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Seit elf Wochen im Amt: Interview mit Stadtbrandinspektor Daniel Schäfer„Ich möchte meinen Fußabdruck hinterlassen“

ALSFELD (ls). Seit knapp elf Wochen hat Alsfeld einen neuen Stadtbrandinspektor – und der hat in den letzten Wochen schon so einige Einsätze miterlebt. Von witzig über spektakulär bis zu einzigartig. Jetzt ist es an der Zeit, dem neuen Feuerwehrchef auf den Zahn zu fühlen. Was war sein größter Einsatz, was macht er eigentlich Privat und was möchte er besser machen? Stadtbrandinspektor Daniel Schäfer im Interview.

Berufsfeuerwehrmann in Frankfurt und in der Freizeit bei der Freiwilligen Feuerwehr in Alsfeld: Das Leben von Daniel Schäfer dreht sich seit vielen Jahren fast ausschließlich um die Feuerwehr. Seit gut zwei Monaten ist der 39-Jährige sogar als Stadtbrandinspektor seiner Heimatstadt Alsfeld tätig. Gut 250 Einsätze fährt er mit den großen roten Feuerwehrautos im Jahr – und das nur in Alsfeld. Ein viel beschäftigter Mann. Wie er dazu kam, ob er schon als Kind Feuerwehrmann werden wollte und wie er mit Kritik gegenüber den Einsatzkräften umgeht, das verrät er gegenüber Oberhessen-live in einem Interview.

Interview mit Stadtbrandinspektor Daniel Schäfer

Oberhessen-Live: Hallo Herr Schäfer, schön, dass Sie sich Zeit genommen haben. Wie oft ist denn heute schon die Sirene ertönt?

Daniel Schäfer: Heute zum Glück noch gar nicht. Heute ist es noch ziemlich ruhig. Gestern Morgen war der letzte Einsatz, da war ich selbst aber nicht beteiligt, weil ich in Frankfurt im Dienst war.

Sie sind neben der Freiwilligen Feuerwehr in Alsfeld auch noch als Berufsfeuerwehrmann in Frankfurt tätigt und hier in Alsfeld bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wie kam es dazu?


Ich bin beruflich bei der Feuerwehr in Frankfurt – als Hobby bin ich bei der Feuerwehr in Alsfeld. Mein ganzes Leben besteht praktisch aus der Feuerwehr. Ich bin eigentlich ganz klassisch dazu gekommen – also über die Jugendfeuerwehr. Und dann bin ich in die Einsatzabteilung gerutscht und da seit 1995 tätig. So langsam habe ich dann den Aufstieg in die höheren Ränge gemacht. Irgendwann war dann mal die Frage über einen möglichen Jobwechsel und dann habe ich mein Hobby zu meinem Beruf gemacht und bin seit dem in Frankfurt bei der Berufsfeuerwehr. Gelernt habe ich ursprünglich mal den Beruf des Schreiners. Ich bin also Schreiner, Berufsfeuerwehrmann und jetzt auch noch Rettungsassistent dazu – das mache ich in Frankfurt nämlich auch noch.

Das ist eine ganze Menge. Also war der Beruf des Feuerwehrmanns für Sie kein Klein-Jungen-Traum?

Ich muss ehrlich zugeben: so ein klassischer Kindheitstraum – so von klein auf – war es nicht. Natürlich haben mich die roten, großen Autos und das Blaulicht fasziniert. Mit Freunden bin ich dann aber zur Jugendfeuerwehr und dort irgendwie hängen geblieben. Durch Zufall war das damals schon mit meinem heutigen Stellvertreter Carsten Schmidt – wir waren gemeinsam bei der Jugendfeuerwehr und sind immer noch zusammen hier.

Jetzt sind Sie schon seit ein paar Monaten offiziell im Amt des Stadtbrandinspektors. Wie genau läuft Ihre Arbeit ab? Was machen Sie seit dem anders?

