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Eine begeisternde Lesung zwischen Dorfpolitik, Dialekt und Mord Viel Frühling im leeren Becken  

ALSFELD (ol). Am Sonntag, den 9. August, stellte Tim Frühling bei der BäderKultur im Alsfelder Erlenbad seinen neuen Rhön-Krimi „Ploatzlich tot“ vor. Der Autor verband Krimilesung, Dialekte und szenisches Spiel mit humorvollen Einblicken in Dorfpolitik und gesellschaftliche Konflikte. Die Veranstaltung des Fördervereins Badefreunde war vollständig ausverkauft.

Ein restlos ausverkauftes Hallenbad, ein Ortsvorsteher mit einer Mistgabel im Rücken und ein Autor, der aus einer Lesung beinahe Theater macht: Tim Frühling stellte bei der BäderKultur im Alsfelder Erlenbad seinen neuen Rhön-Krimi „Ploatzlich tot“ vor. Eine sonntägliche Matinee über Mord, menschliche Marotten und die erstaunliche Komik kommunaler Wirklichkeit, das berichtet der veranstaltende Förderverein Badefreunde in einer Pressemitteilung.

Anja Kierblewski, Vorsitzende des Vereins und künstlerische Leiterin der BäderKultur, hatte für die ungewöhnliche Ortswahl eine schlüssige Erklärung: Einen Autor, der bereits einen Krimi mit dem Titel „Der Kommissar in Badeshorts“ geschrieben hat, endlich einmal in einem Schwimmbad lesen zu lassen, sei schlicht literarische Konsequenz. Jener Kommissar ermittelt zwar auf den Kanaren, dem erklärten Lieblingsurlaubsziel Frühlings; für sein jüngstes Buch „Ploatzlich tot“ zieht es den Autor nun allerdings zurück nach Hessen und in die Rhön.

Bevor Frühling dort literarisch morden durfte, gab Kierblewski dem Publikum noch einen augenzwinkernden Sicherheitshinweis mit auf den Weg. Bei aller Begeisterung für den ausgesprochen sympathischen – und, wie sie ausdrücklich ergänzte, durchaus gutaussehenden – Moderator möge man bei der späteren persönlichen Begegnung bitte Maß halten. Schließlich sei der Mann verheiratet. Nicht, dass die BäderKultur eines Tages unfreiwillig die Vorlage für einen neuen Krimi liefere: „Tod am Springerbecken“.
Dass Tim Frühling selbst keine weiteren Figuren braucht, um eine Szenerie zu bevölkern, bewies er unmittelbar danach. Denn Frühling liest seine Figuren nicht einfach. Er lässt sie auftreten.

Binnen weniger Sätze verändert sich die Stimme, die Körperhaltung, ein Gesichtsausdruck; Dialekte wandern durch Hessen, Temperamente prallen aufeinander. Wo eben noch der Erzähler sprach, sitzt im nächsten Augenblick der aufgebrachte Dorfbewohner, der genervte Ermittler oder ein Ortsvorsteher vor dem Publikum, dessen Autorität bei einer Bürgerversammlung nicht unbedingt mit seinem Amt Schritt hält.

So geriet die für Mittwochabend im Programm der BäderKultur ausdrücklich angekündigte Form der szenischen Lesung mit Johanna Mildner und Jenny Wagner am Sonntagvormittag beinahe unverhofft zur Ein-Mann-Variante.

