
Förderverein Badefreu(n)de e.V. begeistert mit Sören Flimm bei der BäderKulturDer Ton, der im Menschen weiterschwingt
ALSFELD (ol). Sören Flimm begeisterte bei der Veranstaltungsreihe BäderKultur im Alsfelder Erlenbad mit seinem Programm „Geschichten am Klavier“. Der Sänger und Pianist verband bekannte Songs mit persönlichen Geschichten, Gedanken zum Thema Resonanz und humorvollen Momenten. Das Publikum dankte den Auftritt mit stehenden Ovationen. Für Flimm war es die Premiere seines neuen Programms.
Zwischen Herzberg-Festival auf der einen und Alsfelder Stadtfest auf der anderen Seite fand mittendrin am Wochenende ein besonders inspirierender, resonanzreicher Abend im Rahmen der BäderKultur statt – jener Veranstaltungsreihe, die seit Wochen für Aufsehen sorgt, weil sie vertraute Räume neu denkt, Kunstformen miteinander verbindet und Alsfeld immer wieder überrascht, heißt es in der Pressemitteilung der Badefreu(n)de.
Es war vermutlich nicht der lauteste und gewiss nicht der größte Kulturabend dieses Wochenendes. Vielleicht aber einer derjenigen, die am längsten nachwirkten. Denn Sören Flimm war nicht gekommen, um bekannte Lieder einfach noch einmal zu spielen. Er betrachtete ihre Texte, legte Erinnerungen frei und setzte sie neu zusammen: aus Klavierklängen, einer ausdrucksstarken Stimme, persönlichen Geschichten, klugen Gedanken und feinem Humor.
Mit Elton Johns „Your Song“ eröffnete er den Abend. Schon hier zeigte sich, worauf sein Programm „Geschichten am Klavier“ hinauswill: auf jene Kraft der Musik, mit wenigen Tönen ganze Lebensabschnitte zurückzuholen. Ein Lied erklingt – und plötzlich ist da wieder das erste Auto, eine längst vergangene Feier, eine Reise oder ein Mensch, der einmal zum eigenen Leben gehörte.
Flimm begleitet sich am Klavier mit großer Souveränität und ausgeprägtem Gespür für Dynamik. Er lässt Melodien atmen, verdichtet sie an anderer Stelle und setzt Akzente, ohne seine Virtuosität auszustellen. Das Instrument ist bei ihm weder bloße Begleitung noch dekorativer Untergrund. Es führt, kommentiert und trägt die Stimme durch sehr unterschiedliche musikalische Welten.
Und diese Stimme kann einiges tragen. In der Mittellage warm und präsent, öffnet sie sich in der Höhe und besitzt genügend Kraft für die dramatischen Bögen der Musical- und Rocksongs. Vor allem aber versucht Flimm nicht, berühmte Sänger zu imitieren. Er kopiert weder Herbert Grönemeyers unverwechselbare Rauheit noch Michael Jacksons vokale Eigenheiten, sondern überführt die Stücke in seine eigene Klangsprache.
Das gelingt bei „Mensch“ ebenso eindrucksvoll wie bei „Der Weg“. Auch den „Earth Song“, dessen emotionale Wucht leicht ins Pathetische kippen könnte, baut Flimm kontrolliert auf. Selbst Queens „Bohemian Rhapsody“, dieses vielstimmige Monument der Rockgeschichte, besteht in der Reduktion auf einen Mann und ein Klavier. Flimm versucht nicht, das Original nachzubauen. Er legt dessen musikalische Architektur frei.
Dass er aus dem Musical kommt, hört man besonders in „Dies ist die Stunde“ aus „Jekyll & Hyde“, „Frei und schwerelos“ aus „Wicked“ oder „Die unstillbare Gier“ aus „Tanz der Vampire“. Hier verbinden sich stimmliche Tragfähigkeit, präzise Artikulation und darstellerische Präsenz. Flimm singt diese Lieder nicht nur – er erzählt sie.
Der Veranstaltungsort blieb dabei wohltuend Kulisse, statt selbst zum Hauptdarsteller zu werden. Das leergepumpte Hallenbadbecken verlieh den Tönen lediglich einen längeren Atem. Natürlich ließ sich Flimm die eine oder andere Anspielung nicht entgehen. Die Gäste im Nichtschwimmerbereich begrüßte er kurzerhand „im seichten Bereich“. Es war einer jener spontanen Sätze, die zeigten, wie wach dieser Künstler Raum und Publikum wahrnimmt.
Vor der Pause widmete sich Flimm vor allem jenem Thema, das ihn auch beruflich als Vortragsredner beschäftigt: der Resonanz. Mitschwingen, so seine These, sei ein emotional notwendiger Sauerstoff. Menschen wollten nicht nur sprechen, handeln oder etwas von sich zeigen. Sie bräuchten eine Antwort. Einen Blick, eine Reaktion, ein Zeichen dafür, dass das, was sie aussenden, irgendwo ankommt.
