
Matthias Nicolai und Ralf Kaufmann erzählen in Alsfeld von der BadekulturÜberraschende Geschichten vom Herrenloch bis Hawaii
ALSFELD (kiri). Surfen ist keine Erfindung Kaliforniens – und die Geschichte des Badens beginnt auch nicht erst mit Frei und Hallenbädern. Schon vor mehr als 5000 Jahren ritten Menschen auf den Wellen der Pazifikküste Südamerikas. Und während Europa noch von römischen Thermen schwärmte, gehörten Badehäuser in Japan und China längst zum Alltag – war jetzt in einem Vortrag zu erfahren.
Wer über das Baden spricht, spricht nie nur über Wasser. Er erzählt von Kultur und Gemeinschaft, von Ritualen und Erfindungsgeist – und letztlich von einem Stück Menschheitsgeschichte. Diesen überraschend weiten Bogen spannte Historiker Matthias Nicolai bei der jüngsten BäderKultur-Veranstaltung des Fördervereins „Badefreu(n)de“ e.V. am Sonntagmorgen. Zahlreiche interessierte Alsfelderinnen und Alsfelder begleiteten ihn auf einer ebenso unterhaltsamen wie kenntnisreichen Reise durch die Jahrtausende – und landeten schließlich wieder dort, wo Schwalm, Krebsbach und Mühlgraben einst die ersten Badeplätze der Stadt bildeten.

Der Alsfelder Historiker Matthias Nicolai nahm die Zuhörer am Sonntagmorgen mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Menschheit und des Wassers. ©kiri
Ausgerechnet dort, wo sonst das Wasser die Hauptrolle spielt, saßen die Besucher zwischen Fliesen, Startblöcken und Beckenrand. Historische Fotografien, kolorierte Holzschnitte, alte Postkarten und Zeitungsanzeigen wurden auf die Hallenbadbeckenwand projiziert – genau dorthin, wo sich sonst unter der Wasseroberfläche die Düsen der stehenden Welle verbergen. So verschmolzen Vergangenheit und Gegenwart auf eindrucksvolle Weise. Die Geschichte des Badens wurde nicht nur erzählt, sondern an einem Ort sichtbar, der selbst längst Teil dieser Geschichte geworden ist.
Passender hätte die Kulisse daher kaum sein können. Denn wenn alles nach Plan verläuft, wird dies der letzte Sommer sein, in dem sich das Hallenbad noch in seiner heutigen Gestalt zeigt. Im Zuge der nächsten Sanierungsphase soll das Becken einem modernen Edelstahlbecken weichen, weil die bestehende Konstruktion inzwischen Feuchtigkeit in die darunterliegenden Gebäudeteile abgibt. So wurde der Blick zurück zugleich ein Blick nach vorn – und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lagen an diesem Tag nur wenige Meter auseinander.
Doch zunächst führte Nicolai seine Zuhörer weit zurück in die Geschichte. Bereits die ältesten bekannten Darstellungen schwimmender Menschen reichen mehrere Jahrtausende vor Christus zurück. Von den prachtvollen Thermen der Römer über mittelalterliche Badehäuser bis hin zu jahrhundertealten Badekulturen in Asien, Afrika und Ozeanien zeigte der Historiker eindrucksvoll, dass Baden zu allen Zeiten weit mehr bedeutete als bloße Körperpflege. Es war gesellschaftlicher Treffpunkt, Ort der Erholung, Ritual und Ausdruck kultureller Identität.

