Altstadtkern muss in Zukunft durch Trennung der Verkehrsarten und durch Schaffung von Fußgängerzonen weitgehend vom Autoverkehr freigehalten werden.
  5. System, Element und Struktur der mittelalterlichen Altstadt sind zu erhalten. Das bedeutet die Renovierung der Fassaden, die Wiederherstellung alter Plätze und der Ausbau von Freiräumen

Aus diesen Schlussforderungen erstellte Gonsior dann einen Entwurf für den Altstadtsanierungsplan, der dann auch einstimmig von den Parlamentariern angenommen worden sei. Alsfeld war übrigens mit Hameln die erste Stadt in Deutschland, die einen solchen Plan hatte. Dieser Plan ermöglichte der Stadt dann die Zuschüsse für die Sanierung. „Die Zuschüsse flossen aber zum größten Teil an die Eigentümer der Grundstücke und nicht an die Stadt“, erzählt er. An genaue Zahlen erinnere sich Zwecker aber nicht mehr. Immerhin ist das mittlerweile 50 Jahre her.

Die Stadt sei dann in vier Planungsbereiche eingeteilt worden, „weil es einfach ein ziemlicher Batzen Arbeit war“, erinnert sich Zwecker. 1968 sei der Bereich zwischen Obergasse und Mainzergasse zum ersten Sanierungsbereich erklärt worden. „Die Altstadtsanierung war aber keine Maßnahme von ein paar Jahren“, erklärte der ehemalige Bürgermeister. Der Plan gelte nämlich so lange, bis es einen neuen gebe. Die genaue Realisierung habe Zwecker aber nicht mehr mitbekommen, die übernahm dann sein Nachfolger Ulrich Lipphardt, der ihn nach sechs Jahren im Amt 1973 ablöste.