
SPD-Frauen auf den Spuren bemerkenswerter Lauterbacherinnen „Lauter starke Frauen“
LAUTERBACH (ol). Am Sonntag begaben sich die SPD-Frauen im Vogelsbergkreis bei einer Themenführung auf die Spuren bemerkenswerter Frauen aus Lauterbachs Geschichte. Gästeführerin Christina Lünzer stellte unter anderem Anna Riedesel zu Eisenbach, Malwida von Meysenbug, Amalie Maria Backhaus und Helene Mandt vor. Im Mittelpunkt standen deren Engagement für soziale Fürsorge, Bildung, wirtschaftliche Selbstständigkeit, Frauenrechte und Demokratie.
Von Anna Riedesel, Freifrau zu Eisenbach, bis Helene Mandt: Außergewöhnliche Frauen haben mit Mut, Verantwortungsbewusstsein, Weitsicht sowie wirtschaftlicher und sozialer Tatkraft die Entwicklung der Stadt Lauterbach entscheidend geprägt. Davon berichtete Gästeführerin Christina Lünzer eindrucksvoll bei ihrer Themenführung „Lauter starke Frauen“, zu der die SPD-Frauen im Vogelsbergkreis im Rahmen ihrer Sommertour am Sonntag in Lauterbach eingeladen hatten, so heißt es in der Pressemitteilung der SPD-Frauen.
Silvia Bergmann begrüßte zunächst die Teilnehmerinnen des Stadtrundgangs und die Gästeführerin Christina Lünzer. Dann startete der historische Rundgang am Schloss Eichhof.
Christina Lünzer begann ihren Vortrag mit den Anfängen der Krankenpflege in Lauterbach, die damals von einem Frauenverein getragen wurde. Anfangs wurde eine Gemeindeschwester eingestellt. Als die Not jedoch immer größer wurde und dies nicht mehr ausreichte, beschloss die Vorsitzende des Frauenvereins, Anna Riedesel zu Eisenbach, auf eigene Initiative ein Haus zu kaufen und es zunächst für ein Jahr als Kranken- und Armenhaus selbst zu betreiben. Anschließend ging das Haus auf den Frauenverein über und wurde zur „Heilanstalt für Kranke in Lauterbach“.
Schloss Eichhof, das von Friedrich Hermann und Therese Riedesel zu Eisenbach erbaut wurde, war 1900 bezugsfertig. Das Paar zog in sein Privatschloss am Rande von Lauterbach auf dem Berg. Friedrich Hermann Riedesel zu Eisenbach verstarb früh, seine Ehefrau Therese verkaufte 1929 Schloss Eichhof. Die Stadt Lauterbach baute das Schloss zu Krankenhauszwecken um und stellte es anschließend dem Verein zur Verfügung.
Eine weitere wichtige Persönlichkeit für die Stadtentwicklung in Lauterbach war Dorothea Freiin Riedesel zu Eisenbach. Sie initiierte in Stockhausen einen Kindergarten, der in diesem Jahr sein 185-jähriges Bestehen feierte, und unterstützte auch bei der Gründung des Kindergartens in Lauterbach, der 1855 eröffnet wurde.
Weiter ging es mit bürgerlichen Frauen wie Ernestine Hansel, die als Beamtentochter eine hohe Bildung genoss. Sie heiratete Carl Philipp Rivalier und hatte mit ihm mehr als zehn Kinder. Carl Philipp Rivalier wurde in den Adelsstand erhoben und die Familie trug seitdem den Namen Rivalier zu Meysenbug. Die zweitjüngste Tochter des Paares, Malwida von Meysenbug, hatte in Hamburg an einer Frauen-Privatuniversität studiert. Sie begeisterte sich für Demokratie, soziale Reformen und die ökonomische Unabhängigkeit der Frau. Nach politischen Unruhen geriet sie in Bedrängnis und floh nach London. Sie arbeitete dort in verschiedenen Stellungen, wobei ihr eine eigene Wohnung und das selbst verdiente Geld immer wichtig waren. Sie sprach mehrere Sprachen, übersetzte Texte von einer Sprache in die andere und verdiente sich auch damit Teile ihres Lebensunterhalts.

Foto: SPD Frauen Vogelsberg
Nach zehn Jahren im Exil ging sie nach Paris und schrieb dort ihr bisheriges Leben in „Memoiren einer Idealistin“ nieder. Dieses Buch erlangte Weltruhm. Es beeinflusste bis ins 20. Jahrhundert hinein Generationen von Frauen. Sie forderte die Emanzipation der Frau und betonte für deren Realisierung den Anspruch auf Bildung und Beruf. 1901 war Malwida von Meysenbug die erste Frau weltweit, die für den Literaturnobelpreis nominiert wurde.
Die Stadtführung ging weiter mit Amalie Maria Backhaus. Zusammen mit ihrem Schwager Rudolf Backhaus, einem der Gründer der Milchwerke Fulda-Lauterbach, kreierte sie den „Lauterbacher Strolch – Camembert“ und vermarktete ihn. Die Milchwerke waren anfangs in der Burg angesiedelt, zogen aber dann bald in einen Neubau am Bahnhof um. Viele Jahre leitete Amalie Maria Backhaus die Lauterbacher Molkerei. Sie schuf viele Frauenarbeitsplätze. Amalie Maria Backhaus bot Kochkurse an, um den Landwirtinnen die Zubereitung von Käse, Joghurt und anderen Milchprodukten zu erklären, und unterhielt eine Molkereischule zur Ausbildung von Nachwuchskräften.
Auch Luise Struth war in den 1920er- und 1930er-Jahren eine bekannte Persönlichkeit in Lauterbach. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Näharbeiten und Reparaturen und bildete junge Mädchen in der Kunst der Weißzeugnäherin aus. Sie hatte sicherlich die weibliche Industrieschule in Lauterbach besucht und verdiente als unverheiratete Frau ihren Lebensunterhalt mit einer kleinen Nähschule im ersten Stock ihres Elternhauses.
Abgerundet wurde die Führung mit Helene Mandt und ihrem eindrucksvollen Beispiel für Zivilcourage und Mut. Sie war Tochter des Kunstverlegers Gustav Mandt. Bei einem Wahlkampfauftritt von Dr. Joseph Goebbels in Lauterbach widersetzte sie sich ihm offen.

Foto: SPD Frauen Vogelsberg
Die sieben Frauen verbindet, dass sie auf sehr unterschiedliche Weise Verantwortung übernommen haben: für Gesundheit und soziale Fürsorge, für Bildung und Kultur, für gesellschaftlichen Fortschritt und, bei Helene Mandt, für den Mut, dem Nationalsozialismus die Stirn zu bieten.
Die Entschlossenheit und die Tatkraft, mit der die Frauen vergangener Epochen trotz eingeschränkter Rechte für ein selbstbestimmtes Leben, für Frauenrechte, soziale und finanzielle Sicherheit für Frauen und die Demokratie eingetreten sind, ist ein Weckruf für die Frauen heute, öffentlich Haltung zu zeigen und die Demokratie zu verteidigen. Hass und Gewalt dürfen keinen Platz in der Gesellschaft haben. „Wir brauchen keinen Rückfall in alte Rollenmuster, wie es uns rechte Influencerinnen in den sozialen Medien vorleben.“
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