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IKEK: Bürger-Werkstatt zur Stärken und Schwächen AnalyseLeuseler arbeiten Stärken und Schwächen ihres Dorfes heraus

LEUSEL (akr). Rund drei Wochen ist es her, als den Alsfelder Ortsteilen bei der Auftaktveranstaltung im Hattendorfer Gemeinschaftshaus im Rahmen des integrierten kommunalen Entwicklungskonzeptes (IKEK) mitgeteilt wurde, selbstständig Stärken und Schwächen ihres Dorfes herauszuarbeiten. Aus dieser Analyse sollen dann letztendlich Ziele gesetzt werden, die es in den Ortschaften anzugreifen gilt. In Leusel stand am Mittwochabend eine solche „Bürger-Werkstatt zur Stärken-Schwächen-Analyse“ auf dem Programm.

Doch zunächst einmal ein kurzer Rückblick: Das Hessische Umweltministerium will den ländlichen Raum stärken und dabei besonders die Dorfentwicklung in hessischen Kommunen. Ziel ist es dabei, die Dörfer im ländlichen Raum als attraktiven und lebendigen Lebensraum zu gestalten und durch eine eigenständige Entwicklung die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Potenziale vor Ort zu mobilisieren.

Dabei sollen in Ortskernen zentrale Funktionen gestärkt werden, um eine zukunftsfähige Wohn- und Lebensqualität zu erhalten.

Noch sind die weißen Plakatwände leer, doch am Ende des Abends wird das nicht mehr der Fall sein. Fotos: akr

Auch die Innenentwicklung der Dörfer soll gestärkt, die Energieeffizienz gesteigert und der Flächenverbrauch verringert werden. Doch dieser Wandel brauche eine nachhaltige Strategie, wie sich eine Kommune insgesamt entwickeln soll und welche Funktionen die einzelnen Ortsteile dabei übernehmen. Und dazu braucht es ein sogenanntes integriertes kommunales Entwicklungskonzept (IKEK), das sich auf alle Ortsteile einer Kommune bezieht. Zunächst einmal soll jeder Stadtteil seine Stärken und Schwächen herausarbeiten.


Und genau das war am Mittwochabend in Leusel der Fall. Von den 657 Einwohnern zog es allerdings nur 15 in die Mehrzweckhalle, um die Stärken und Schwächen, Besonderheiten, Defizite und Potentiale des Dorfes herauszuarbeiten. Um konkrete Maßnahmen ging es dabei noch nicht. Es ging darum festzustellen, was in Leusel gut und was schlecht ist. Auf Karteikarten hielten die Teilnehmer dann ihre Anreize, Ideen und Gedanken fest. Negatives wurde auf roten, Positives auf grünen Karten notiert – und dabei kam einiges zusammen.

Fleißig notierten die Anwesenden positive und negative Aspekte.

Besonders positiv wurde das aktive Vereinsleben in Leusel hervorgehoben, denn was Vereine und Initiativen angeht, ist der 657-Seelen-Ort sehr gut aufgestellt. So gibt es beispielsweise den Musikverein, den Carnevalclub, die Sportvereinigung oder die Freiwillige Feuerwehr – um nur einige zu nennen.

Auch die Feinschmeckerei und die Bäckerei vor Ort zählen zu den Dingen, die die Leuseler an ihrem Dorf schätzen. Verschiedene Dorfveranstaltungen, zwei tolle Pfarrer, die ansässigen Firmen vor Ort, die Erneuerung der B62, die zwei Spielplätze, die Nähe zur Stadt und gleichzeitig auch zur Natur sind ebenfalls einige Dinge, die den Leuselern an ihrem Dörfchen gefallen.

Ortsvorsteher Ralf Lämmer ordnete gemeinsam mit den Teilnehmern die Karten den jeweiligen Handlungsfeldern zu.


Und weil man bekanntlich mehr zu den Dingen zu sagen hat, die einen stören, als zu den Dingen, die man gut findet, gab es natürlich auch einige rote Karten. Immerhin sollen in den Ortskernen ja die zentralen Funktionen gestärkt werden, um eine zukunftsfähige Wohn- und Lebensqualität zu erhalten.

Schwächen sehen die Leuseler beispielsweise in den Einkaufsmöglichkeiten für Senioren, dass es keinen Jugendraum mehr gibt, die Verkehrssituation und der Lärm der B62, die Umgebung der Kirche, die wenigen Busse in die Kernstadt, die Parkplatzsituation am Friedhof und an der Mehrzweckhalle sowie in Sachen Denkmalschutz.

Mittels roter Punkte sollten die Leuseler Prioritäten setzen.

