
Volle KinderarztpraxenWas Sie über das RS-Virus wissen müssen
REGION (jal). In der ganzen Republik schlagen Kinderärzte Alarm: Viele Praxen sind an der Kapazitätsgrenze. Neben einer Grippewelle macht ihren kleinen Patienten das RS-Virus zu schaffen – ein Erreger einer Atemwegsinfektion, die schwerwiegend sein kann. Eine lokale Expertin klärt auf: Was Eltern nun wissen müssen.
Was genau ist das für ein Erreger? Wie gefährlich ist er? Und was für Behandlungen gibt es? OL hat sich in der Region schlau gemacht. Die unten aufgeführten Antworten stützen sich auf Aussagen der Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin vom Klinikum Bad Hersfeld, Dr. Carmen Knöppel. Dort dürften auch einige Eltern aus dem Vogelsberg ihre Kinder behandeln lassen. Unter Verweis auf den Datenschutz wollte das Krankenhaus dazu keine genauere Auskunft geben.
Was ist ganz allgemein über das RS-Virus bekannt?
Das RS-Virus heißt ausgeschrieben Respiratorische Synzitial-Virus. Es ist ein den Kinderärzten seit den 1950er-Jahren bekanntes und vertrautes Virus, das obere und untere Atemwegsinfektionen auslöst. Es wird primär – ähnlich wie bei einer Grippeinfektion mit Influenza-Viren – über eine Tröpfcheninfektion von einer infektiösen Kontaktperson (Erwachsene oder Kinder aller Altersgruppen) weitergegeben und befällt danach die Zellen in der Schleimhaut unserer Atemwege.
Welche Krankheitssymptome löst es aus?
Das Virus löst – prinzipiell in allen Altersgruppen – eine leichte bis schwere Atemwegsinfektion aus. Symptome reichen von Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen, enggestellten Bronchien bis hin zur angestrengten Atmung mit Atemnot und zusätzlichem Sauerstoffbedarf.
Wie gefährlich ist das Virus?
In seltenen Fällen, insbesondere bei ehemaligen Frühgeborenen, Neugeborenen und Kindern mit angeborenen Herzfehlern, Erkrankungen des Immunsystems oder nach Organtransplantationen kommt es zu sehr schweren Verläufen. Diese Kinder müssen dann häufig auf einer pädiatrischen Intensivstation beatmet und komplex intensivmedizinisch betreut werden. In seltenen Fällen versterben Kinder auch an einer solchen Infektion.
Wie gestaltet sich der Verlauf einer Infektion?
Circa zwei bis acht Tage nach der Ansteckung kommt es meist zur oberen Atemwegsinfektion mit Schnupfen, nicht produktivem Husten (ohne Schleim) und Halsschmerzen. Diese Symptome können dann innerhalb von ein bis drei Tagen fortschreiten und zu einer unteren Atemwegsinfektion führen, die sich in deutlichen Hustenattacken mit produktivem Husten (mit Schleim), ansteigender Atemfrequenz und Zeichen der Atemnot zeigt.
Insbesondere Säuglinge und Kleinkinder haben Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme und setzen ihre Atemhilfsmuskulatur ein, um ausreichend Luft zu bekommen. Die Lunge klingt oftmals ähnlich wie bei einer spastischen Bronchitis oder Asthma. Die Verengung der Atemwege führt zu einem gestörten Gasaustausch, sodass viele Kinder zusätzlichen Sauerstoffbedarf haben, der üblicherweise nur in einem Krankenhaus bedient werden kann.
Wie lange dauert der Krankheitsverlauf?
Die Symptome in unterschiedlicher Ausprägung dauern zumeist drei bis zwölf Tage an, aber auch Verläufe über mehr als vier Wochen sind den Kinderärzten bekannt.
Wie lassen sich Kinder behandeln?
Es gibt leider bisher keine kausale Therapie für die RSV-Infektion, sondern die Kinder werden symptomatisch mit beispielsweise Nasentropfen, Inhalationen, Infusionen und zusätzlicher Sauerstoffgabe behandelt. Eine antibiotische Therapie ist keinesfalls sinnvoll, außer es kommt zur zusätzlichen bakteriellen Infektion, weil virale Erkrankungen nicht mit Antibiotika behandelt werden können. Noch steht keine medikamentöse Anti-Virus-Therapie oder ein aktiver Impfstoff, der den Körper ähnlich den anderen Impfungen im Kindes-und Jugendalter zur eigenen Produktion von Antikörpern anregt, zur Verfügung. Auch die inzwischen für Kinder ab dem zwölften Lebensjahr von der STIKO zugelassenen Impfung gegen Corona ist für die RSV-Infektion nicht zielführend, weil das Virus zu einer ganz anderen Virusgruppe gehört.
Was ist über die Ausbreitung des Virus bekannt?
Der weltweit verbreitete Erreger infiziert saisonal im ersten Lebensjahr 50 bis 70 Prozent aller Kinder, bis zum zweiten Lebensjahr haben nahezu 100 Prozent aller Kinder eine Infektion durchgemacht. Üblicherweise ist die Inzidenz (Häufigkeit) in den Monaten November bis April am höchsten; der Gipfel der Infektionswelle – meist mit einer Dauer von vier bis acht Wochen – fällt meist in die Monate November bis Februar.
Ist ein Kind nach einer durchgemachten Infektion immun?
Nein. Mehrfache Infektionen sind nicht selten. Die meist am schwersten betroffenen Altersgruppen der Früh-Neugeborenen und jungen Säuglinge bekommen nur einen unvollständigen Nestschutz durch die Mutter mit.
Wie steht die jetzige Welle mit früheren Corona-Maßnahmen im Zusammenhang?
Während der Pandemiezeit seit März 2020 hat es eine deutlich rückläufige Belegungszahl aufgrund von Infektionen gegeben. Das ist unter anderem dadurch erklärbar, dass auch Kinder von den Kontaktbeschränkungen und Lockdowns betroffen waren. Normalerweise „trainieren“ insbesondere sehr junge Kinder ihr Immunsystem mit bis zu einem Infekt pro Monat.
Doch weil auch Schulen und Kitas zu waren, blieben viele Infektionen aus. Nun werden diese Infektionen in gewisser Weise nachgeholt oder erstmals durchgemacht. Es gilt zu betonen, dass diese Kinder nach den Lockdowns nicht unter einer Immunschwäche im Sinne einer echten Erkrankung leiden. Sie trainieren ihr Immunsystem und bilden eine klassische Immunkompetenz, die auch zur Gruppenimmunität führt, aus.
Wie sieht die Prognose für die aktuelle Infektionswelle aus?
Es gilt zu befürchten, dass die Fälle in den kommenden Wochen weiterhin zunehmen. Sicher werden in den kommenden Wochen zahlreiche Kinder in Hessen nicht heimatnah versorgt werden können, sondern es werden je nach Kapazität mehr oder weniger weite Entfernungen von Verlegungen auf die Familien zukommen, was dann nicht zuletzt auch den Rettungsdienst an Kapazitätsgrenzen bringen wird.
In Bad Hersfeld behandelt man derzeit circa vier bis fünf Kinder am Tag mit RSV, die mehr oder weniger lange stationär bleiben müssen. Einige haben längere Zeit einen zusätzlichen Sauerstoffbedarf und müssen deswegen stationär betreut bleiben. Vergangene Woche war die Kinderstation des Krankenhauses zeitweise so voll belegt, dass sie von der Leitstelle abgemeldet werden musste.
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