Besonders schön spielte Frühling mit jenem Ortsvorsteher namens Dimmerling – ein Name, bei dem im Alsfelder Land und vor allem in einschlägigen Handballkreisen gewisse Assoziationen kaum zu verhindern sein dürften. Dem literarischen Dimmerling ist allerdings kein langes kommunalpolitisches Wirken beschieden. Er endet mit einer Mistgabel im Rücken im Straßengraben. Und als wäre ein solcher Tod nicht schon kompliziert genug, hat Frühling seinen Tatort ausgerechnet auf eine Kreisgrenze gelegt.
Damit beginnt eine jener herrlich absurden Situationen, in denen sich Frühlings Lust an genauer Beobachtung besonders deutlich zeigt: Welcher Polizeibehörde gehört eigentlich ein Toter, dessen Kopf in einem und dessen übriger Körper im anderen Zuständigkeitsbereich liegt? Zählt der Kopf? Zählt der Oberkörper? Oder ist am Ende entscheidend, wo die Mistgabel steckt? Plötzlich trifft Rechtsmedizin auf Verwaltungsgeografie.

Für Polizeihauptkommissar Hahner vom Polizeipräsidium Osthessen jedenfalls ist die Sache Anlass genug, auf der Bildfläche zu erscheinen – beziehungsweise bei Frühling zunächst einmal akustisch. Hahner stammt ursprünglich von der Bergstraße, und der Autor stattete ihn mit einem Dialekt aus, der im Alsfelder Hallenbad für beträchtliches Vergnügen sorgte.

Weniger erfreut über dessen Auftauchen ist Kommissar Daniel Rohde aus Bad Hersfeld. Aus gutem Grund: Rohde hatte sich einst selbst bei der Fuldaer Mordkommission beworben. Mehr wurde nicht verraten.

Frühling weiß schließlich, wo eine Lesung aufzuhören hat. Er wolle das Publikum nur neugierig machen. Für die Auflösung sei weiterhin das Buch zuständig – vorzugsweise eines, das man anschließend mit nach Hause nehme und signieren lasse.

Die Komik beginnt dort, wo einem manches bekannt vorkommt
Besonders stark wurde der Vormittag dort, wo Frühlings erfundene Welt auf eine Wirklichkeit traf, die im Publikum offenbar nicht völlig unbekannt war: Im Mittelpunkt einer der gelesenen Szenen steht eine Bürgerversammlung zu einem geplanten Solarpark. Und plötzlich war Obersolzrod, der fiktive Ort des Romans, gar nicht mehr besonders weit von irgendeinem beliebigen deutschen Dorf entfernt.

Befürworter reden gegen Gegner an, unmittelbar Betroffene gegen jene, die vor allem grundsätzlich betroffen sind. Menschen haben Argumente, andere haben Überzeugungen, und nicht immer muss zwischen beidem ein zwingender Zusammenhang bestehen.

Da ist etwa die Frau, die aus Frankfurt aufs Land gezogen ist und dort nun vor allem eines erwartet: dass alles so ruhig bleibt, wie sie es sich vorgestellt hat. Und da ist jener Mann, der seine ganz eigene Theorie über erneuerbare Energien entwickelt hat. Seine verstorbene Frau, davon ist er überzeugt, sei durch Ausdünstungen von Windkraftanlagen krank geworden. Ein Solarpark erscheint ihm kaum vertrauenerweckender. Dunkle Flächen, argumentiert er, ziehen Licht an, schlucken Licht – Licht, das dann folgerichtig den umliegenden Wiesen und Getreidefeldern fehlen müsse.

Man lachte im Hallenbad. Vielleicht auch deshalb so herzlich, weil gute Satire selten vollkommen erfinden muss. Frühling überspitzt, aber er denunziert seine Figuren nicht. Genau darin liegt eine Qualität seiner Krimis. Hinter den schrulligen Positionen und menschlichen Eitelkeiten bleibt stets die Ahnung, dass Wirklichkeit komplizierter ist als die einfache Einteilung in vernünftig und unvernünftig, fortschrittlich und rückständig, richtig und falsch.

„Ploatzlich tot“ bewegt sich damit zwar im Genre des Cozy Crime, begnügt sich aber keineswegs mit gemütlichem Morden vor hübscher Landschaft. Die Konflikte, die Frühling seinen Figuren zumutet, sind bemerkenswert gegenwärtig: Energiewende, Dorfpolitik, unterschiedliche Lebensentwürfe, gesellschaftliche Verhärtungen und die Frage, wie Menschen miteinander reden, wenn jeder längst sicher ist, recht zu haben. Dass dies leicht daherkommt, ist gerade die Kunst.

