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Weihnachten, was ist das in unserer Zeit?– Eine Betrachtung aus jugendlicher SichtFeiertage bieten Gelegenheit zum Nachdenken

Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Besinnlichkeit, so sagt man jedenfalls. Am Abend des 24. Dezembers trifft man sich mit der Familie, isst, lacht, packt Geschenke aus. Die folgenden Tage wiederholt sich der Gang zum gedeckten Tisch, der Besuch von Verwandten oder der ein oder andere Weihnachtspielfilm im Free-TV. Die Wochen vor Weihnachten sind hier bereits schon lange vergessen: Niemand weiß mehr, wie er gestresst durch überfüllte Warenhäuser gehuscht ist und sich müßig zum Ruhigbleiben motiviert musste, um im verloren gegangenen Tatendrang Wünsche zu erfüllen. 

Weihnachten ähnelt einem Teig aus aktiven Vergessen auf der einen Seite und dem freudigen Beschenken auf der anderen Seite. Da fragt man sich natürlich, ob Weihnachten überhaupt noch Sinn macht. Die Vorbereitung ist lang, die Freude teilweise kürzer und das Bewusstsein für die Realität schläft teilweise einfach ein.

Dass auf der Welt viele schlimme Dinge passieren, ist keine neue Erkenntnis. Trotzdem ist sie weltbewegend. Schließlich ist jeder von uns irgendwie betroffen – manche mehr und manche weniger. Nur weil man selbst vielleicht nicht unbedingt maßgebend in das Geschehen involviert ist, sollte man nicht gleich die Augen verschließen. Im Gegenteil – selbst an Weihnachten sollte man den Mut haben hinzusehen und zu reflektieren. Ich gebe zu, Feiertage verleiten uns zu der Annahme einer Ausnahmesituation: Die meisten von uns haben frei und genießen das in vollen Zügen. Dennoch macht das Leben keinen Halt. Erschütternde Vorfälle gehen nach wie vor weiter.

Ich sage nicht, dass wir nun alle untröstlich traurig sein sollten. Das würde nämlich ebenfalls einem Ohnmachtsgefühl gleichkommen. Vom „Kopf-in-den-Sand“ stecken ist schließlich noch nirgendwo Hoffnung gewachsen. Nichtsdestotrotz sollten wir uns bewusst sein, dass Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Ein Dach über dem Kopf, Wärme, Familie – all dies, ist nicht selbstverständlich. Wir können uns lediglich kein Leben ohne diese Komponenten vorstellen, weil wir wahrscheinlich einfach in keiner Situation waren, die auch nur eines davon dauerhaft weggenommen hat.

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Auch wenn der Begriff Frieden doch recht dehnbar ist, können wir behaupten, dass wir in Deutschland ein überwiegend friedliches Leben führen. Das können andere Menschen leider nicht. An dieser Stelle wäre leicht zu sagen: „Na und. Geht mich doch nichts an!“ Zugleich wäre diese Aussage unglaublich falsch. Schließlich leben alle auf der Erde – zwar in unterschiedlichen Ländern, auf unterschiedlichen Kontinenten, dennoch gemeinsam. Dort wo Flugzeuge und Internet Entfernung quasi zunichte gemacht haben, kann es nicht sein, dass Anteilnahme auf das eigene Wohl begrenzt ist.

Auch nicht an Weihnachten. Wir sind damit beschäftigt Geschenke für unsere Liebsten zu kaufen. Wir sagen, es ist eine Geste der Wertschätzung. Sollte Wertschätzung jedoch nicht nur auf das eigene Umfeld begrenzt sein? Damit meine ich nicht, dass man nun Geschenke an völlig Fremde verteilt. Gemeint ist, dass man sich Gedanken macht – dass man nicht stumm durch die Weltgeschichte läuft. Dass man glücklich darüber ist, wie man lebt und dass man zugleich nicht vergisst, dass nicht jeder dieses Glück erfahren kann. Wertschätzung ist mit Sicherheit kein Attribut, dass sich in Materiellem äußert. Wer nachdenkt, der schätzt wert.

Inmitten von Genuss, Geschenk und Gerede – steht das Denken

Und genau jetzt sollte eigentlich deutlich werden, wozu Weihnachten da ist. Inmitten von Genuss, Geschenk und Gerede – steht das Denken. Auch wenn das überfordernd klingen mag. Denken ist eine Konfrontation mit sich selbst und äußert sich in den unterschiedlichsten Formen. Schließlich denkt man nicht nur über das Negative nach sondern eben auch über das Positive. Man denkt nach über Familie, über Freunde – man erinnert sich, man lacht, teilt Emotionen. Selbst der Grund wieso wir eigentlich Weihnachten feiern, resultiert aus dem Gedenken an die Geburt Jesu.

Das Denken sollte uns keinesfalls ohnmächtig machen, sondern lediglich dazu animieren, zu handeln und zu bewegen. Es sollte uns beflügeln. Unsere Träume, Gedanken und unser Handeln wächst an unserem Bewusstsein für die Welt: Was kann ich ändern? Was kann so bleiben? Was macht Sinn oder Unsinn?