Um dieses Prinzip sichtbar zu machen, griff er zu zwei Stimmgabeln. Beide waren auf 440 Hertz gestimmt, den Kammerton A. Schlägt man die eine an, beginnt auch die andere zu schwingen – sofern sie dieselbe Frequenz besitzt. Ein nüchterner physikalischer Vorgang, der an diesem Abend zu einem kleinen Modell menschlicher Begegnung wurde.
Denn auch Menschen reagieren auf Stimmungen, Haltungen, Worte und Gesten. Anders als Stimmgabeln, führte Flimm aus, könnten sie ihre Frequenz verändern. Sie seien in der Lage, sich bewusst aufeinander einzustellen, einen anderen Ton zu suchen und in Resonanz zu treten.
Mit einem Augenzwinkern führte dieser Gedankengang später am Abend sogar zu ChatGPT. Das digitale Gegenüber scheine zunächst ausgesprochen gut mitzuschwingen, antworte freundlich, spiegele Gedanken und halte seinen Gesprächspartner bei Laune, indem es vieles bestätige und bemerkenswert großartig finde. Gut für das Selbstvertrauen, zweifellos. Aber eben nicht dasselbe wie wirkliche menschliche Resonanz.
Solche Ausflüge gerieten nie zum Vortrag im Konzert. Flimm dozierte nicht. Er dachte hörbar nach, verband Beobachtungen mit Musik und überließ es dem Publikum, was davon im eigenen Inneren Widerhall fand.
Auch seine Liedauswahl folgte keiner bloßen Hitparade. Immer wieder erklärte er, weshalb bestimmte Texte für ihn Bedeutung gewonnen hatten. Besonders berührend wurde dies bei „Abenteuerland“ von Pur. Seit er selbst Vater sei, erzählte Flimm, nehme er den Text anders wahr. Kinder machten jene kleinen Wunder sichtbar, an denen Erwachsene längst achtlos vorbeigingen – etwa eine Schnecke auf dem Weg zum Kindergarten.
So wurde aus dem viel gehörten Popsong eine Betrachtung über Wahrnehmung und die Fähigkeit, sich von einem Kind den Blick auf die Welt neu einstellen zu lassen. Vielleicht ist auch das Resonanz: nicht nur auf etwas zu reagieren, sondern sich davon verändern zu lassen.
Nach der Pause wurde der Abend musikalisch noch einmal größer. Johannes Oerdings „An guten Tagen“ traf auf Udo Jürgens’ „Immer wieder geht die Sonne auf“, Queen auf John Miles, Musical auf deutschen Pop. Bei „Don’t Stop Me Now“ erzählte Flimm, niederländische Wissenschaftler hätten anhand von Tempo und Struktur ermittelt, dass es sich um den Motivationssong schlechthin handle. Dass dieser Titel Energie freisetzt, ließ sich an diesem Abend auch ohne Formel beobachten.
Die stärksten Momente entwickelte das Programm jedoch häufig dort, wo Flimm zurücktrat. Wo er eine Pause zuließ, einen Gedanken nicht zu Ende erklärte oder seine Stimme für einen Augenblick dem Publikum überließ.
Bei „Ohne dich“ von der Münchener Freiheit wurde er an der entscheidenden Stelle leiser – und die Zuschauer übernahmen. Nicht laut und ausgelassen, sondern beinahe vorsichtig. Für wenige Takte wechselte das Lied die Richtung. Es kam nicht mehr allein von der Bühne, sondern aus dem Raum zurück. Mehr Resonanz ließ sich kaum demonstrieren.
Bis dahin hatte das Publikum gebannt zugehört, gelacht, nachgedacht und sich von einer Setlist tragen lassen, in der nahezu jeder Titel eine Erinnerung anzustoßen vermochte. Am Ende erhoben sich die Gäste zu stehenden Ovationen. Flimm gab zwei Zugaben. Der Applaus wirkte nicht wie eine routinierte Höflichkeitsgeste, sondern wie eine Antwort.
„Ein fantastischer Abend“, war anschließend zu hören. Und immer wieder: „Wie er spielt – und dazu auch noch so singt.“
Für Flimm war der Auftritt in Alsfeld erst die dritte Aufführung dieses Programms. Die beiden vorangegangenen Abende bezeichnete er selbst als Generalprobe und Vorpremiere. Insofern habe im Erlenbad die eigentliche Premiere stattgefunden.
Sie ist gelungen. Nicht, weil jeder Gedanke endgültig ausformuliert oder jeder Moment bis ins Letzte inszeniert gewesen wäre. Sondern weil das Programm seinen Kern fand: die Verbindung von musikalischem Können und menschlicher Zugewandtheit, von Unterhaltung und Reflexion, von Bühnenpräsenz und ehrlicher Neugier auf das Gegenüber. Es gibt Abende, die beklatscht man. Und es gibt solche, auf die man antwortet. Dieser gehörte zur zweiten Kategorie.
Fotos: Kierblewski
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