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Pfarrerin Andrea Wiemer verabschiedet sich nach über 30 Jahren aus Freiensteinau„Im Pfarrhaus brannte wieder Licht“

FREIENSTEINAU (ol). Nach mehr als 30 Jahren als Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Freiensteinau verabschiedet sich Andrea Wiemer in den Ruhestand. Seit 1994 begleitete sie Generationen von Menschen und engagierte sich weit über Gottesdienste hinaus für das Gemeindeleben. Nun blickt sie auf ihre Zeit in Freiensteinau und auf die Veränderungen in Kirche und Gesellschaft zurück.

Als Andrea Wiemer im Jahr 1994 zum ersten Mal nach Freiensteinau kam, kannte sie den Ort zunächst nur von der Landkarte. Die Autobahn war noch im Bau, Google gab es noch nicht und die Fahrt über die Landstraße zog sich. „Das ist so weit weg“, dachte sie damals zunächst. Fast wäre es bei diesem Gedanken geblieben. Dann ging es hinauf zur Kirche. Der Blick über die Landschaft beeindruckte sie. Sie lief einmal um die Kirche herum, kam zum Pfarrhaus und entdeckte dort im Büro einen Computer, damals noch keine Selbstverständlichkeit. „Das probiere ich“, sagte sie. Eine Entscheidung, die ihr Leben prägen sollte. Mehr als drei Jahrzehnte später verabschiedet sich Andrea Wiemer nun als Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Freiensteinau in den Ruhestand, berichtet das Evangelische Dekanat Vogelsberg in einer Pressemitteilung.

Dazwischen liegt ein halbes Pfarrerinnenleben. Wiemer unterrichtete an der Schule, war in der Kindergartenarbeit engagiert, leitete viele Jahre eine Seniorengruppe und begleitete Generationen von Menschen bei Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen. „Manche sagen: Du kannst jetzt doch nicht aufhören. Du sollst mich doch noch beerdigen“, erzählt sie und lacht.

Nicht am Schreibtisch, sondern bei den Menschen

Kirche war für Wiemer nie nur das, was sonntags hinter den Kirchentüren passiert. In einer Gemeinde mit sechs Dörfern und einer Kirche wollte sie mitten im Leben der Menschen sein. Sie arbeitete mit Feuerwehr und Sportverein zusammen, beteiligte sich an Weihnachtsmarkt und Gewerbeschau und feierte Gottesdienste gemeinsam mit den örtlichen Gruppen.

Auch ihre Konfirmandinnen und Konfirmanden nahm sie gerne mit hinaus aus dem Dorf: nach Frankfurt, Worms oder Trier. Sie sollten nicht nur etwas über Glauben lernen, sondern erfahren, woher die Kirche kommt, die sie aus ihrem eigenen Ort kennen.
Und Wiemer gestaltete ihren Ort mit und wurde zur „Baupfarrerin“: Das alte Pfarrhaus wurde saniert, der Zugang zur Kirche verändert und der Außenbereich so gestaltet, dass Menschen nach Gottesdiensten und Jubiläen noch zusammenstehen konnten. Auch über Nachhaltigkeit dachte sie früh nach. Eine Regenwasserzisterne für den Garten wurde zunächst belächelt. Heute würde wohl niemand mehr darüber lachen.

Wenn Gemeinschaft plötzlich fehlt

Ein besonders tiefer Einschnitt war für Wiemer die Corona-Pandemie. Gottesdienste fielen aus, Gemeinschaft musste neu aufgebaut werden. Auch das Abendmahl veränderte sich: Wiemer bestellte früh Einzelkelche. Zuvor war in Freiensteinau über Jahrhunderte mit einem gemeinsamen Kelch gefeiert worden.

Heute beschäftigt sie erneut die Frage, wie Kirche sich verändern kann, ohne ihre Verbindung zu den Menschen zu verlieren. Sie brachte Themen mit, die nicht immer selbstverständlich waren: Nachhaltigkeit, Klimaschutz, feministische Perspektiven und eine inklusive Sprache. Die Kirchengemeinde steht vor strukturellen Veränderungen, und manche Menschen sorgen sich, ob die Kirche im ländlichen Raum noch ausreichend präsent sein wird. Wiemer versucht Mut zu machen: „Die Kirche bleibt.“

Doch nun heißt es für sie selbst Abschied nehmen, aber das Pfarrhaus soll wieder bewohnt werden. Wiemer wünscht sich, dass dort bald wieder jemand lebt. Denn ein Haus, sagt sie, müsse bewohnt werden. Es brauche Menschen, die sich darum kümmern. „Ein Haus muss gelebt werden. Es braucht diese Liebe.“

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