Nachdem die Ergebnisse gesammelt und gemeinsam den acht Handlungsfeldern (Tourismus und Landschaft, Mobilität und Erreichbarkeit, bürgerliches Engagement, städtebauliche Entwicklung und Wohnen, Kultur/Brauchtum/Freizeit, Daseinsvorsorge/Basisinfrastruktur/Grundversorgung, Energie/Klimaschutz/Ressourcenschutz sowie weitere Themen) zugeordnet wurden, sollten die einzelnen Aspekte gewichtet werden: Was ist am bedeutendsten, wo besteht der größte Handlungsbedarf? Dafür bekam jeder Teilnehmer sechs rote Punkte, maximal drei durften pro Kärtchen geklebt werden.

Und wo besteht den Leuselern zufolge der größte Handlungsbedarf? Zum einen ist die Umgebung der Kirche den meisten Teilnehmern ein Dorn im Auge, und das schon seit Jahren. Doch weil der Platz in Privatbesitz ist, sind den Dorfbewohnern die Hände gebunden, um etwas gegen das dort herrschende Chaos zu unternehmen. Viele rote Punkte erntete auch die Karte „Einkaufsmöglichkeiten für ältere Mitbürger“. Hier überlegten sich die Anwesenden, ob man nicht so etwas wie Sammeleinkäufe für Senioren einführen könnte.


Die Umgebung des Kirchplatzes könnte ein mögliches Projekt sein.

Ein weiteres Problem sei, dass viele Häuser und Gehöfte entlang der Hauptstraße dem Ensembleschutz unterliegen. Alle von außen sichtbaren Veränderungen an Fassade und Dach müssen von den Denkmalbehörden genehmigt werden. So kann man nicht eben mal die Fenster erneuern, die Fassade streichen oder eine Photovoltaikanlage auf dem Dach anbringen. „Wir haben ja an sich kein Problem mit Denkmalschutz, sondern vielmehr, wie damit umgegangen wird. Eigentümer haben kein Mitspracherecht mehr“, sagte ein Teilnehmer und erntete die Zustimmung der anderen.

Die Ergebnisse der „Stärken und Schwächen Analyse“ wird Ortsvorsteher Ralf Lämmer protokollieren und an das Ingenieurbüro weitergeben. Die Aufbereitung der Ergebnisse bilde die Grundlage für die Weiterarbeit durch das Planungsbüro. Im Juni soll es nämlich mit der Umsetzungsphase los gehen. Ob es dann endlich konkreter wird, konnte nicht geklärt werden.

„IKEK ist einfach viel zu abstrakt“, sagte ein Teilnehmer. Man wisse ja nicht einmal, wie viel Fördergelder zur Verfügung stehen, denn für ein paar Tausend Euro müsse man nicht so einen Aufriss machen. Wie es in Sachen Dorferneuerung also weiter gehen wird, zeige sich spätestens im Juni. Bis zum 17. Mai haben die einzelnen Ortsteile noch Zeit, Stärken und Schwächen herauszuarbeiten.


Ein Gedanke zu “Leuseler arbeiten Stärken und Schwächen ihres Dorfes heraus

  1. …und eine Buddel voll Rum. Frei nach „Die Schatzinsel“ (4-teilige Fernsehserie von 1966). Der Soundtrack eignet sich hervorragend als IKEK-Lied (man beachte die starken Demografie- und „abgehängte ländliche Regionen“-Bezüge):
    Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
    jo-ho-ho, und die Buddel voll Rum!
    Fünfzehn Mann an der krummen, dürren Küste,
    jo-ho-ho, und die Buddel voll Rum!
    Und sie hörten den Teufel in den Klippen singen,
    jo-ho-ho, in der Buddel voll Rum!
    Und sie leckten den Tau von den Messerklingen,
    jo-ho-ho, jo-ho-ho, jo-ho-ho, jo-ho-ho
    ________
    P.S.:
    „IKEK ist einfach viel zu abstrakt“ (Teilnehmer-Zitat). Richtig erkannt! Vor allem aber besteht einerseits eine grundsätzliche Diskrepanz zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes (Ensembleschutz) und den Eigentümer-Rechten. Andererseits sind die Rechte der Gemeinde gegenüber Eigentümern, die ihre Anwesen verwahrlosen lassen, zu gering. Da wird es lange Gesichter geben, wenn die „konkreten Maßnahmen“ zur Debatte stehen. Wo es um mehr geht als um Dorfverschönerung, hat der Bürger nämlich plötzlich nichts mehr zu sagen.
    Wer Lust hat, kann ja gern Stärken und Schwächen seines Dorfes sammeln und diese dann acht vorgegebenen Themenfeldern zuordnen, um dann anschließend wieder einige wenige („die wichtigsten“) auszusortieren. Und was mache ich jetzt mit den wichtigsten Stärken und Schwächen, die sich ja unter Umständen gegenseitig bedingen oder ausschließen können? Man denke nur an touristische Belange (schöne Landschaft) und die Versorgung mit alternativer Energie („Verspargelung“ der Landschaft). Für ein paar Verbesserungsvorschläge (Jugendraum, Einkaufsmöglichkeiten für Senioren, Lärmschutz wegen der B62) braucht man kein kompliziertes Verfahren mit teuren Beratern. Da steckt man das Geld lieber gleich in den Bürgerbus.

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