Die Firma Lackdiegel. Foto: ls

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Alsfelder Traditionsfirma gehört nun zu US-KonzernLackdiegel an Ferro verkauft – Standort soll erhalten bleiben

ALSFELD (jal). Die Alsfelder Traditionsfirma Ernst-Diegel GmbH, die landläufig unter „Lackdiegel“ bekannt ist, hat einen neuen Besitzer. Wie die Firma gegenüber Oberhessen-live bestätigte, wurde das Unternehmen an den US-Konzern Ferro verkauft. Der Standort in Alsfeld soll erhalten bleiben. Auch für die Mitarbeiter soll sich wenig ändern.

Verkauft wurde die Firma Ernst Diegel GmbH nebst Hallen, Maschinen und Anlagen sowie dem Grundstück in der Straße, die nach dem Firmengründer benannt ist und etwa 26.000 Quadratmeter umfasst. „Ferro plant den Standort in Alsfeld auf jeden Fall zu halten und bei Bedarf auch weiter auszubauen“, antwortete ​Jens Rautengarten, Geschäftsführer von Lackdiegel, schriftlich auf die Fragen von Oberhessen-live. Der Standort in Alsfeld biete viele Vorteile. So sei die Firma gut an die Verkehrsinfrastruktur angebunden und biete Platz für Erweiterungen der Produktionskapazitäten.

Auch der Name Diegel solle erst einmal bestehen bleiben. Auf einer Seite im Internet, auf der die Firmen aufgelistet sind, die zum Ferro-Universum gehören, ist der Name „Diegel Creative Coatings, A Ferro Company – Ernst Diegel GmbH“ zu lesen.


Derzeit beschäftige man 85 Mitarbeiter in Alsfeld. „Kurz- und mittelfristig sind keine wesentlichen Stellenkürzungen oder -streichungen geplant“, heißt es von Rautengarten auf die Frage, was der Verkauf für die Alsfelder Jobs bedeute. Man gehe „von normaler Personalfluktuation aus“.

Möglichkeit für Wachstum als Vorteil

Die Mitarbeiter, so sagt Rautengarten, würden den Schritt „überwiegend positiv“ sehen. Und auch er persönlich sehe darin eine „tolle Chance für den Standort, auch langfristig wettbewerbsfähig zu sein“. Der Zugang zu einem internationalen Vertriebsnetz sowie Möglichkeiten für Investitionen und Wachstum sind für Rautengarten die Vorteile des Verkaufs, jedoch sieht der Geschäftsführer auch die Nachteile, die eventuell dadurch auftreten könnten. So könne es sein, dass durch die neue Konzernstruktur Entscheidungen komplexer würden und länger dauern könnten.

Der Verkauf von Lackdiegel war Rautengarten zufolge nötig geworden, da sich aus der alten Gesellschafterfamilie kein Nachfolger finden lassen konnte. Ein Teil dieser Familie ist der Orthopäde Dr. Christoph Harlfinger aus Bad Hersfeld, der lange Zeit die Rolle des Geschäftsführenden Gesellschafters inne hatte und vom Branchendienst „Farbe und Lack“ in einem Porträt einmal „als einzigartiger Zeitgenosse in der Lackbranche“ beschrieben wurde, weil er über Jahrzehnte neben seiner Arztpraxis auch die Geschicke in der Alsfelder Fabrik steuerte.

Harlfinger fand sein Weg Mitte der 80er-Jahre in die Firma, als sein Schwiegervater wegen gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen ausscheiden musste. „Es gab kein langes Hin und Her. Ich habe einfach getan, was getan werden musste. Manchmal muss man einfach machen“, wird Harlfinger in dem Porträt zitiert. Er führte das 1870 gegründete Familienunternehmen in vierter Generation. Nach dem Verkaufspreis gefragt, sagte Geschäftsführer Rautengarten, über die genaue Summe sei Stillschweigen vereinbart worden. Der Betrag sei jedoch „dem Potenzial von Diegel angemessen“.

Seit dem 1. September gehört die Firma dem US-Riesen Ferro, der von der vorhergehenden Besitzgesellschaft alles vollständig übernommen hat. Das Unternehmen mit Sitz in Mayfield Heights, Ohio, gilt als eine der größten Firmen der Welt in Sachen Spezialbeschichtungen. Früher vor allem in der Emaileproduktion tätig, produziert es heute auch Beschichtungen für die Elektronindustrie und Keramikmaterialien. Produkte der Firma sind einem Bericht der FAZ zufolge in den unterschiedlichsten Gegenständen zu finden. In dem schwarzen Rand an den Fensterscheiben im Auto, zum Beispiel. Oder in Zahnersatz. Oder bunten Dachziegeln. Die Firma produziert an mehr als 40 Standorten weltweit und hat der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge mehr als 5600 Mitarbeiter.

Auf der Internetseite eines Unternehmens, das ebenfalls zum Ferro-Universum gehört, ist zu lesen, weshalb die Amerikaner die Alsfelder Firma interessant fanden. „Diegel ist einer der weltweit größten Hersteller wässriger Industrielacke, der sich unter anderem auf den Nischenbereich organischer Lacke für die Anwendung auf Glas spezialisiert hat.“

Jahresumsatz von etwa 15 Millionen Euro in Deutschland

Auch Produkte aus der Alsfelder Fabrik begegnen einem im Alltag an den unterschiedlichsten Stellen. Die Firma erklärt selbst auf einer Website, auf der sie um neue Mitarbeiter wirbt: „Unsere Kunststofflacke finden Sie z.B. im Automobil-Innenbereich, auf Radioblenden und -tasten, Navigationsgeräten, Tachogehäusen oder Lüftungsgittern. Unsere Glaslacke sind z.B. auf Vasen und Flaschen, Lampenschirmen oder Kosmetikflakons appliziert.“ Auf der undatierten Website heißt es zudem, in Deutschland werde ein Jahresumsatz von etwa 15 Millionen Euro erzielt.

Die Kernkompetenz im Bereich Automobil- und Glaslacke soll Rautengarten zufolge für Diegel in Alsfeld bestehen bleiben. Jedoch sollen neue Produkte aus dem Hause Ferro hinzukommen und in Alsfeld entwickelt, produziert und verkauft werden. Man sei gerade damit beschäftigt, die Firma in die verschiedenen Plattformen den Ferro-Konzerns zu integrieren, was zum Beispiel die IT und Personalabteilung betrifft. Ansonsten laufe das Tagesgeschäft wie gewohnt weiter.

Studierte in Erfurt Staats- und Geschichtswissenschaften, ist Mitbegründer von Oberhessen-live und seit 2017 Chefredakteur des Magazins. Hat bei der HNA in Kassel volontiert, danach Stationen bei SPIEGEL ONLINE in Hamburg und der Süddeutschen Zeitung in München. Sammelt eine Auswahl seiner Arbeiten auf diesem Blog.

Ein Gedanke zu “Lackdiegel an Ferro verkauft – Standort soll erhalten bleiben

  1. Ein US Konzern bedeutet in den seltensten Fällen was gutes. Es wird ein anderer Wind wehen und für einen so großen Konzern ist es kein Problem so einen Standort zu schließen. Wie schon erwähn fängt es mit Stellenstreichungen an. Das bedeutet meistens Mehrbelastung für jeden Mitarbeiter. Es kann gut gehen, die nächsten Jahre werden es zeigen.

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