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BdV-Osterreise führte nach Nordpolen ins "Kulmer Land"Bewegte Geschichte nähergebracht

LAUTERBACH (ol). Die alljährlichen Informationsfahrten in die ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete in Osteuropa sind für den Bund der Vertriebenen (BdV) in Lauterbach längst zur Tradition geworden. Die Osterreise führte in diesem Jahr ins „Kulmer Land“ nach Nordpolen.

BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann aus Lauterbach hatte sich schon vor Jahren zum Ziel gesetzt, durch regelmäßige Besuchsfahrten von der Heimatstadt aus in ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete im Osten Europas Verständnis bei den Mitbürgern für die dortige wechselvolle Geschichte und vor allem das vielfältig vorhandene deutsche Kulturerbe zu wecken und wachzuhalten. Und die immer wieder sorgsam ausgewählten und organisierten Fahrten zeigen inzwischen auch Erfolge, heißt es in einer Pressemitteilung. Denn für die jetzt über Ostern stattgefundene Reise sei der Bus wiederum voll besetzt gewesen.

Bei der rund 900 Kilometer langen Anfahrt wurden zur Abwechslung bereits Filme über das Zielgebiet und das dortige heutige Leben gezeigt. Aber getoppt wurde die Erwartung und Spannung der Reiseteilnehmer beim abendlichen Überqueren der großen Weichselbrücke in Echtheit und dem fantastischen Anblick der auf einer Anhöhe gelegenen, herrlich beleuchteten Altstadt von Thorn.

Spürbare Mittelalter-Romantik in der alten Hansestadt Thorn

Die an der Weichsel gelegene alte Hansestadt Thorn im Stil der norddeutschen Bachsteingotik und der überall spürbaren Mittelalter-Romantik soll bei der nächsttägigen Besichtigung alle 43 Teilnehmer begeistert haben, wozu der quirlige, einheimische Stadtführer Kris mit seinem fachkundigen Wissen einen Großteil dazu beitrug. Und auch das Verständnis dafür, dass in Thorn/Torun ein Astronom namens Nikolaus Kopernikus geboren wurde und aufgewachsen ist, flößte Respekt ein. Schließlich hatte er gegen erbitternden Widerstand der Kirche das Weltbild seiner Zeit revolutioniert und beschrieb als erster im Jahre 1543, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Das Rathaus, monumentale Kirchen, in denen zu Ostern die „Speiseweihen“ zelebriert wurden, und imposante mittelalterliche Speicherhäuser zeigten die Gotik hautnah. Schutzmauern mit Toren sowie Burgruinen seien Überreste der Gründer der Stadt – der Ritter des Deutschen Ordens.

Der Besuch in einem Lebkuchenhaus war ein besonderes Highlight. Foto: BdV

Ein besonderes Highlight an Ostersamstag sei der Besuch eines Lebkuchenmuseums gewesen. Hier konnten die Lauterbacher Gäste nicht nur würzige Leckerbissen kosten, sondern auch selbst an dem Lebkuchenbacken mit viel Spaß und Freude teilnehmen. Eine Besonderheit bei der Altstadtbesichtigung, die sich übrigens auf eine relativ kleine Fläche konzentriert, sei der spanische Esel von Thorn gewesen. Die Skulptur knüpfe an die im alten Thorn angewandten Strafen für kleinere und größere Vergehen an. Spanisch deshalb, weil damit Bezug genommen werde auf die Foltermethoden der spanischen Inquisition.

Der Abend klang dann mit einem rustikalen Essen nebst Bierprobe in einem Restaurant der Altstadtbrauerei in der Altstadt von Thorn in gemütlicher Runde aus und danach kehrten die Teilnehmer in ihr nahegelegenes Hotel frohgelaunt zurück.

Baudenkmäler in Kulm und Bromberg

Am nächsten Tag stand eine Rundfahrt ins nördliche Kulmer Land auf dem Programm. Dabei wurde zunächst die Burgruine Rehden besichtigt, die auf den Deutschen Orden in die Zeit um 1300 zurückgeht und die heute noch einen beeindruckenden Anblick bietet.

Des Weiteren wurde die charmant-mittelalterliche Stadt Kulm, einstmals namensgebende Hauptstadt dieser Region, aufgesucht. Die Altstadt sei komplett von Wehrmauern umgeben und sehr gut erhalten und biete schon einige außergewöhnliche architektonische Kostbarkeiten, wie zum Beispiel das kompakte, weiße Renaissance-Rathaus, ein altes Kloster, das Teile der Kreuzritterburg umfasse und eine mächtige gotische Backsteinkirche. Unter den aus Backsteinen gebauten Baudenkmälern konnten die Teilnehmer der Reisegruppe trotz fröstelnder Temperaturen eine außergewöhnliche Stimmung dieser auf der Europäischen Route der Bachsteingotik gelegenen Altstadt mit einer reichen deutsch-polnischen Geschichte empfinden.

Und schließlich ging es noch nach Bromberg. Wie Stadtführer Kris bei dem Stadtrundgang darauf hinwies, bilden die Brahe und der Bromberger Kanal, die die Stadt durchfließen, ihre einzigartige Atmosphäre. Eine Seiltänzerskulptur zeige seit 2004 hoch über der Brahe seine Kunststücke. Von 1814 bis 1919 sei Bromberg übrigens die Hauptstadt der preußischen Provinz Posen gewesen. Obwohl im 19. Jahrhundert viele historische Baudenkmäler der Spitzhacke weichen mussten, sei die heute rund 350.000 Einwohner zählende Kommune durchaus sehenswert.

Der Reiseführer Kris. Foto: BdV

 

Erinnerungen an eine geschichtsträchtige Reise

Viel zu schnell sei dann der Abreisetag nach Lauterbach gekommen. Auf der Heimfahrt fassten alle Teilnehmer zusammen, dass es sich gelohnt habe, diese inhaltsreichen Tage mit Reiseleiter Siegbert Ortmann vom Bund der Vertriebenen zu unternehmen und das die Erwartungen weit übertroffen wurden. Und es bleibe die Erinnerung an eine wunderschöne Osterreise in eine ferne, größtenteils unbekannte, aber geschichtsträchtige Gegend im Norden von Polen.