
Wissen früherer Generationen hilft beim Klimaschonen und SparenKartoffeln werden auch im Bett gar Und Butter lässt sich mit Wasser kühlen
ALSFELD (ol). Beim Workshop „Freeg dai Omma“ des Geschichtsvereins Lastoria und des Ausbildungszentrums Natur (AZN) im Freiwilligenzentrum Alsfeld beschäftigten sich rund 18 Teilnehmer mit nachhaltigen Haushaltstechniken früherer Generationen. Von stromlosen Küchengeräten über selbst gemachtes Waschmittel bis zum energiesparenden Garen von Kartoffeln wurden zahlreiche Erinnerungen und praktische Tipps ausgetauscht. Auch hessische Mundart und überlieferte Redewendungen spielten eine wichtige Rolle.
Als Marie in Elbenrod und Katharina in Strebendorf zur Welt kamen, gab es im Vogelsberg weder Wasserleitungen noch Strom. Dass irgendwann jeder Mensch in Deutschland jedes Jahr 74,5 Kilogramm Lebensmittel wegwerfen würde, hätten Hildegard aus Königsberg, Cläre aus Herne und Elena aus Syracus wohl nicht geglaubt. Und Berta, Elise und Elisabeth aus Meiches, Breitenbach am Herzberg und Frischborn haben sicherlich keine 60 neuen Kleidungsstücke pro Jahr gekauft. „Freeg dai Omma“, der Workshop des Geschichtsvereins Lastoria in Zusammenarbeit mit dem Ausbildungszentrum Natur (AZN), war Frauen gewidmet, die nachhaltig gelebt haben, so heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung.
Die Gesprächsrunde im Freiwilligenzentrum Alsfeld war ein kostenloses Angebot, das über die Förderung des Bildungsnetzwerks für Nachhaltige Entwicklung (BNE) Vogelsberg durch das Hessische Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt unterstützt wurde. Bettina Dören vom AZN, dem Naturerlebnishaus Heideberg in Kirtorf, begrüßte anderthalb Dutzend Frauen und Männer aus Oberhessen, Osthessen und Frankfurt.
In der Kennenlernrunde fragte Monika Felsing vom Verein Lastoria nach den Vornamen und Geburtsjahren der Großmütter. Anschließend konnten zwei Generationen von Enkelkindern bei einem Wortsammelspiel Punkte sammeln. Für Begriffe in Mundart gab es doppelt so viele Punkte wie für hochdeutsche Wörter.
Welche Haushaltsutensilien und Küchengeräte ohne Strom hatten Elisabeth, Katharina, Helene, Emma, Maria, Lina, Hedwig, Anna, Martha, Luise, Annemarie, Constanze, Trude oder Ilse aus Alsfeld, Ober-Gleen, Zell, Appenrod, Kelkheim, Öhringen, Oberheuslingen, Hannover, Lyck, Abterode und Waldshut-Tiengen genutzt?
Auf Hochdeutsch, im Regiolekt und in verschiedenen hessischen Dialekten sammelten die Teams zahlreiche Begriffe: Abtropfsieb, Bärtche, Bensel, Biäse, Bläch, Böschde, Botzlompe, Dasse, Debbe, Deckmelchdopp, Deppelompe, Dosenöffner, Eemer oder Iämer, Fleischwolf, Flotte Lotte, Gemüsehobel, Gowwel, Hähler, Holzlöffel, Humbe, Innerdasse oder Ingertasse, Kaffeekann, Kartoffelkiste, Kerwesch, Kibbche, Kirschenentsteiner, Kneipchen, Kombe, Kochtopp, Krautbütte, Krauthowwel, Kucheblech, Kwirl, Lappe, Lädder, Läffel, Lombe, Mässer, Melchkann, Musdopp, Nuul, Nuächtdebbe, Obdreckelduch, Owe, Owelappe, Pann, Passiersieb, Quetscheentkerner, Räche, Rouladennadeln, Salzdeppe, Schiäler, Schneebese, Schneidbrett, Seiche, Wäschbriät, Wellholz und Zitronenpresse.