Sascha Reif setzte mit seinen Akustikgitarren – darunter eine achsaitige – musikalische Akzente bei der Matinee am Sonntag im Alsfelder Hallenbad. ©kiri
Besonders spannend war dabei sein Blick über den europäischen Tellerrand hinaus. Nicolai machte deutlich, dass viele vermeintlich moderne Errungenschaften ihre Wurzeln weit früher haben. So gilt das Wellenreiten keineswegs als Erfindung amerikanischer Surfer des 20. Jahrhunderts. Bereits vor Jahrtausenden bewegten sich Menschen an den Küsten Polynesiens, Südamerikas und Afrikas auf den Wellen. Reiseberichte europäischer Entdecker des 18. Jahrhunderts schildern voller Bewunderung die außergewöhnlichen Schwimm- und Tauchfähigkeiten der dort lebenden Menschen – Fähigkeiten, die damals in Europa nahezu unbekannt waren.
So blieb Geschichte nicht abstrakt. Während Nicolai erzählte, erschienen an der Hallenbadbeckenwand römische Thermen, chinesische Badehäuser, historische Postkarten oder Zeitungsanzeigen aus dem 19. Jahrhundert. Vergangenheit wurde an diesem Sonntagmorgen nicht nur erzählt – sie wurde sichtbar.
Bade-Überraschungen auch in Alsfeld
Nach dieser Reise rund um den Globus kehrte Nicolai schließlich nach Alsfeld zurück. Und auch hier warteten zahlreiche Überraschungen.
Lange bevor das städtische Freibad 1927 seine Tore öffnete, suchten die Menschen ihre Erfrischung in natürlichen Gewässern. Die Schwalm, der Krebsbach, der Liederbach und der Mühlgraben waren ebenso beliebte Badeorte wie das Altenburger Wehr, der Merschröder Teich oder der Buchhölzer Teich. Namen wie das Herrenloch oder das Dreimannsloch mögen heute kaum noch jemandem geläufig sein – einst gehörten sie ganz selbstverständlich zur Alsfelder Badekultur.
Anhand historischer Zeitungsanzeigen aus dem 19. Jahrhundert zeigte Nicolai, wie intensiv bereits damals für Badeanstalten geworben wurde und wie engagierte Bürger immer wieder versuchten, öffentliche Bademöglichkeiten zu schaffen. Besonders bemerkenswert war dabei die Geschichte eines frühen „Sturz- und Wellenbades“, das die Kraft eines Mühlrades nutzte, um künstliche Wellen zu erzeugen – eine Idee, die ihrer Zeit erstaunlich weit voraus war. Zugleich wurde deutlich, wie viele Anläufe es brauchte, bis aus den ersten privaten Initiativen schließlich das städtische Freibad in den Erlen entstand.

Daten und Fakten, vor allem aber auch interessante Einblicke via Bilder gab Geschäftsführer Ralf Kaufmann in die jüngste Sanierung des Alsfelder Erlenbades und verkündet: Die nächste Modernisierung ist bereits in Planung. ©kiri
So entstand das Bild einer Stadt, deren Beziehung zum Wasser weit älter ist als das heutige Erlenbad. Die Geschichte des Badens in Alsfeld beginnt nicht mit Beton und Fliesen, sondern an Flussufern, Mühlgräben und natürlichen Badestellen.
Den Bogen zurück in die Gegenwart schlug anschließend Erlenbad-Geschäftsführer Ralf Kaufmann. Während Nicolai den Blick in die Vergangenheit richtete, nahm Kaufmann die Besucher mit hinter die Kulissen eines der größten Bauprojekte der vergangenen Jahre.
Anhand zahlreicher Fotografien dokumentierte er die umfassende Sanierung des Erlenbades und erläuterte, welche Herausforderungen sich während der Bauarbeiten offenbart hatten. Versteckte Bauschäden, unzureichend verankerte Stürze, statische Probleme bis hin zu einsturzgefährdeten Deckenteilen machten deutlich, weshalb die umfangreichen Maßnahmen unvermeidlich waren. Gleichzeitig zeigte Kaufmann auf, wie das Millionenprojekt trotz Corona-Pandemie, Materialengpässen und steigender Baukosten erfolgreich umgesetzt werden konnte. Auch einen Ausblick auf das neu beantragte Förderprogramm gab er den Gästen und erläuterte, welche Maßnahmen das Erlenbad in den kommenden Jahren weiter zukunftsfähig machen sollen.
Musikalisch umrahmt von Sascha Reif.
Musikalisch eingerahmt wurde die Zeitreise von Sascha Reif. Ebenfalls als Historiker aktiv zeigte sich an diesem Tag allerdings von seiner musikalischen Seite und setzte mit feinfühligen Eigenarrangements auf seiner Akustikgitarre musikalische Akzente zwischen den zwischen den Vorträgen. Zwei der Stücke stammten aus seinem eigenem Album *Passage to Soreland*, das 2017 in der Top 10 Playlist der Plattform Yogabasics.com war. Für besondere Klangfarben sorgte zudem seine achtsaitige Gitarre – ein handgefertigtes Instrument, das ein langjähriger Freund eigens für ihn gebaut hat.
Die Vorträge über die Badekultur im Rahmen der BäderKultur bewies damit einmal mehr, dass Geschichte weit mehr sein kann als eine Aneinanderreihung von Jahreszahlen. Sie lebt in alten Zeitungsanzeigen, in vergessenen Badestellen, in Erinnerungen – und an Orten, die selbst längst Teil dieser Geschichte geworden sind.
Geschichte endet eben nie am Beckenrand. Sie fließt weiter – manchmal durch römische Aquädukte, manchmal durch die Schwalm und manchmal durch ein Hallenbad, das sich gerade neu erfindet.
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