In von Zeiten, in denen ein Übermaß an Aufgaben einengt, bieten Feiertage wie Weihnachten den Freiraum, um sein Bewusstsein konsequent zu erweitern. Wenn wir tagtäglich damit beschäftigt sind, zu tun, was uns gesagt wird, bleibt kein Raum für uns selbst. Natürlich macht sich jeder alltäglich seine Gedanken– dennoch auf einer ganz anderen Ebene und viel zu kurz. Wenn wir selbst dort nicht denken, wo wir es eigentlich könnten, verfehlen wir den eigentlich Sinn des Lebens und der ist eben – leben.

„Den Sinn des Lebens aus den Augen verloren“

Dass ich den eigentlichen Sinn des Lebens in letzter Zeit scheinbar einige Mal aus den Augen verloren habe, fällt mir besonders jetzt auf. Weihnachten steht vor der Tür und ich bin alles – nur nicht in weihnachtlicher Stimmung. Wo bei den allermeisten Menschen langsam Ruhe einkehrt, sind wir angehenden Abiturienten auf der Suche nach eben dieser ein wenig verloren gegangen.

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Weihnachtsstimmung in den Straßen von Schotten.

Zwischen Stress und gutem Zureden, zwischen Hasstiraden gegen nicht zu lösende Gleichungssysteme und mühseligem Deutsch-Lektüren-Lesen, zwischen Pläne-Machen und -Verwerfen – irgendwo da ist der Sinn von Weihnachten tief vergraben und nicht recht auffindbar. Umso dankbarer bin ich, dass das Fest auch ohne meine „Kompetenzen“ organisiert und geplant wird. Schließlich versammeln wir uns wie jedes Jahr mit der Familie, Essen, reden und freuen uns. Doch wie sieht das wohl nächstes Jahr aus?

Bleibt da überhaupt noch Zeit für Weihnachten? Angesichts des Studiums, einer neuen Wohnung und einem neuen Umfeld? Darf ich den Weihnachtsbaum, das Festmahl, meine Liebsten und das heimische Umfeld dann gegen einen Tannenzweig, einen Tetrapack Wein, den Laptop und die Betonlandschaft austauschen? Ist das jetzt Meckern auf höchstem Niveau oder eher doch der Wunsch nach Traditionen und Beständigkeit, der tief im Inneren wacht?

Ich bin gewiss nicht der typische Weihnachtsmensch, dennoch mag ich den ein oder anderen Aspekt, den ich mit Sicherheit nicht missen möchte. In der Weihnachtszeit liebe ich es über unseren „Ein-Straßen-langen“ Weihnachtsmarkt zu schlendern – hin und her, Punsch trinkend und mit meinen Lieblingsmenschen redend. Genauso liebe ich die gemeinsamen Weihnachtsvorbereitungen mit meiner Mutter und Oma. Ich liebe das chaotische Durcheinander-Gerede am Weihnachtstisch und natürlich die ganzen Köstlichkeiten die dort zu finden sind.

Ich liebe die Stimmung und Michel aus Lönneberga, der sich jedes Jahr die Suppenschüssel auf den Kopf setzt. Ich liebe es, wie meine kleine Cousine Weihnachtslieder singt und mit jedem Jahr textsicherer wird. Ich liebe meine Freunde und Familie und werde mir des Glückes sie zu haben, besonders an Weihnachten bewusst. Es mag kitschig klingen – doch sollte unser Bewusstsein für Glück nicht gerade an Weihnachten am größten sein?

Die wichtigsten Dinge sind nämlich sowieso keine Dinge und da kommt es nicht an, was man geschenkt bekommt oder eben verschenkt. Denn das größte Geschenk, hat man eigentlich die ganze Zeit vor Augen hat und merkt es gar nicht so recht. All die Herzensmenschen verleihen Weihnachten sind der Sinn, der Weihnachten sinnvoll macht.
Auf die Frage, ob es nächstes Jahr überhaupt Zeit für Weihnachten gibt, gibt es keine Antwort. Denn eigentlich sollte diese Frage gar nicht existieren. Wir nehmen uns viel Zeit um Geschenke zu kaufen und vergessen dabei uns Zeit zu nehmen, für die größten Geschenke und Schätze die wir überhaupt haben.

Es ist fast schon paradox. Aus diesem Grund sollte man vielleicht einfach darüber nachdenken, Zeit zu schenken und Zeit zu teilen. Dann hat man den Sinn von Weihnachten erfasst – nachdenken und teilen mit Herz.

Jessica Haak

Die Autorin ist mit 17 Jahren jüngstes Mitglied im Team von Oberhessen-live und hat bereits zahlreiche Kommentare und Betrachtungen beigetragen, in denen sie Alltagsbetrachtungen reflektiert hat.

Beispiele: http://www.oberhessen-live.de/2015/02/14/von-frischverliebten-und-emanzipierten/#more-27886

http://www.oberhessen-live.de/2015/07/26/irgendwo-zwischen-anstand-und-sexismus/#more-38211

http://www.oberhessen-live.de/2015/04/27/weshalb-das-leben-keine-filter-hat/#more-32415

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