
Julian Kretzschmar begeisterte bei der BäderKultur im Alsfelder ErlenbadEin Bad in Glücksgefühlen
ALSFELD (ol). Manchmal braucht es nicht viel, damit ein Abend sich verwandelt: eine Stimme, eine Gitarre, ein paar ehrliche Worte zwischen den Liedern – und ein Publikum, das bereit ist, sich berühren zu lassen. Als Julian Kretzschmar im Rahmen der BäderKultur im leergepumpten Hallenbadbecken des Alsfelder Erlenbades auftrat, entstand genau so ein Moment. Einer, der nicht laut um Aufmerksamkeit bat, sondern sie sich mit jedem Ton erwarb.
Natürlich war dieser Ort besonders. Das leere Becken wurde für diesen Abend zur Klangschale, in der sich Kretzschmars Stimme eindrucksvoll entfalten konnte, wie der Förderverein Badefreu(n)de mitteilt. Doch so reizvoll die Kulisse auch war: Im Mittelpunkt stand nicht das Ungewöhnliche des Raumes, sondern ein Musiker, der ihn zu füllen wusste – mit Wärme, mit Intensität und mit Liedern, die zwischen Nachdenklichkeit und Aufbruch, Melancholie und Hoffnung, Nähe und Weite pendelten.

Julian Kretzschmar bei seinem Auftritt.
Julian Kretzschmar ist ein Sänger, dem man zuhört, weil er nichts behaupten muss. Seine Stimme hat diese seltene Mischung aus Kraft und Verletzlichkeit, aus rauer Erdung und weicher Tiefe. Sie drängt sich nicht auf, aber sie bleibt. Sie kann tragen, treiben, schmeicheln, aufbrechen – und sie besitzt jene Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Wenn Kretzschmar singt, entsteht kein bloßer Klang, sondern eine Haltung. Da ist einer, der meint, was er singt.
Das zeigte sich nicht nur in seinen Songs, sondern auch in den Anmoderationen. Zwischen den Stücken sprach Kretzschmar nicht routiniert ins Publikum hinein, sondern suchte den Kontakt. Gefühlvoll, nachdenklich, empathisch. Hier stand kein Musiker, der sich hinter Posen versteckt. Hier stand ein reflektierter, feinfühliger Mann, der seine Lieder aus einem inneren Bedürfnis heraus schreibt – und der seinem Publikum zutraut, Zwischentöne zu hören.
Musikalische Anfänge in Alsfeld
Für Kretzschmar war der Abend auch ein Heimspiel. In Alsfeld hat er, damals noch als Schüler, seine musikalische Laufbahn begonnen. Hier liegen seine Anfänge, hier entstanden erste Projekte, hier standen Wegbegleiter wie Daniel Schild oder Uwe Bender an seiner Seite. Später führten ihn seine Wege weiter, inzwischen ist er im Raum Kassel beheimatet und musikalisch viel unterwegs. Doch an diesem Abend war spürbar, dass die Rückkehr nach Alsfeld für ihn mehr war als nur ein weiterer Termin im Kalender. Es war ein Wiedersehen mit einem Ort, an dem vieles begonnen hat – und an dem er bereits 2019 bei der BäderKultur aufgetreten war.
In zwei Sets spannte Kretzschmar den Bogen weit: von den musikalischen Anfängen mit Channel4, für die er bereits Musik und Texte schrieb, bis hin zu neuen Liedern aus seinem kommenden Album, das im Herbst erscheinen soll. Dabei zeigte sich, wie sehr er als Songwriter gewachsen ist – und zugleich, wie konsequent seine musikalische Handschrift geblieben ist. Seine Lieder sind eingängig, ohne gefällig zu sein. Sie haben Refrains, die hängenbleiben, aber auch Texte, die tiefer graben. Kretzschmar braucht sich mit seinen Songs nicht hinter großen Namen des Genres zu verstecken. Dafür sind sie zu eigenständig, zu ehrlich, zu sorgfältig gebaut.
Mit Titeln wie „Climb and Fall“, „Higher Hopes“, „Wonder Why“, „Dancers in the Dark“, „Blue Skies“, „Your Ghost“, „Behind the Wall“, „Holding On“, „Empathy“, „Anyway“, „Nobody’s Song“, „Yesterday“ und „Circles Collide“ führte er sein Publikum durch innere Landschaften. Mal klangen die Songs wie ein Blick zurück, mal wie ein vorsichtiger Schritt nach vorn. Mal lagen sie ganz nah am Herzen, mal öffneten sie den Raum für etwas Größeres.
Besonders berührend wirkte „Anyway“, ein Lied, das Kretzschmar gemeinsam mit seiner Frau geschrieben hat. In solchen Momenten wurde deutlich, worin die Stärke seiner Musik liegt: Sie bleibt persönlich, ohne privat zu werden. Sie erzählt von Erfahrungen, die konkret genug sind, um glaubwürdig zu sein, und offen genug, damit sich andere darin wiederfinden können. Auch „Empathy“ passte in diesen Abend wie ein Schlüsselwort. Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Verletzlichkeit – all das sind bei Kretzschmar keine bloßen Themen, sondern Grundfarben seiner Musik.
Das Publikum folgte ihm aufmerksam und sichtbar bewegt. Füße wippten im Takt, Finger trommelten leise auf Oberschenkeln, Köpfe nickten im Rhythmus der eingängigen Melodien. Immer wieder ging ein Lächeln durch die Reihen, manchmal auch dieses stille Innehalten, das mehr sagt als lauter Jubel. Kretzschmar lud zum Mitsingen ein, nahm die Menschen mit, machte ein Selfie mit den Zuhörerinnen und Zuhörern in den ersten Reihen – und schuf damit eine Nähe, die nie aufgesetzt wirkte.

