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Frank Hielscher referierte für Eltern über Classroom Management in der Praxis„Das Glas ist immer halbvoll“

LAUTERBACH (ol). Wie gelingt guter, effektiver Unterricht? Wie reagiert eine Lehrkraft auf Störungen? Wie schafft man gute und klare Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern? Diesen Fragen stellen sich regelmäßig die Lehrkräfte der Alexander-von-Humboldt-Schule. Seit vier Jahren gehört Classroom Management zum Konzept des Gymnasiums – mit Erfolg, wie Schulleiterin Gitta Holloch gerne bestätigt.

Die Klassen, bei denen von Beginn an feste Regeln vereinbart wurden, die Lehrkräfte alle einheitlich vorgehen und auf die Einhaltung von Vereinbarungen bestehen, lernen in einer ruhigen, sicheren Atmosphäre. Weiter heißt es in der Pressemitteilung des Gymnasiums, die Schülerinnen und Schüler fühlen sich wohl, die Lernerfolge steigen. Kein Wunder also, dass der Trainer, Coach und Systemische Berater Frank Hielscher regelmäßig zu Gast an der engagierten Schule ist, gerade eben war er wieder in Lauterbach vor Ort, um insbesondere die Lehrkräfte der kommenden fünften Klassen zu schulen, die mit einem einheitlichen Classroom Management gerade den kleineren Schülerinnen und Schülern Strukturen und damit ein Gefühl der Sicherheit vermitteln sollen. Dabei geht es auch um Führungsstil in der Klasse.

Führungsstil? Ist das nicht eher ein Ausdruck aus der Wirtschaft? Ja, findet Frank Hielscher, aber während Führungskräfte in der Wirtschaft täglich nur einen Bruchteil ihrer Belegschaft im persönlichen, direkten Kontakt führen, haben Lehrkräfte es an sechs bis acht Unterrichtsstunden pro Tag mit etwa 150 bis 180 jungen Menschen zu tun. Sie leiten eine Unterrichtsstunde, die zu einem messbaren Erfolg führen soll. Sind Lehrkräfte daher nicht erst recht Führungskräfte?

Präsenz zeigen und Wertschätzung und Anerkennung ausdrücken

Frank Hielscher, so der stellvertretende Schulleiter Joachim Gerking, ist der führende Experte zum Thema Classroom Management, ein begeisternder Fortbildner, den sich kaum eine Lehrkraft am Gymnasium entgehen ließe. Damit auch die Eltern sich ein Bild machen könnten, wie der Unterricht an der Alexander-von-Humboldt-Schule läuft und warum er so läuft, hatte die Schulleitung Hielscher gebeten, auch zu den Eltern zu sprechen. Und das tat er nach einem langen Arbeitstag immer noch voller Begeisterung.

„Den Eltern zeigen, wie die Schule tickt!“ – Joachim Gerking über die Motivation für solche Veranstaltungen. Alle Fotos: Traudi Schlitt


Der studierte Rhetoriker, Pädagoge und Literaturwissenschaftler hatte seine ersten Erfahrungen als junger unerfahrener Lehrer gesammelt, als er in einer Hauptschulklasse unterrichten musste, mit der kaum jemand zurechtkam, und an der auch er anfangs kläglich scheiterte, wie er zugab. Mit viel Leidenschaft und jeder Menge komischem Talent stellte er seine kläglichen Versuche vor, sich Respekt zu verschaffen, die Klasse ruhig und aufmerksam zu bekommen, Regeln einzuführen. All das gelang anfangs nicht. Bis er sich mit dem Classroom Management auseinandersetzte, ein Konzept, das in den anglo-amerikanischen Ländern schon vielfach eingesetzt wird und zum Erfolg führt, wie Hielscher darlegte. Vier Prinzipien skizzierte er anschaulich und sehr lebhaft, nicht selten mit den anwesenden Gästen, die eine unkooperative Schulklasse mimen durften.

