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Kunst Wissenschaft und Erfahrung verbundenDavid Weiss eröffnet Atelier in der ehemaligen Malerschule Euler in Lauterbach

LAUTERBACH (ol). Der Künstler und Agrarwissenschaftler David Weiss hat die Räume der ehemaligen Malerschule Euler in Lauterbach als Atelier bezogen. Seine Arbeiten verbinden Kunst, Forschung und persönliche Erfahrungen und entstehen unter anderem aus Malerei, Holzschnitt, Comics, Collagen und Skulpturen. Das neue Atelier soll künftig als kreativer Mittelpunkt zwischen regionaler Verwurzelung und internationalen Einflüssen dienen.

Der Künstler und Agrarwissenschaftler David Weiss hat in Lauterbach die ehemalige Malerschule Euler als Atelier bezogen. Seine Arbeiten führen von der hessischen Provinz nach Paris, Madagaskar und in die Mongolei, so heißt es in der Pressemitteilung des Künstlers – und immer wieder zurück zu einer Frage: Wie lassen sich Kunst, Wissenschaft und menschliche Erfahrung miteinander verbinden?

Ein Atelier ist niemals nur ein Raum. Es ist Werkstatt und Rückzugsort, Labor und Bühne, manchmal auch ein Speicher für jene Gedanken, die noch keine endgültige Form gefunden haben. In Lauterbach hat ein solcher Ort nun ein neues Kapitel begonnen: Der freischaffende Künstler David Weiss ist mit seiner Familie in die Kreisstadt gezogen und hat die Räume der ehemaligen Malerschule Euler als Atelier bezogen. Wo einst Farben gemischt, Flächen gestaltet und handwerkliche Techniken vermittelt wurden, entstehen künftig Malereien, Holzschnitte, Comics, Collagen, Skulpturen und wissenschaftlich inspirierte Bildwelten. Es ist ein passender Ort für einen Künstler, dessen Arbeit sich seit Jahren zwischen den Disziplinen bewegt – und der sich gerade deshalb nicht auf eine einzige Ausdrucksform festlegen lässt.

David Weiss ist Künstler. Er ist aber ebenso Agrarwissenschaftler, Forscher, Zeichner, Illustrator und Geschichtenerzähler. Er ist Familienvater von zwei Kindern, international ausstellender Kunstschaffender und zugleich ein Mensch, dessen Lebensweg nicht im geschützten Raum einer klassischen Künstlerbiografie begann.Bevor seine Arbeiten in Galerien, Museen und internationalen Ausstellungshäusern zu sehen waren, sammelte Weiss Erfahrungen auf dem Bau, in der Gastronomie, im Bühnenbau und im Gartenbau. Er kennt die körperliche Seite der Arbeit, den Umgang mit Material, Werkzeug, Erde und Widerstand. Vielleicht liegt auch darin eine Ursache für die besondere Stofflichkeit seiner Kunst: Seine Werke scheinen nicht nur gedacht, sondern erarbeitet, geschichtet und manchmal regelrecht ausgegraben zu sein.

Weiss stammt aus Landenhausen und wuchs dort auf. Die künstlerische Ader liegt in der Familie, der Künstler Henry Euler war der Großonkel von David Weiss, förderte und inspirierte ihn. Doch bei ihm entwickelte sie sich nicht zu einer geradlinigen Laufbahn. Sein Weg verzweigte sich früh. Er machte zwei Ausbildungen einmal als Kaufmann im Einzelhandel und später als Gemüsegärtner. Er studierte auf dem zweiten Bildungsweg Ökologische Agrarwissenschaften und schloss anschließend auch ein künstlerisches Studium im Bereich Illustration und Comic an der Kunsthochschule Kassel mit einem Master, bei Hendrik Dorgathen ab. Vor der Klasse Illustration und Comic besuchte er die Klasse Freie Grafik. Heute promoviert er an der Universität Göttingen.

Was bei anderen wie ein Widerspruch wirken könnte, ist bei Weiss längst zum künstlerischen Prinzip geworden. Landwirtschaft und Kunst, Forschung und Intuition, wissenschaftliche Genauigkeit und freie Assoziation stehen sich in seinem Werk nicht feindlich gegenüber. Sie beobachten einander, widersprechen sich, ergänzen sich – und finden schließlich in einem gemeinsamen Bild zusammen.
In seiner Doktorarbeit versucht Weiss, diese beiden Welten miteinander zu verbinden. Dabei beschäftigt er sich unter anderem mit Sachcomics: visuellen Erzählformen, durch die wissenschaftliche Inhalte verständlich, zugänglich und über sprachliche Grenzen hinweg vermittelbar werden können.

Ein Comic ist in diesem Zusammenhang keine bloße Verzierung eines wissenschaftlichen Textes. Er kann Wissen ordnen, Zusammenhänge sichtbar machen und komplizierte Prozesse in eine nachvollziehbare Bildfolge übersetzen. Wo Fachsprache Distanz erzeugt, kann eine Zeichnung Nähe schaffen. Wo Zahlen abstrakt bleiben, kann eine Figur, eine Landschaft oder eine erzählte Szene einen neuen Zugang eröffnen.
So wird das Bild bei Weiss selbst zu einem Instrument der Forschung.

