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Info-Abend über die Flüchtlingsunterkunft in Zell – Themen von Mobilität bis SicherheitViele Fragen zu den 40 erwarteten Flüchtlingen

ROMROD-ZELL (aep). Wer erwartet hatte, dass es aus TV-Nachrichten sattsam bekannte Szenen geben würde, lag völlig daneben: Die Informations- und Diskussionsveranstaltung über die geplante Flüchtlingsunterkunft in dem Romröder Dorf Zell am Dienstagabend verlief nicht nur ruhig, sondern offenbarte auch viel Verständnis für die Nöte der Ankommenden. Dabei kamen viele Fragen und einige Vorschläge auf den Tisch – auch nach der Sicherheit. Als Vertreter des Kreises brachte Hans-Ulrich Merle eine Erfahrung mit: Größere Probleme habe es im ganzen Kreis noch nicht gegeben.

Die Nachricht von der Einrichtung einer Unterkunft für 40 Flüchtlinge in Zell hatte für Aufregung gesorgt, weshalb Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg sofort vorherige Informationsabende und Mitwirkungsmöglichkeiten angeboten hatte. Die Versammlung am Abend im Dorfgemeinschaftshaus offenbarte das große Interesse. Es mussten sämtliche Stühle im Saal aufgestellt werden, dazu weitere Tische zum Sitzen, und dann standen immer noch Besucher draußen vor den offenen Fenstern. Es dürften insgesamt 200 oder mehr gewesen sein, die einem breiten Podium gegenüber saßen, das von Zells Ortsvorsteher Kevin Planz über den Pro Asyl-Aktiven, Pfarrer Walter Bernbeck bis zu den Eigentümern des Hauses reichte.

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Wenigstens 200 Besucher füllten den Saal im DGH Zell.

Allen erzählte Hans-Ulrich Merle als Mitarbeiter des Amtes für soziale Sicherung in Lauterbach zunächst, was auf sie zukommt: nämlich ab dem 1. September etwa 40 Flüchtlinge, bei denen man noch nicht wisse, woher sie kommen, und was es für Menschen sind. Sie seien aber Teil der zwei Prozent Betroffener, die der Vogelsbergkreis in Hessen aufnehmen muss – das als Bundesland wiederum 7,2 Prozent der Flüchtlinge in ganz Deutschland unterbringen muss. „Es ist eine gigantische Aufgabe, die Unterbringung zu organisieren“. Insgesamt rund 460 würden es in diesem Jahr alleine bis zum Ende des dritten Quartals werden.

Dabei werde nicht nur darauf geachtet, die Menschen möglichst gleichmäßig über die Gemeinden zu verteilen, sondern die Unterkünfte würden auch, so betonte Merle, „nach aller Wertschätzung“ für Menschen eingerichtet, die vor schlimmen Verhältnissen in ihrer Heimat fliehen mussten. Um ihre Unterbringung habe es 61 Bewerber gegeben – unter anderem auch die Eigentümer  des ehemaligen Gasthauses Krug an der Ecke Ludwigstraße/Bahnhofstraße, Ralf Loth und Rainer Metz, die beide ebenfalls an dem Info-Abend teilnahmen.

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Fragen aus dem Publikum wurden an einer Tafel gesammelt.

Sie betonten, dass sie versuchen, den Gästen ein möglichst angenehme Unterkunft zu bereiten – eine, in der sie leben können und sich entsprechend verhalten, erläuterte Ralf Loth, der heute in Frankfurt wohnt, früher in Ermenrod lebte und seit 20 Jahren Eigentümer des Gebäudes ist.

Sie stellen auch eine Art Betreuungs-/Hausmeisterdienst in dem Heim, der an vier Tagen in der Woche vor Ort ist – so wie auch das Amt vor allem anfangs regelmäßig Mitarbeiter schicke, erklärte Hans-Ulrich Merle. Aber die Möglichkeiten des Amtes, das die Flüchtlingsbetreuung als eine von sieben Abteilungen betreibt, seien begrenzt. Es wäre deshalb toll, so sagte Merle, „wenn sich um die Unterkunft herum ehrenamtliche Hilfe bietet!“ Denn ohne ehrenamtliche Unterstützung, wie sie etwa von der Organisation Pro Asyl geleistet wird, komme die Verwaltung nicht aus. Erste Hilfe-Möglichkeit: Begleitung beim Erlernen der Sprache.