Laut Gesetzestext ist er der Leiter und Hauptverantwortliche der Feuerwehr der Stadt Alsfeld. Was dahinter steckt merke ich auch jeden Tag immer wieder neu. Es sind oft viele Kleinigkeiten. Organisatorisches rund herum: Fahrzeugbeschaffung, Planung in der Kleinteilbeschaffung. Von der Einsatzkleidung angefangen bis hin zu Reparaturen oder Ersatzteilbeschaffung. Der Rest ist zum Großteil bürokratisch. Der Einsatzdienst kommt dann nochmal dazu, aber das ist der kleinste Teil. Wir fahren zwar um die 250 Einsätze im Jahr, aber das ist entspannt – weil ich genau weiß, was ich zu tun habe. Bei dem Rest bin ich in vielen Sachen noch am reinfinden.


Anderes Anspruchsdenken in der Großstadt

So was dauert seine Zeit. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie den Posten als Stadtbrandinspektor übernommen haben?

Also der Posten war ja nicht besetzt. Dann gab es Gespräche mit denjenigen, die das nach ihrem Ausbildungsstand machen konnten, etwa eine Hand voll Leute. Und dann habe ich mich mit Carsten Schmidt und Kevin Planz zusammengesetzt wie man es denn machen könnte. Resultat: Wir haben uns dazu entschieden, dass wir drei uns als Team aufstellen lassen. Dieser Wahlvorschlag wurde auch durch alle Stadtteilfeuerwehren mitgetragen und unterstützt. Wir kennen uns lange, wir arbeiten schon lange genug miteinander und wir wissen, dass wir das zu dritt gut hinbekommen würden – einfach ein eingespieltes Team. Wir wollen den Stand halten, den Ausbildungsstand verbessern und den Ruf den wir hier haben weiter ausbauen, das sind unsere Ziele. Man hängt mit Herzblut an der Feuerwehr und deshalb will man sie weiter bringen.

Beruflich in Frankfurt und in der Freizeit Alsfeld. Können Sie einen Unterschied ziehen?

Es gibt schon kleinere Unterschiede, aber generell löschen wir alle mit Wasser, haben die gleichen Autos und machen auch das Gleiche. Berufsfeuerwehr ist halt ein bisschen was anderes – wir haben ja nichts anderes zu tun als Feuerwehr. Man macht die Ausbildung und hat ja auch viel mehr Zeit für die Feuerwehr. Das macht vieles einfacher.

Hier in Alsfeld müssen die Feuerwehrleute das noch neben dem normalen Beruf machen. Freiwillige Feuerwehr ist in solchen Sachen auf jeden Fall anspruchsvoller für die Leute, weil sie mit dem arbeiten müssen, was kommt und nicht jeder ist perfekt ausgebildet in allem. Bei der Berufsfeuerwehr ist das anders: Alle haben den gleichen Ausbildungsstand. In Alsfeld sind die Leute top motiviert, aber für sie ist es schwieriger sich alles zu merken – es ist anspruchsvoller.


Und wo passieren denn die interessanten Einsätze – in der großen Stadt oder hier auf dem Land?

Das ist schwer zu pauschalisieren. Ich muss immer wieder feststellen, dass eigentlich immer die gleichen Sachen passieren. In der Großstadt gibt es aber ein anderes Anspruchsdenken. Da fährt man dann doch schon mal für Einsätze raus, wo die Leute hier noch selbst mit anpacken. Auch hier passiert das mal, dass man zu einem vollgelaufenen Keller gerufen wird – in Frankfurt passiert das öfters, da die Leute denken, die Feuerwehr sei ein Dienstleister. Aber hier bekomme ich einfach mehr mit, weil ich ja wirklich zu fast jedem Einsatz mit ausrücke.

Freiwillige Feuerwehr: Ein kompliziertes und anspruchsvolles Hobby

In Alsfeld brennt es – was passiert hier in deinem Büro?

Die Leitstelle bekommt den Anruf, die alarmieren uns über den Meldeempfänger, den jeder an seinem Gürtel hat. Dann klingelt es – egal wo man gerade ist: im Bett, unter der Dusche, beim Frühstück, beim Sport oder sonst wo – und dann muss man so schnell wie möglich hier runterkommen. Schnell umziehen, ab ins Auto und los zur Einsatzstelle.