Zu gewinnen gab es nicht nur persönliche Erinnerungen an die Küchen der Kindheit, sondern für die Teams mit den meisten Punkten auch Kernseife und Kaiser-Natron. Mit diesen beiden Klassikern aus dem Haushalt lassen sich nach Angaben der Veranstalter die Umwelt schonen und gleichzeitig Geld sparen.
Beispielsweise kann damit Flüssigwaschmittel selbst hergestellt werden: Dafür werden 35 Gramm Kernseife fein gerieben und mit zwei Litern warmem Wasser sowie zwei Esslöffeln Natron oder einer Handvoll Natriumkarbonat (Waschsoda) vermischt. Nach dem Abkühlen lässt man die Mischung 24 Stunden eindicken und gibt anschließend einen Liter kaltes Wasser hinzu. Zum Waschen reichen zwei bis vier Esslöffel davon.
Viele solcher Rezepte lassen sich zu Hause, in der Schule oder im Kindergarten ausprobieren. Dazu gehört auch ein Experiment aus der „Sendung mit der Maus“: In einem Schraubglas wird süße Sahne etwa zwei Minuten geschüttelt, bis sie steif ist. Wer weiterschüttelt, erhält Butterklumpen und etwas Buttermilch.
„Man braucht kein Rührgerät, keinen Strom, aber es geht nicht ganz so schnell wie im Fernsehen“, sagte die Historikerin und Journalistin Monika Felsing. „Meine Oma Lina hat ziemlich lange am Butterfass gesessen.“
Die Butter aus dem Fass wurde geformt, mit Mustern verziert oder in einen Tonzylinder gefüllt, der in einen mit etwas Wasser gefüllten Tontopf gekippt wurde. Eine der beiden Großmütter von Anette von Haugwitz vom Verein Region Vogelsberg besaß einen solchen Butterkühler und kam ihr Leben lang auch sonst ohne Kühlschrank aus.
In vielen deutschen Küchen hielten spätestens seit den 1960er-Jahren immer mehr Elektrogeräte Einzug. Hinzu kamen Plastik- und Silikonschüsseln, Mikrofasertücher, Geschmacksverstärker, Kochbeutelreis, Knödelpulver, Backmischungen und Fertiggerichte, die Hausfrauen die Arbeit erleichtern und Zeit sparen sollten.
Ob Heißluftfritteuse oder Thermomix, Smoothie- oder Sandwichmaker, Toaster, Mixer oder Rührgerät, Espressomaschine oder elektrische Pfeffermühle, elektrisches Messer oder Pürierstab, Gasgrill oder Pizzaofen, Saftpresse oder Eierkocher, Spül-, Eis- oder Brotschneidemaschine, Mikrowelle oder Waffeleisen: Beim gemeinsamen Aufzählen kam einiges zusammen. Darunter waren Geräte, die teuer angeschafft, aber selten genutzt werden, andere, auf die niemand mehr verzichten möchte, und manches, das die Teilnehmer für überflüssig hielten.

Foto: Lastoria e.V.
Eine der schwersten Hausarbeiten war früher das Wäschewaschen. Besonders mühsam war es in der Zeit, als stark verschmutzte Hemden, Laken und Hosen noch an Waschplätzen im Freien gewaschen und ausgewrungen wurden und Weißwäsche auf einer Wiese zum Bleichen lag. Noch in den 1960er-Jahren heizten Oberhessinnen den Waschkessel im Keller an und kochten Windeln in der Küche auf dem Herd aus.
