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Gedenken an ermordete jüdische Alsfelder48 Namen, 48 Leben und so viel mehr

ALSFELD (ssb/ls). Es war ein Mittwochabend vor 83 Jahren, am 9. November 1938 um 21.15 Uhr also die Scheiben der ehemaligen Synagoge in Alsfeld eingeworfen wurden und Flammen aus dem Innenraum traten. Es war der Anfang von Demütigung, Verfolgung und Mord. Die Täter waren nicht nur Nazis, sondern kamen mitten aus dem Volk. Auch heute kann das noch passieren.

Und wie schnell das gehen kann, daran erinnerte Pfarrer Peter Remy zum jährlichen Pogrom-Gedenken am Gedenkstein der ehemaligen Synagoge in Alsfeld. „Wir müssen ganz konkret an die Ereignisse von damals denken, wenn wir heute vom antisemitischen Ungeist gefeit sein wollen, der die Köpfe und Herzen auch heute noch vergiften kann“, sagte Remy und begann zu erzählen, was sich vor 83 Jahren genau an dieser Stelle abgespielt hat.

In der Nacht von 9. auf den 10. November, ziemlich genau um 21.15 Uhr wurden die Scheiben der Synagoge eingeworfen und der Innenraum in Brand gesetzt. „Eine große Menschenmenge stand daneben und sah schweigend zu, wie die Flammen aus dem Inneren leuchteten“, erzählte Remy. Feuerwehrleute wurden mit vorgehaltener Pistole davon abgehalten, den Brand zu löschen, später folgte ein Raubzug durch die Stadt, bei dem die Fenster von jüdischen Wohnhäusern eingeworfen, Geschäfte zerstört wurden und jüdische Männer kamen in Schutzhaft.

Alle Fotos: ssb

Die Täter, so erklärte es Remy, seien nicht von einem anderen Stern gekommen, sondern mitten aus dem Volk. Es seien nicht nur die „Nazis“ gewesen, wie es heute so leicht über die Lippen gehe, sondern zuvor freundliche Nachbarn und unbescholtene Bürger. „Heute stehen wir hier als Menschen, die wissen können, wie dünn der Boden der Zivilisation ist. Wenn man die Zeitläufe beobachtet, dann sieht man, dass Antisemitismus auch immer neue Gesichter hervorbringen kann und auch solche, die nicht sofort zu erkennen sind wie die üble Fratze des Rechtsradikalismus“, sagte Remy.

Erinnern soll im Alltag Gestalt gewinnen

Das Erinnern an die Tat soll mehr sein als ein leeres Ritual, es soll im Alltag Gestalt gewinnen. Man müsse eintreten gegen die Verachtung, gegen Verrohung. Man müsse eintreten gegen Hass, Intoleranz und Ausgrenzung, gegen den Krieg der Worte, vorschnelle Parolen und gegen das schleichende Gift der Feindseligkeit.

„Die Zukunft, sie widerfährt uns nicht. Wir sind keine Zuschauer des politischen Geschehens, so wie damals genau hier 1938 eine schweigende Menge zuschaute. Wir sind keine Zuschauer des politischen Geschehens, sondern wir alle gestalten es mit. So oder so – jeder und jede Einzelne an jedem Tag.“

Dass Antisemitismus auch heute noch aktuell sei und er sich durch 1700 Jahre der deutschen Geschichte zieht, das machten die Jugendlichen der Geschwister-Scholl-Schule anhand von drei Zeitzeugenberichten deutlich, machten einen Schwenk nach Worms ins Mittelalter, lasen aus dem Tagebuch von Selma Rothschild, gaben einen Blick auf die Gefühlswelt einer jungen Jüdin, die de Anschlag in Halle miterlebt hatte.

„Den Tag verbrachte ich mit Angst, ging durch die Wohnung mit dem Gedanken, dass ich sie niemals wieder sehen würde“, verlasen die Schüler aus dem Tagebucheintrag von Selma Rothschild, die dabei beschrieb, dass sie an diesem Tag den Brief in der Post gefunden habe, der alles veränderte und worin Juden aufgefordert wurden, ihre Koffer zu packen und die Wohnungen in den nächsten 14 Tagen zu verlassen.

42 Namen im Alsfelder Pflaster

„Ich stelle mir vor, wie es sein wird. Bald wird es an der Zeit sein, dass ich sterben werde und wenn ich sterbe, dann möchte ich hier in Alsfeld sterben. Nur wenn sie mich jetzt wegbringen, dann wird sich mein letzter Wunsch nicht mehr erfüllen“, lasen die Schüler.

Paule: Lehren aus der Erinnerung ziehen

„Die Zeugnisse haben mich bis ins Herz angerührt“, erklärte Paule. Es falle ihm schwer, den persönlichen Botschaften etwas hinzuzufügen, dennoch erinnerte auch er an die deutsche Geschichte, in der die jüdische Geschichte eines der prägendsten kulturellen Elemente gewesen sei, die allerdings auch immer wieder Antisemitismus hervorgebracht habe, bis zurück in das Mittelalter.

„Die böse Saat des Antisemitismus war keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern eine, die bis ins Mittelalter hinein in vielen Teilen des Bevölkerung Anhänger hatte“, sagte Paule. So habe es um 1900 Kurbäder gegeben, die sich mit dem Qualitätsmerkmal „judenfrei“ gebrüstet hätten. Doch die Verfolgung, die Ausgrenzung, die Menschenfeindlichkeit in der NS-Zeit und die darauf folgende Ermordung müsse daran erinnern, dass das Erinnern keine Frage der Vergangenheit sei, sondern daran erinnern, wie Ausprägungen dessen noch das tägliche Handeln bestimmen würden.

„Unser Auftrag heute ist: Erinnert euch nicht der Erinnerung Willen, sondern zieht Lehre daraus“, forderte Paule und erinnerte daran, einander mit uneingeschränktem Respekt und Achtung zu begegnen und mit diesen Werten miteinander zu leben und miteinander zu handeln.

Und ehe die 48 Namen der ermordeten jüdischen Alsfelder verlesen und die Gedenksteine auf die Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge gelegt wurden, erinnerte Pfarrer Remy daran, dass hinter all den 48 Namen ein Leben stand.

„Ein Denkmal und ein Name erinnert auch daran, dass jeder Täter von damals einen Namen trug und dass jedes Opfer von damals einen Namen trug, mit seiner ganzen Lebensgeschichte, die dazu gehört. Kein Name wird von Gott vergessen, kein Name der Opfer und kein Name der Täter und auch kein Name der Widerständler. Es waren wenige, aber es gab sie, auch hier in unserer Stadt – Gott sei dank. Hinter jedem Namen steht ein Leben. Nicht nur ein Leben, sondern viele Leben: Es waren Menschen, die das suchten, was wir alle suchen: das kleine oder große Glück ein Leben zu haben.“

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