Gesellschaft0

Vernissage an der Vogelsbergschule eröffnet Reihe zum Thema „Demenz vorbeugen – verstehen – begleiten“Wie sieht Vergessen aus?

LAUTERBACH/VOGELSBERG (ol). Mit einer Ausstellung von Schülerinnen und Schülern der Vogelsbergschule ist eine auf fünf Jahre angelegte Veranstaltungsreihe zum Thema Demenz gestartet. Unter Federführung des AWO-Kreisverbandes Vogelsbergkreis sind Pflegeaktionstage und weitere Veranstaltungen geplant. Die Ausstellung setzt sich künstlerisch mit Themen wie Trost, Erinnern, Vergessen, Wut und Humor auseinander.

Wie sieht Vergessen aus? Kann man Trost fühlen? Und hilft Humor auch bei Demenz? Diesen Fragen geht eine Ausstellung nach, die vor wenigen Tagen an der Vogelsbergschule (VBS) eröffnet wurde. Gestaltet wurden die Arbeiten rund um das Thema Demenz von Schülerinnen und Schülern der Klasse 12 ASP (Assistenz für Sozialpädagogik beziehungsweise Sozialassistenz). Die Schau bildet den Auftakt zu einer über fünf Jahre angelegten Veranstaltungsreihe unter Federführung des AWO-Kreisverbandes Vogelsbergkreis in Kooperation mit dem Familienbündnis Vogelsberg, dem VdK Hessen-Thüringen und dem DRK-Kreisverband Lauterbach, heißt es in einer Pressemitteilung der AWO Vogelsberg.

Herzstück des Projekts sollen Pflegeaktionstage in den Städten und Gemeinden des Vogelsbergkreises sein. Hinzu kommen besondere Veranstaltungen wie eine Filmvorführung am 13. Oktober in Lauterbach und eine Lesung am 22. November in Schlitz.

Heike Bohl, Vorsitzende des AWO-Kreisverbandes, begrüßte die Gäste in der vollbesetzten Pausenhalle der VBS. Unter ihnen waren zahlreiche Vertreter aus Politik und gesellschaftlichen Organisationen, darunter Maximilian Ziegler (MdL), Hans-Jürgen Röhr vom VdK-Kreisverband und die Kreistagsvorsitzende Dr. Birgit Richtberg. Im Mittelpunkt der Eröffnungsrede und der anschließenden Grußworte stand das Motiv der Reihe: „Demenz verändert das Gedächtnis, nicht die Würde eines Menschen.“

Hervorgegangen aus der Ausstellung „Frauen im Fokus“, widmet sich die gesamte Reihe einem Thema, das alle Menschen betreffe, sagte Bohl. Neben den Werken der Schülerinnen und Schüler wurde auch eine Info-Ausstellung mit vier Roll-ups konzipiert. Bohl dankte insbesondere der Klasse 12 ASP und ihren Lehrerinnen Sabrina Wiegand-Mischak, Corina Sammann und Jasmin Grube, die sich intensiv mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt hatten. Dabei ging es nicht nur um die medizinischen und pflegerischen Grundlagen der Erkrankung, sondern auch um die Frage, was Demenz für die betroffenen Menschen, ihre Angehörigen und ihr soziales Umfeld bedeutet. Als Hauptunterstützer der Reihe nannte Bohl die Sparkasse Oberhessen.

Für die Schule sprach der stellvertretende Schulleiter Martin Rahner. Er freute sich, dass die VBS Gastgeberin der Auftaktveranstaltung ist, und betonte die Bedeutung, den Schülerinnen und Schülern neben der Theorie auch die Lebenswirklichkeit zu vermitteln, die zu ihren Schwerpunkten – in diesem Fall der Pflege – gehört. „Wie man Menschen in Krisensituationen begegnet, macht einen Unterschied“, sagte er, denn „hinter einer Diagnose steckt immer ein Mensch.“ Die Werke der Schülerinnen und Schüler lüden dazu ein, genauer auf die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen zu schauen.

Hans-Jürgen Schäfer, Beauftragter für Senioren und Inklusion des Vogelsbergkreises, lobte das große Interesse der politischen und gesellschaftlichen Gremien an der Ausstellung sowie die Kooperation von AWO, DRK, VdK und Familienbündnis. Mit etwa 3000 an Demenz erkrankten Menschen im Vogelsberg habe die Reihe eine große Relevanz. „Demenz ist eine gesellschaftliche Aufgabe“, sagte Schäfer. Besonders wichtig sei der Austausch zwischen den Generationen, wie ihn eine solche Aktion an einem solchen Ort ermögliche. Auch Lauterbachs Bürgermeister Holger Marx lobte das Vorhaben des Netzwerkes. Es stelle den Menschen in den Vordergrund.

Als Hauptredner des Tages war Dr. Oliver Lauxen eingeladen. Der ausgebildete Altenpfleger ist nach einem Studium der Pflege- und Gesundheitswissenschaft stellvertretender Leiter des IWAK (Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur) und Arbeitsmarktforscher. Er stellte die Pflegesituation im Vogelsberg dar. Fast neun Prozent der Menschen im Vogelsberg seien im Jahr 2023 pflegebedürftig gewesen – eine Zahl, die auch mit der Demografie der Region zusammenhänge. Als Arbeitsmarktforscher warf Lauxen zudem einen Blick auf die professionelle Versorgung in den verschiedenen Einrichtungen. Bereits 2024 habe sich ein großes Defizit gezeigt, das wachsen werde, wenn in den kommenden Jahren die Zahl der Pflegebedürftigen erwartungsgemäß steige und gleichzeitig die Zahl der Pflegekräfte, beispielsweise durch den Eintritt in den Ruhestand, sinke. Sein Ausblick fiel dennoch positiv aus: Es könne gelingen, Anreize für Pflegepersonal zu schaffen und zugleich die Nachfrage nach Personal beispielsweise durch Digitalisierung oder modernisierte Abläufe zu reduzieren.

Anschließend stellten Maximilian Theiß, Liliana Kornmann und Barija Michel die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler der Klasse 12 ASP vor. Sie erläuterten, wie sie sich Begriffen wie Trost, Erinnern und Vergessen jenseits von Zahlen, Daten und Fakten genähert hatten. Ziel sei es gewesen, selbst eine neue Perspektive auf die Menschen und die Erkrankung zu gewinnen und diese auch den Betrachtern zu ermöglichen.

Dabei nutzten die jungen Erwachsenen unterschiedliche Materialien und Ausdrucksformen. So wurde beispielsweise ein zerbrochener Teller mit einer Trostbotschaft und einem weichen Watterand zum Symbol für das Gefühl, getröstet zu werden. Auch Wut sowie die Wirkung von Lachen und Humor fanden ihren Ausdruck in den Arbeiten. Die Ausstellung war ursprünglich nur für den Eröffnungstag konzipiert. Möglicherweise könnte sie künftig im Kreis auf Reisen gehen, sagte Bohl. Erste Anfragen verschiedener Einrichtungen gebe es bereits.

Die nächste Veranstaltung der Reihe findet am 13. Oktober im Lichtspielhaus in Lauterbach statt. Dort wird der Film „Romys Salon“ gezeigt, der sich auf liebevolle Weise und mit leisem Humor dem Thema Demenz widmet.

Fotos: Traudi Schlitt

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge Dich ein, um als registrierter Leser zu kommentieren.

Einloggen Anonym kommentieren