Ein Autor, der seine eigenen Vorlieben mitverarbeitet

Zwischen den gelesenen Passagen gewährte Frühling immer wieder Einblicke in seine Wort-Werkstatt. Er erzählte von Recherche, von Entscheidungen für bestimmte Szenen und davon, dass natürlich auch eigene Vorlieben und Abneigungen ihren Weg in einen Roman finden. Manches davon ist bedeutender, manches musikalischer Natur.
So erfuhr das Publikum unter anderem, dass Frühling mit Queen wenig anfangen kann. Für einen Mann, der morgens Radio moderiert, ist das beruflich nicht ganz unproblematisch. Dort werde die britische Rockband schließlich durchaus gespielt. Dann müsse er eben so tun, als gefalle ihm das. Er bekomme schließlich Geld dafür. Wieder Gelächter.

Überhaupt war dies ein auffallend heiterer Vormittag für eine Veranstaltung, bei der ein Mann mit einer Mistgabel im Rücken eine zentrale Rolle spielte. Das liegt sicherlich an Frühlings Genre. Vor allem aber liegt es an ihm selbst. An seiner Fähigkeit, zwischen präziser Beobachtung und Selbstironie zu wechseln, an seinem Spiel mit Sprache und Dialekt und an jener unangestrengten Präsenz, mit der er ein Publikum nicht nur unterhält, sondern sehr schnell zu Komplizen seiner Geschichten macht.
So wurde aus der Lesung eine Matinee, die weit mehr bot als ausgewählte Kapitel aus einem neuen Buch. Frühling erzählte auch von dem, was zwischen den Zeilen liegt: wie eine Figur entsteht, warum eine Szene funktioniert und weshalb das vermeintlich Nebensächliche häufig das eigentlich Interessante ist.

Kierblewskis humorvolle Moderation setzte diesem Vormittag den passenden Rahmen – und ließ den Gast am Ende dennoch nicht ganz ohne Verpflichtung ziehen. Denn da wäre noch eine offene Rechnung: Als sie Frühling bereits im vergangenen Sommer während der Alsfelder Kulturtage auf die BäderKulturangesprochen hatte, war zumindest die Hoffnung im Raum gewesen, Alsfeld könne vielleicht irgendwann selbst zum Schauplatz eines seiner Krimis werden.

Diesmal ist es die Rhön geworden. Gut. Alsfeld wartet. An Material sollte laut Kierblewski nicht scheitern. Die romantische Fachwerkstadt an der Deutschen Märchenstraße bietet Spazier- und Wanderwege, genügend verwinkelte Gassen, Dörfer ringsum und ganz sicher auch jene menschlichen Eigenheiten, ohne die kein ordentlicher Kriminalroman auskommt.

Seit Sonntag kennt Frühling nun sogar einen weiteren möglichen Schauplatz: das Erlenbad. Denn auch ein Schwimmbad entwickelt an manchen Tagen seine ganz eigene Dramaturgie. Eine verschwundene Schwimmnudel, ein Handtuch am falschen Platz oder die Frage, wem eigentlich welche Bahn gehört, können mitunter überraschende Energien freisetzen. Mit Kierblewskis Worten: Die Recherchegrundlage wäre vorhanden. Ob daraus irgendwann tatsächlich ein „Tod am Springerbecken“ wird, bliebe natürlich dem Autor überlassen, der allerdings wenig Anlass zur Hoffnung gab – schließlich wolle er nicht in Dietrich Fabers Revier fischen.

So bleibt das Hoffen und eine Erinnerung. Seit Sonntag eine an einen Vormittag, an dem ein Hallenbadbecken restlos voll war, obwohl kein Wasser darinstand. Dafür aber mit reichlich Frühling.

Fotos: Kierblewski

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