Sein künstlerischer Blick richtet sich dabei auf einige der drängendsten Fragen der Gegenwart: auf Nachhaltigkeit und Klimawandel, auf Umweltzerstörung, soziale Dynamiken, Vielfalt, Geschichte und wissenschaftliche Erkenntnis. Doch seine Arbeiten liefern keine einfachen Antworten. Sie wollen nicht belehren. Sie eröffnen Räume, in denen Betrachterinnen und Betrachter eigene Zusammenhänge entdecken können. Weiss arbeitet multimedial. Malerei steht neben Holzschnitt, Comic neben Bronzeguss, Collage neben Installation. Seine Kunst folgt keinem Materialgehorsam. Verwendet wird, was eine Geschichte in sich trägt: Altmetall, Schafwolle, ausgediente Landkarten, alte Drucke oder vergessene Gemälde. Dinge, die ihren ursprünglichen Zweck verloren haben, erhalten in seinen Arbeiten ein zweites Leben. Eine alte Landkarte ist dann nicht mehr nur ein geografisches Dokument. Sie wird zur Erinnerung an Grenzen, Reisen und politische Ordnungen. Ein Stück Metall bleibt nicht bloß industrieller Rest, sondern kann zum Körper einer Skulptur werden.

Ein überholtes Bild wird nicht entsorgt, sondern übermalt, verwandelt und in eine neue Zeit überführt. In dieser Wiederverwendung liegt etwas grundsätzlich Menschliches. Weiss interessiert sich für das, was übrigbleibt – für Spuren, Fragmente und Überreste. Seine Kunst fragt danach, welche Geschichten Materialien speichern und was geschieht, wenn man sie aus ihrer bisherigen Ordnung löst. Dass sein Blick weit über die Region hinausreicht, zeigt auch seine Biografie. Künstlerische und wissenschaftliche Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem in die Mongolei, nach Madagaskar und Burkina Faso. Die Weite der mongolischen Landschaft, die außergewöhnliche Artenvielfalt Madagaskars und die kulturellen Erfahrungen in Westafrika wurden Teil seines künstlerischen Archivs. Solche Reisen hinterlassen nicht zwangsläufig Bilder im Sinne klassischer Reiseerinnerungen. Bei Weiss werden sie vielmehr zu inneren Landschaften. Eindrücke, Begegnungen und Beobachtungen tauchen später verändert wieder auf: als Tierfigur, als topografische Struktur, als Material, als Farbe oder als erzählerisches Motiv.

Auch die Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern bildet einen festen Bestandteil seines Schaffens. Weiss arbeitet unter anderem mit Andreas Schmelzer sowie regelmäßig mit David Hardy (Suisse-Marocain, Künstlername) zusammen. Mit Suisse-Marocain und Andreas Schmelzer entstanden zahlreiche gemeinsame Werke und Ausstellungen. Gerade in diesen Gemeinschaftsarbeiten zeigt sich Kunst als Gespräch. Zwei Handschriften begegnen sich auf einer Fläche, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Bilder werden weitergeführt, überarbeitet, beantwortet und manchmal bewusst gestört. Nicht die makellose Einheit steht im Mittelpunkt, sondern die Spannung zwischen unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen. Die Liste der bisherigen Ausstellungsorte ist lang. Weiss zeigte seine Arbeiten unter anderem in Paris, Madrid, Granada, Prag, Berlin, Heidelberg, Koblenz, Kassel, Mannheim, Fulda und Kleinsassen. Bereits seit 2014 ist er regelmäßig an Einzel- und Gruppenausstellungen beteiligt. Seine Werke waren unter anderem in der Akademie der Künste Berlin, im Schloss Heidelberg, im Ludwig Museum Koblenz, im Otto-Pankok-Museum sowie mehrfach im Pariser Kunsthaus 59 Rivoli zu sehen.

Auch 2026 ist Weiss in der Ausstellung „Metamorphose des Denkens“ der Stiftung Kai Dikhas und des Kunstraums Dikhas Dur vertreten. Der Titel könnte zugleich als Beschreibung seines eigenen Schaffens verstanden werden: Denken erscheint darin nicht als starrer Zustand, sondern als etwas Wandelbares. Es nimmt Einflüsse auf, verändert seine Form und sucht nach neuen Verbindungen. Mit seinem Umzug nach Lauterbach kehrt Weiss nun in eine Region zurück, die ihm biografisch und kulturell vertraut ist. Doch das neue Atelier bedeutet keine Abkehr von seiner internationalen Arbeit. Vielmehr könnte es zu einem Knotenpunkt werden: einem Ort, an dem Erfahrungen aus Paris, Berlin, Madagaskar oder der Mongolei auf die Landschaft und die Menschen des Vogelsbergs treffen. Die ehemalige Malerschule Euler bietet dafür mehr als nur Wände und Arbeitsfläche. Sie bringt ihre eigene Geschichte mit. In den Räumen wurde bereits gestaltet, gelernt und mit Farbe gearbeitet. Nun setzt sich diese Geschichte unter anderen Voraussetzungen fort.

Dabei dürfte das Atelier kaum ein stiller Aufbewahrungsort fertiger Werke werden. Dafür ist Weiss’ Kunst zu sehr auf Austausch und Bewegung ausgerichtet. Sie entsteht aus Begegnungen – mit Menschen, Materialien, wissenschaftlichen Fragen und fremden Lebenswelten. Sie sucht nicht nach einer einzigen Wahrheit, sondern nach den Verbindungen zwischen unterschiedlichen Formen des Wissens. Vielleicht ist genau das die eigentliche Besonderheit dieses Künstlers: David Weiss betrachtet den Acker nicht nur als landwirtschaftliche Fläche. Er sieht darin ein biologisches System, eine politische Zone, eine historische Landschaft und zugleich eine mögliche Bildfläche.
Und ein Bild ist für ihn nicht bloß Kunst. Es kann Forschung sein, Erinnerung, Widerspruch und Einladung zum Gespräch. In Lauterbach hat dieses Denken nun einen neuen Raum gefunden. Einen Raum, in dem aus wissenschaftlichen Fragen Zeichnungen werden, aus ausgedienten Materialien Skulpturen und aus scheinbar getrennten Lebenswegen ein gemeinsames Werk.

Fotos: David Weiss

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