Insgesamt haben wir – mit den Feuerwehren der Stadtteile – um die 350 aktive Leute. In Alsfeld Kernstadt gibt es verschiedene Stufen bei denen die Leute je nach Einsatzgröße alarmiert werden. Wenn was in den Stadtteilen passiert kommt die Feuerwehr des Stadtteils dazu oder sind schon vor Ort bevor wir eintreffen.


Das klingt kompliziert, schließlich kann nicht immer jeder wenn er gerade benötigt wird.

Ja, ist es auch. Das kommt vor und dann wird vorher schon getauscht oder eine Vertretung gefunden. Auch muss so was mit dem Arbeitgeber abgesprochen sein – man kann ja nicht ständig einfach so verschwinden. Das macht das Leben eines Feuerwehrmannes nicht ganz so einfach. Aber wir genießen einen guten Ruf, so dass viele Arbeitgeber kein Problem damit haben. Aber trotzdem – es fehlt ja überall an Arbeitskraft. Grade bei großen Einsätzen wie dem Bückingbrand, da waren zum Beispiel von einer mittelständischen Firma aus einem Stadtteil, vier Mitarbeiter zeitgleich im Einsatz. Da steht dann besonders in kleinen Firmen mal schnell der Betrieb still. Aber wir haben hier einen hohen Stellenwert und die meisten Arbeitgeber machen da mit. Wofür wir auch sehr dankbar sind.

Von schlimmen, zu spannenden über witzige Einsätze

Da sind Sie schon beim Stichwort: Bückingbrand. War der Brand so mit der größte Einsatz den Sie mitgemacht haben? 

Ja, klar. Der größte Einsatz war der Bückingbrand – selbst im Vergleich mit Frankfurt. Der Bückingbrand war sehr anspruchsvoll – gerade am Anfang. Ich war mit einer der ersten Kräfte vor Ort. Man musste viel mitdenken und viele kreative Lösungen finden. Das war aber nicht nur der größte Einsatz, sondern auch der, bei dem die meisten Bilder im Kopf hängen geblieben sind. Ich habe damals am Mittwochmorgen um 5.20 Uhr angefangen und bis Donnerstagabend gearbeitet – mit kleineren Unterbrechungen. Freitag musste ich wieder nach Frankfurt in den Dienst.

Was war denn der größte Einsatz als Stadtbrandinspektor?


Also da ich ja erst wenige Wochen im Amt bin, ist das relativ übersichtlich. Der Brand der Acetylenflasche in Schwabenrod. Das ist ein Szenario was man viel übt, aber was in der Realität nicht allzu oft passiert. Es war zwar nicht so ein großer Brand, aber der Einsatz war anspruchsvoll. Das ist wirklich so ein Einsatz für einmal im Feuerwehrleben. Das ging ja doch sehr glimpflich aus, aber wenn man als Einsatzleiter da steht am Anfang, dann ist das schon knifflig.

Gibt es neben den kniffligen und den sagen wir einmal – weniger schönen Brandeinsätzen, denn auch witzige Einsätze?

Ohja, der Waschbär vor wenigen Wochen. Wenn man da seitlich steht und sieht erwachsene Männer so um das Auto rumkriechen, ist das schon wirklich witzig.

Passiert es öfter, dass die Feuerwehr zu solchen Einsätzen ausrückt?

Ja, das kommt immer mehr. Egal ob Tiere oder sonstiges. In Alsfeld wird ja schon gemunkelt ich sei der tierliebste Stadtbrandinspektor. Katzen im Verteilerkasten, ein Waschbär im Auto oder die Taube auf dem Erlenteich. Solche Einsätze passieren immer mehr – auch der klassische Katze-im-Baum-Einsatz. Es gibt da aber so einen Feuerwehrspruch „Ich hab noch nie ein Katzenskelett im Baum gesehen“ – irgendwie kommen sie auch ohne unsere Hilfe runter. Aber manchmal muss man doch schon in den Einsatz, besonders weil die Herrchen sich Sorgen machen.