Eine der ersten Fragen zielte gleich auf die Länge des Aufenthalts dieser Menschen ab, die Bürgermeisterin als „neue Einwohner“ bezeichnete. Die Leute blieben in der Regel lange, erklärte Merle: nämlich so lange, wie ihre Asyl-Verfahren laufen, Dann zögen sie in der Regel in die großen Städte Deutschlands – dorthin auch, wo sie Verwandte oder Bekannte haben. Das sei schade, denn es werde versucht, sie in der Region zu halten: „Wir brauchen jeden Menschen im Vogelsbergkreis!“ Der mietvertrag sei über fünf Jahre abgeschlossen worden.

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Flüchtlinge als neue Einwohner sehen: So formulierte es Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg (l.).

Dann die Frage nach der Betreuung und Aufsicht in der Unterkunft: Dazu gebe es einen von den Vermietern gestellten Dienst, der auch darauf achte, dass das Gebäude und die Umgebung in einem ordentlichen Zustand bleiben. Ansonsten: „Wenn es irgendwann mal dreckig ist, dann rufen Sie an!“, riet Hans-Ulrich Merle. Pfarrer Bernbeck, der auch bereits Asyl-Unterkünfte in Alsfeld betreut, empfahl, die Neuankömmlinge wie neue Nachbarn zu empfangen: Es sei wichtig, aufeinander zu zu kommen – und auch unterschiedliche Lebensweisen auszuhalten.

Thema medizinische Betreuung: Jene Flüchtlinge, die nicht bereits in Gießen medizinisch gecheckt worden sind, so erläuterte Merle, würden beim Gesundheitsamt untersucht. Und danach hätten sie „einen sehr abgespeckten Anspruch“ auf medizinische Leistungen, der sich in den ersten 15 Monaten fast auf Schmerztherapie beschränke. Nicht vorgesehen seien hingeben Langzeit-Therapien, wie die auch traumatisierte Menschen eigentlich benötigten. Dazu regte Pfarrer Bernbeck an, mit ihnen das Gespräch zu suchen, und sie einfach erzählen zu lassen – das helfe bereits. Warum, so regte er auch an, sollten nicht Flüchtlinge der modernen Zeit sich mit deutschen Flüchtlingen des Zweiten Weltkriegs austauschen, „einfach drauflos reden!“.

Frage nach der Mobilität: „Das ist die Gretchenfrage“, rief Hans-Ulrich Merle. Die Ankömmlinge könnten Fahrräder gebrauchen: „Da brauchen wir Leute, die helfen!“ Gesucht würden alte Fahrräder – und geschickte Hände, sie zu reparieren. Auf großes Gemurmel im Saal fügte Pfarrer Bernbeck hinzu: „Die Fahrt nach Romrod zum Einkaufen: Das geht!“ Überdies habe Zell einen Bahnhof mit guter Anbindung nach Alsfeld: „Die Flüchtlinge nutzen den öffentlichen Nahverkehr viel.“ Um Zell sei es dabei nicht schlecht bestellt.

Letztlich die Frage nach der Sicherheit – ein Thema, bei dem Merle schon eingangs erklärte, dass das Gebäude brandschutztechnisch auf dem neuesten Stand sei. Aber: „Was passiert, wenn es Schwierigkeiten gibt?“, wollte jemand wissen. Für solche Fälle arbeite das Amt eng mit der Polizei zusammen. Und sollte sich unter den Bewohnern jemand befinden, der anhaltend Schwierigkeiten bereitet oder sollte es zwischen Bewohnern Streitigkeiten geben – immerhin, so verdeutlichte Pfarrer Bernbeck, kämen viele aus demselben Kriegsgebiet unter Umständen aus verfeindeten Lagern – dann würden die Streithähne getrennt. Ansonsten gelte das Strafrecht – und die Erfahrung im Kreis bislang, die Merle zusammen fasste: „Es gibt keine Probleme!“ Für Notfälle gebe es in der Unterkunft auch ein Telefon, von dem aus man jederzeit über die 112 den Rettungsdienst oder die Polizei alarmieren könne.