Der Künstler und sein Publikum.
„Fantastischer Abend“, war später von begeisterten Gästen zu hören. Und vielleicht fasste ein Eintrag in Kretzschmars Gästebuch die Stimmung am treffendsten zusammen. Dieses Gästebuch lässt der Musiker bei seinen Konzerten durch die Reihen gehen, um sich am Abend danach auf der heimischen Terrasse die persönlichen Konzertkritiken durchzulesen und den Auftritt noch einmal nachklingen zu lassen. Eine Besucherin schrieb: „Ich habe heute gelesen: Tu, was dich glücklich macht – das habe ich heute hier im Hallenbad gefühlt: Glücksgefühle!“
Schöner lässt sich kaum sagen, was an diesem Abend geschah. Es war keine oberflächliche Euphorie, kein lautes Spektakel. Es waren Glücksgefühle der stilleren Art: ausgelöst durch Musik, die unter die Haut ging; durch eine Stimme, die den Raum füllte; durch Texte, in denen Nachdenklichkeit und Hoffnung nebeneinanderstehen durften.
Dass Kretzschmar am Ende nicht ohne Zugaben davonkam, verstand sich fast von selbst. Drei Mal holte ihn das Publikum zurück, drei Mal durfte der Abend noch ein wenig länger dauern. Dieser Applaus galt nicht nur einem gelungenen Konzert. Er galt einem Künstler, der an diesem Abend viel von sich gegeben hatte – musikalisch, menschlich, unmittelbar.
So wurde aus dem Konzert im Rahmen der BäderKultur ein Abend, der nachwirkte. Nicht, weil er auf große Effekte setzte, sondern weil er etwas Echtes hatte. Julian Kretzschmar zeigte in Alsfeld, was gute Singer-Songwriter-Musik vermag: Sie erzählt nicht nur Geschichten. Sie erinnert uns daran, dass wir selbst welche in uns tragen.
Auch interessant:



Schreibe einen Kommentar
Bitte logge Dich ein, um als registrierter Leser zu kommentieren.
Einloggen Anonym kommentieren