Was sind denn tatsächlich die meisten Einsätze?

Brände werden immer weniger – besonders auch den Rauchmeldern gedankt. Die Leute haben die Rauchmelder und da werden viele Brände viel früher erkannt, dass es gar nicht erst so weit kommt. Das meiste sind tatsächlich technische Hilfeleistungen: Wasser im Keller, Unfälle, Öl auf der Straße, Tierrettung und Baumbeseitigung nach Unwettern. Unwetter bestimmen einen großen Teil davon – auch weil es so schnell geht. Bei einem schlimmen Unwetter kommen dann mal schnell 70 Einsatzorte in einer Nacht auf – aber eher kleinere Einsätze. Die wirklich größeren Einsätze werden weniger – zum Glück.

Wie viele Einsätze haben Sie schon erlebt, wo tatsächliche Menschen zu Schaden kamen?

Gute Frage. Leider viel zu viele. Das sammelt sich über die Jahre so an. Mein erster Einsatz war ein Verkehrsunfall mit Todesfall. Davon habe ich noch so viele Bilder im Kopf – das sind einfach so Sachen, die vergisst man nicht. Tote gab es einige – auch Verletzte leider viele – gerade bei Verkehrsunfällen. Das ist nicht immer schön.

Der Wunsch: Einen Fußabdruck hinterlassen

Das glaube ich. Wie schaffen Sie es sich nach so einem Einsatz dann in der Freizeit abzulenken?


Das Beste was hilft ist, sich darüber zu unterhalten. Das ist sehr wichtig. Bei meinem ersten Einsatz hatte ich selbst noch zwei Wochen nach dem Einsatz einen eigenartigen Geruch in der Nase und dann habe ich darüber mit meinen Kameraden gesprochen. In sich rein fressen hilft da leider gar nicht. Ich versuche auch als Stadtbrandinspektor einen Blick auf so etwas zu haben. Es gibt Kollegen, die so was noch nie mitgemacht haben – gerade bei den jüngeren – oder die einfach mit manchen Sachen nicht so gut umgehen können. Das ist halt so und gehört dazu. Das ist kein Problem. Wir habe genug Aufgaben rund herum – dann gehen sie eben einen Schritt nach hinten. Naja und nach dem Reden kommt dann immer der Sport. Joggen gehen, auspowern und einfach auch die Gedanken los lassen. Da muss aber jeder seine eigene Methode finden – mir hilft das. Man kann aber niemanden etwas vorschreiben – jeder muss seinen Weg finden.

Zwar hat die Feuerwehr einen guten Ruf, doch trotzdem gibt es Kritik. Wie reagieren Sie auf so etwas?

Ich sag mal so, der klassische Bordsteinkommandant von früher hat sich mittlerweile in die sozialen Medien ausgebreitet. Es gibt viel Kritik an der Feuerwehr. Alles wird kommentiert und kritisiert. Viele Sachen ignoriere ich – besonders Kommentare. Man selbst weiß am besten wie es im Einsatz war. Ein Bild kann viele Sachen sehr deutlich darstellen – aber auch viele Situationen verzerren. Wenn es aber eine gerechtfertigte Kritik ist, bin ich sehr gerne bereit mit jedem offen in ein Gespräch zu gehen – aber indirekte und namenlose Kritiken finde ich nicht gut.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft als Stadtbrandinspektor?

Dass sich die Feuerwehr weiter verbessern kann, wir den Ausbildungsstand weiter verbessern können, eine weitere tolle Zusammenarbeit mit der Stadt, dem THW, den umliegenden Feuerwehren und dem Rettungsdienst und natürlich: Möglichst wenig Einsätze, bei denen Menschen zu Schaden kommen. Und das ich meinen Fußabdruck bei der Freiwilligen Feuerwehr in Alsfeld hinterlassen kann. Dass die Menschen in 20 Jahren vielleicht einmal zurückblicken und daran denken: Ach der Schäfer hat das damals gemacht. Einfach dass man merkt, dass man etwas bewegt.