Als erstes lernten die Anwesenden, dass es Führung nur von Anfang an gibt. Wer sich vor einer Klasse Respekt verschaffen wolle, gebe sich nicht mit einer Halbierung der Störung zufrieden, sondern nur mit einer 100 Prozent-störungsfreien Atmosphäre. Wie man diese meist fast sogar nonverbal erreicht, verdeutlichte Hielscher auf beeindruckende Art und Weise: Blickkontakt mit den Schülerinnen und Schülern, Präsenz zeigen, Wertschätzung und Anerkennung ausdrücken.

Durch eigene Ruhe die Schüler zur Ruhe bringen

Hielscher ist überzeugt davon, dass man durch eigene Ruhe eine ganze Klasse zur Ruhe bekommt. Dabei unterstrich er, dass die Regeln vor dem ersten „Guten Morgen“, bekannt und eingehalten sein müssen. Von großer Bedeutung neben der Formulierung der Regeln und der Präsenz der Lehrkraft sind die Konsequenzen, auf die sich die Schülerinnen und Schüler verlassen können müssen.

Als zweites Prinzip machte Hielscher die Vorrangigkeit von Abläufen aus. Besonders bei störungsanfälligen Klassen oder Aktivitäten wie einem Raumwechsel seien festgelegte Abläufe, ein „Schienensystem“, unerlässlich. Ein besonders erfolgversprechendes, weil sehr wertschätzendes Ritual könne sein, jeden Schüler, jede Schülerin an der Klassenraumtür zu begrüßen, vielleicht sogar mit Handschlag. „Auch hier hat sich gezeigt, dass die Leistungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler steigt und die Unterrichtsqualität deutlich zunimmt“, führte Hielscher aus.

„Führung wiederholt nie!“, lautete das dritte Prinzip. Der Referent skizzierte das Ringmodell der abgestuften Intervention, welches nonverbale und verbale Reaktionen vorsieht. Ein Hauptmerkmal dieses Modells ist die Freundlichkeit und das Wohlwollen, mit dem auf (störende) Schülerinnen und Schüler eingeht. Renitente Störer erreiche man nicht mit der Wiederholung einer Bitte oder einer Aufforderung, sondern vielmehr mit der direkten Ansprache, dem wohlwollenden Blick und der Feststellung „Du hast mich verstanden.“


Begeisternder Fortbildner mit Kompetenz und Leidenschaft: Frank Hielscher.

Die Kunst: Alternative Angebote machen

Eine weitere klare Ansage des Coaches war das vierte Prinzip: Führung kämpft nicht. Kämpfe finden nur unter Gleichen statt – wer als Lehrer mit einzelnen Schülern kämpft, hat die Führung längst verloren. „Man wird hart getestet“, gab der Pädagoge auch aus seiner Praxis zu bedenken. Nicht zuletzt aus dem Privatleben konnten alle Eltern bestätigen, dass Kinder und Jugendliche Machtkämpfe lieben und genau wissen, bei wem sie wo drehen müssen, um zu erreichen, dass das Gegenüber schier verzweifelt. Auch hier wusste der Experte Rat: Ein Schüler, der einen Kampf mit dem Lehrer begonnen hat, verliert das Gesicht, wenn er aufgibt. Die Kunst ist es, ihm alternative Angebote zu machen, sodass er es zumindest vordergründig selbst in der Hand hat, worauf er sich einlässt.

Zum Abschluss dieses lebendigen, lebensnahen und in der Tat begeisternden Vortrags beglückte Hielscher sein Publikum noch mit einem Geheimnis: „Das Glas ist immer halbvoll“. Man solle sich, was auch immer passiert, auf das Positive fokussieren und dieses in kleinen Wellen weitergeben, bis es sich ausgebreitet hat. „Die Klasse, aber auch die Familie, jedes Gegenüber, spiegelt einen selbst wider“, so seine Erfahrung, und „Ob das Glas halbleer oder halbvoll ist, hängt nicht von der Realität ab, sondern das entscheidet jeder selbst.“