Das Mundartlied dazu hatte die Enkelin von Lina und Hedwig zur Melodie der deutschen Nationalhymne getextet: „Wäsch mo, wäsch mo doas all hieh med dè Haand, dann weadd derr kloar, wurim die Wäschmaschie so’n baddende Eanfall woar…“
Falls heute einmal für einige Stunden der Strom ausfiele, würde eine andere, in den 1960er-Jahren geborene Enkelin den Inhalt ihres Kühlschranks unter Daunendecken packen. Noch verbreiteter ist der Tipp, das Mittagessen im Bett warmzuhalten oder sogar fertig zu garen.
Auf der Website Klima Darmstadt wird beschrieben, wie das funktioniert. Alles, was „auf kleiner Flamme“ köcheln soll, könne auch nach der „Oma-Methode“ zubereitet werden: „Das heißt, das Gericht kocht in der eigenen Wärme nach, indem man den Topf so gut isoliert, dass kaum Wärme verloren geht.“ Der Topf, so der Darmstädter Klimatipp, „sollte über die Hälfte mit Flüssigkeit gefüllt sein“. Nach kurzer Zeit auf dem Herd kommen Kartoffeln oder Reis zum Nachgaren ins Bett.
Frauen, die Mangelzeiten erlebt hatten, waren stets darauf bedacht, nichts zu verschwenden und Vorräte anzulegen. Ob die eingeweckten Erdbeeren oder Birnen schmeckten oder überhaupt noch Vitamine enthielten, spielte dabei ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass im Keller noch Marmelade und Gelee aus früheren Jahrzehnten standen. Am Ende eines Sommers mussten sich die Regale mit Einmachgläsern biegen. Selbst Schimmel war selten ein Grund, etwas wegzuwerfen.
„Gesund war so etwas nicht“, sagt Monika Felsing. „Und es hat auch nicht alles gut ausgesehen.“
Klar wie Gliesbrieh ist für die Moderatorin des Workshops: „Insè Ommas huh dè Miehwäg erfonne!“ Und zur Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ hatte sie ein weiteres Lied gereimt: „Insè Resde huh merr friejer selwer gäasse, selwer gäasse, selwer gäasse, insè Resde huh merr friejer selwer gäasse, on woas ewwerech woar, die Hinggel on die Wudds. Insè Ommas huh naut foadgeschmeasse, geschmeeasse, geschmeasse, harre Eanmachgläser on harre es Wesse. Insè Ommas, die wiern bainoh haut noch doa!“
Und was ist vom Lebensgefühl der Großmütter geblieben? Spontan fielen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops vor allem Warnungen und Mahnungen ein.
„Fechel, die se frieh peife, die holt de Hecht om Tog“, hieß es früher in Frischborn. Vögel, die zu früh pfeifen, die holt der Habicht am Tag. Eine andere Großmutter hatte davor gewarnt, sich zu früh zu freuen: „Aaach die gezeehlde Schoof fressd dè Wolf.“
Eine Eudorferin aus der Runde zitierte eine hessische Mundartband: „Es Läwe eas Gäwwe on Nomme….“ Besonders praktisch war der Ratschlag: „Vonne geriehrd, brännd hinne nid oo.“
Der AZN-Vorsitzende Martin Jatho hätte seiner Mutter dagegen gern selbst einen Rat gegeben: „Setz dich mal hin und genieße es.“ Für ihn steht fest: „Das können wir heute besser.“ Immerhin.
Weitere Nachhaltigkeitstipps sowie Informationen über den Workshop „Freeg dai Omma“, die gemeinnützigen Projekte und Bücher des Geschichtsvereins Lastoria finden sich im Blog „Owenglie“ unter www.monikafelsing.de.
Bildunterschrift: Erinnerungen an den nachhaltigen Haushalt der Großmütter wurden im Workshop „Freeg dai Omma“ des Geschichtsvereins Lastoria und des AZN im Freiwilligenzentrum Alsfeld geweckt. Was lief ohne Strom im Haushalt? Begriffe in Mundart brachten die doppelte Punktzahl.
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