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Corona-Impfung: Sind die Amerikaner dabei cooler? Gerd Ludwig erzählt, wie er zu seinen Impfdosen kamGeimpft wird auch im Schneesturm

ALSFELD/LOS ANGELES. Gerd Ludwig, in Los Angeles lebender Top-Fotograf aus Alsfeld, konnte vor wenigen Tagen eine Neuerung verkünden, um die ihn mancher 73-Jährige in Deutschland beneiden würde: Er hat die zweite Impfung gegen Corona erhalten. Das ist Anlass für ein Gespräch, meinte OL-Gründer Axel Pries: Wie geht das mit dem Impfen in den USA? Siehe da: Es scheint, als ob mehr Lockerheit auch seine Vorteile hat.

Wie läuft es denn mit den Impfungen in den USA? Wie bist du dazu gekommen?

Also, ich kann die ganze Prozedur hier nur über alles loben. Als klar wurde, dass in Kalifornien nicht nur Leute im Gesundheitswesen geimpft werden können, sondern auch Personen, die älter als 65 sind, habe ich relativ schnell einen Termin für eine Impfung bekommen. Inklusive der 15 Minuten Wartezeit, die man nach der Impfung im Auto sitzen muss, hat die Prozedur für mich weniger als eine Stunde gedauert. Auto, das heißt, es gibt hier die Drive-through-Impfung. Es waren vom Ankommen in der Schlange bis zur Abfahrt 55 Minuten.

So war es bei der Erstimpfung?

Ja. Bei der Zweitimpfung waren es insgesamt sogar nur 30 Minuten.

Du hast beide Impfungen gut überstanden? Keine Nebenwirkungen erlebt?

Ich habe beide Impfungen ohne irgendwelche Nebenwirkungen überstanden. Aber ich habe von Freunden gehört, dass es ihnen nach der zweiten Impfung nicht ganz so gut ging. Die hatten leichtes Fieber oder fühlten sich matt. Ich habe in meinem Leben wegen meiner Reisen in entlegene Regionen viele unterschiedliche Impfungen bekommen und nie negative Nebenwirkungen darauf gezeigt.

Sonnige Aussichten: Gerd Ludwig beim Video-Interview auf der Terrasse seines Hauses in Los Angeles. Bild: Axel Pries

Wie hast du erfahren, wann und wo du zum Impfen kommen kannst?

Am Anfang gab es einen richtigen Run auf Impftermine – dann gab mir eine Freundin den Tipp: Da ist eine Stelle, wo noch Plätze frei sind. Melde dich schnell an! Ich habe mich dann innerhalb einer halben Stunde angemeldet, einen Termin für fünf Tage danach bekommen, und dann war’s noch ein bisschen Fahrerei. Der Ort war ungefähr 20 Kilometer entfernt. Das ist ja nichts in Los Angeles.

Du bist nicht eingeladen worden von staatlichen Stellen, sondern du hast gehört, wo es Impfungen gab und dich flott angemeldet. Du hast angerufen?

Nein, du gehst nur online und meldest dich an. Das hat problemlos geklappt. Und weil es der Pfizer-BioNTech-Impfstoff war, gab es die zweite Impfung drei Wochen später. Ich habe dann von der Gesundheitsbehörde in Kalifornien fünf Tage vor der Zweitimpfung eine Nachricht bekommen, als Sprachnachricht, Textnachricht und als E-Mail. Da nannte man mir den Termin für die Zweitimpfung: an gleicher Stelle genau drei Wochen später zur gleichen Uhrzeit. Ganz wunderbar!

Wie lief das ab? War es aufwendig?

Du bleibst im Auto, und nach der Impfung fährst du in eine Warteschlange. Dort bittet man dich, die Fenster zu öffnen, die Zündung eingeschaltet zu lassen, aber den Motor auszustellen. Und falls man sich unwohl fühlt, sollte man hupen, damit jemand hilft. Aber auch so hat alle drei oder vier Minuten jemand nach mir geschaut. Fünf bis acht Autos standen in fünf Spuren, und da war jeweils ein Arzt eingeteilt. Die kamen zu dir und haben geschaut, dass alles in Ordnung ist. Sie haben dann auch geraten, vorsichtshalber eine Ibuprofen zu nehmen, das habe ich aber gar nicht gemacht. Zusätzlich gab es ein Informationsblatt für den Fall, dass du später doch Reaktionen zeigst.

