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Zeitreise im Altweibersommer: Astrid Ruppert zu Gast bei Frau KirschbaumFrauenleben – Geschichten mit Mode und Musik

LAUTERBACH (ol). Zu einem literarischen Salon wurde am Samstagabend der Laden von Frau Kirschbaum: Zwischen hochwertigen Kleidungsstücken und drei ganz besonderen Anfertigungen fanden sich zahlreiche mode- und literaturbegeisterte Frauen ein, die der Einladung des Organisatorinnenteams der Reihe „Altweibersommer“ gefolgt waren.

Begrüßt wurden sie von Christiane Pflug, und sie freuten sich auf eine Lesung mit der bekannten Autorin Astrid Ruppert, die mit ihrer Trilogie über die Winter-Frauen nicht nur die miteinander verknüpften Leben von fünf Frauen skizziert, sondern auch alle großen deutschen Epochen seit der Kaiserzeit im vorletzten Jahrhundert auferstehen lässt, heißt es in der Pressemitteilung der Organisatorinnen.

„Eigentlich sollte es ein Roman über eine Mutter-Tochter-Geschichte werden“, berichtete Astrid Ruppert ihrem gespannten Publikum. Doch je mehr sie sich damit beschäftigte, wie Mütter ihre Töchter prägen, wie diese wiederum ihre Töchter prägen, was gelingt und was ganz oft furchtbar schiefläuft, umso deutlicher sei ihr geworden, dass auch die Großmutter und die Ur-Großmutter noch eine Rolle spielen. Mit „Leuchtende Tage“ und „Wilde Jahre“ liegen derzeit Band 1 und 2 vor.

Zurück in die Kaiserzeit

Mit einer Lesung aus Band 1 nahm die Autorin ihre Zuhörerinnen mit in die Kaiserzeit, in das Dreikaiserjahr 1888, in dem ihre erste Protagonistin Lisette geboren wurde. Diese gab schon bei ihrer Geburt zu erkennen, dass sie nicht für Konventionen geeignet ist – eine Haltung, die sich fortsetzt, denn sie kann die Rolle der braven Ehefrau eines erfolgreichen Mannes, die die feine Wiesbadener Gesellschaft für sie vorsieht, nicht erfüllen.

Sichtbarer Ausdruck der Rolle der Frau in dieser Zeit und diesen Kreisen ist die Kleidung: Eng geschnürt, fast bis zur Ohnmacht, können die Frauen sich nicht frei bewegen, tragen bis zu vier Kilo Stoff am Leib und müssen sich zu jeder Tageszeit passend anziehen – ein Fulltime-Job, der sie natürlich auch davon abhält, nach anderem zu streben. Lisette entflieht dieser Welt mit einem Schneider, der für sie ihr Traumkleid näht, der erkannt hat, was sie will und wer sie ist.

Gut aufgelegte Vorleserin: Astrid Ruppert bot ihren Zuhörerinnen eine Zeitreise mit Mode und Musik. Fotos: Traudi Schlitt

Mit gut ausgewählten Szenen ließ Astrid Ruppert diese Zeit in der Vorstellung ihrer Zuhörerinnen wieder auferstehen: Die feine Gesellschaft, die die Inthronisation des letzten deutschen Kaisers feiert, die Wandelgänge auf den feinen mit Villen gesäumten Straßen Wiesbadens, die Anproben bei der Maßschneiderin, das Sommerhaus der Winters, dessen Garten standesgemäß mit Pinien bepflanzt ist.

Ein großer Sprung in die 50er/60er

Wohin es Lisette und Emile verschlägt, welches Schicksal sie ereilen wird – all das ließ die Autorin offen. Dass es eine Tochter, eine Enkeltochter und eine Urenkelin geben wird, davon berichtete Astrid Ruppert dennoch. Der zweite Band macht einen großen Sprung, denn hier geht es um die Geschichte von Paula, Lisettes Enkelin, die ebenso wie diese ein Freigeist ist und sich in der bäuerlichen Welt eines hessischen Dorfes in den 50er- und 60er-Jahren nicht wiederfindet.

Ihre Liebe gilt der Musik und je mehr sie sich dessen klar wird, umso größer wird ihre Distanz zu ihren ohnehin von den Kriegserfahrungen gezeichneten Eltern und dem Leben, das sie führen. Sie entflieht diesem, wann immer es möglich und bricht am Ende ebenfalls aus ihrem Elternhaus aus – wie einst ihre Großmutter und doch ganz anders. Dieses Kapitel ist gespickt mit Musik, an die sich viele der anwesenden Gäste noch erinnerten und zu der sie eigene Verbindungen hatten, ob Caterina Valente, Connie Froboess, die Beatles oder The Who.

Viel Bewunderung gab es – nicht nur – von Christiane Pflug und Astrid Ruppert (rechts) für die Arbeiten der Max-Eyth-Schule.

Viele Bezüge gab es zu dieser Zeit, vielleicht auch an das Schweigen, von dem Astrid Ruppert erzählt und das über der Kriegs- und Nachkriegsgeneration lag. Auch Paulas Schicksal bleibt offen, nur so viel erfuhren die Gäste bei Frau Kirschbaum: Sie bekommt ein Kind, Maya, das sich später als Erwachsene auf die Suche machen wird nach seiner Geschichte und der seiner Vorfahrinnen.

Viele Gespräche im Anschluss

Viele Gespräche kamen im Anschluss an die Lesung in Gang: Frauen berichteten von ihren Müttern, ihren Töchtern, ihren Erinnerungen. Sie staunten über die besonderen Kleidungsstücke, die von Auszubildenden der Alsfelder Max-Eyth-Schule nach den Entwürfen in Rupperts Buch gefertigt worden waren: ein grünleuchtendes, wunderschön besticktes Reformkleid, ein Kleid aus den Fetzen anderer Kleider und ein geschnürtes Gesellschaftskleid, das den damaligen erstrebenswerten Taillenumfang von 48 Zentimetern erahnen lässt. Außergewöhnlich gut nahmen sie sich neben den Herbst- und Winterkollektionen im Laden aus, in dem es Gastgeberin und Organisatorinnen gelungen war, mit feinen Getränken und kleinen Lauterbacher Köstlichkeiten eine einnehmende Atmosphäre zu schaffen.

Kleine Überraschungen gab es außerdem: Die Original-Altweibersommer-Wundertüten standen zum Verkauf, zwei der legendären und im ersten Band oft zitierten Wiesbadener Ananastörtchen wurden verlost und man konnte und kann jetzt schon den 3. Band der Reihe vorbestellen: Wer jetzt schon eine Bestellung bei Claudia Götz-Walk im Buchladen das Buch platziert, kann sich ab dem 17. November „Ein Ort, der sich zuhause nennt“ mit Widmung nach Wahl und Signatur der Autorin dort abholen. Die Premierenlesung aus dem neuen Buch findet am 25. November in der Homberger Stadthalle statt.

Der Altweibersommer geht am 8. Oktober in die letzte Runde: Dann liest Traudi Schlitt im Lauterbacher Lichtspielhaus neue und alte Kolumnen, es gibt zwei Kurzfilme und die Formation „Gut‘ Nacht, Marie“ wird das alles musikalisch begleiten. Hierzu kann man sich im Lauterbacher Lichtspielhaus unter 0800 080 1010 anmelden.

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