Klingt nach guter Organisation.

Ja! Ich habe in der Zeit vorher insgesamt elf Tests gemacht, weil ich trotz Corona gereist bin, und da lief das wesentlich langwieriger ab. Für einen Test habe ich mal zwei Stunden in der Schlange gewartet. Die Allerersten, die hier geimpft worden sind, haben berichtet, dass sie bis zu fünf Stunden in der Schlange wartet haben. Das hat sich aber schnell gegeben.

Wer wird denn aktuell alles geimpft? Gibt es da Kriterien?

Ja, das Alter spielt eine Rolle. Aber es gab zum Beispiel auch für jüngere Menschen die Möglichkeit, eine Impfung zu bekommen, wenn sie sich als freiwillige Helfer gemeldet haben. Dafür musstest du nur einen Tag als Helfer auftreten. Es reicht, wenn du als Einweiser von Autos arbeitest. Oder als Runner, der den Impfstoff von den Kühlboxen zu den Ärzten bringt. Das war ein Anreiz für jüngere Leute, die sich impfen lassen wollten, aber mittlerweile ist das ziemlich überlaufen.

In Deutschland gibt es sehr strenge Regeln, wer geimpft werden darf. Wie ist das in Kalifornien? Was geschieht mit zum Beispiel mit Impfresten?

Es gab hier Berichte darüber, dass sich anfangs Leute bei Impforten angestellt haben, die darauf hofften, dass etwas übrig bleibt. Viele hatten Glück: Sind Personen trotz Termin nicht aufgetaucht, war natürlich am Ende des Tages Impfstoff übrig. Der wurde dann abends an Menschen vergeben, die ohne einen Termin gekommen waren. Die waren clever, weil sie richtig kalkuliert hatten: Da muss doch am Abend etwas übrig bleiben. Solche Umstände werden hier in den USA relativ großzügig gehandhabt.

„Die Skepsis bezüglich der Covid-19 Impfung lässt nach“

Es gibt also relativ lose Regeln.

Ja! Ich weiß nicht, ob das in den deutschen Medien berichtet wurde, aber es gab eine Situation, in der ein Auto mit Impfstoff im Schneesturm stecken geblieben war. Der Impfstoff drohte zu verkommen. Dann haben die Leute völlig selbstständig reagiert. Da war ein Arzt oder Arzthelfer dabei, der ist dann im Schneesturm zu den anderen festsitzenden Autos gegangen und hat Auto für Auto die Insassen geimpft. Damit der Impfstoff noch genutzt wurde.

Das wäre hier ein Skandal – auch wegen Vordrängelei..! Aber das zeugt von Improvisationsfähigkeit. Wie ist denn überhaupt die Stimmung bei euch in Sachen Impfaktion? Gibt es große Diskussionen, wer geimpft wird? Ob es genügend Impfstoff gibt?

Im Moment gibt es leider einen Engpass beim Impfstoff. Das hat stark mit dem Wetter zu tun, mit dem Schneeeinbruch in Texas und anderen Staaten des mittleren Westens. Deshalb musste ein paar große Impfzentren – wie beispielsweise das Dodger-Stadion in LA, wo eine Massenimpfung stattfindet – ein paar Tage zumachen. Aber insgesamt läuft die Impfung wahnsinnig gut an. Und die Zahl der Impfgegner wird kleiner.

Wie ist die Grundstimmung? Ist man ungeduldig? Wie groß ist die Zustimmung zum Impfen?

Also, Amerikaner sind bei so etwas schon immer wesentlich skeptischer gewesen. Es gab und gibt hier viele Gegner von allen Impfungen, aber die Skepsis bezüglich der Covid-19 Impfung lässt nach. Das ist auch ein Verdienst der neuen Administration in Washington.

Wie fühlst du dich jetzt persönlich? So als Geimpfter?

(lacht) Ich schlafe wesentlich ruhiger.

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