Begeistert waren sowohl der Redner Siegfried Neukirch als auch Schulleiterin Elisabeth Hillebrand und mit ihr die Schulgemeinde. Fotos: ass

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Siegfried Neukirch, Weggefährte Albert Schweitzers, besuchte Albert-Schweitzer-Schule„Praktizierte Ehrfurcht vor dem Leben“

ALSFELD (ol). Wahrlich hohen Besuch bekam die Albert-Schweitzer-Schule in dieser Woche: Siegfried Neukirch schaute ein und erzählte Fünft- und Sechstklässlern aus seinem Leben. Das war spannend, denn der Besucher war ein Weggefährte Albert Schweitzers – und konnte viel erzählen.

 

Wenn eine Schule sich den Namen Albert Schweitzers gibt, dann mit Bedacht und mit Respekt vor dessen Haltung und Lebensleistung. Die Albert-Schweitzer-Schule fühlt sich auch sechzig Jahre, nachdem sie den Namen des Friedensnobelpreisträgers annehmen durfte, dem Gedanken des Arztes, Theologen und Philosophen verpflichtet und macht sich zur Aufgabe, diesen auch der Schülerschaft zu vermitteln. Auf ganz besondere Art und Weise konnte man dies am Mittwochvormittag im Mittelstufenstandort des Gymnasiums erleben, denn dort durfte die Schulgemeinde Siegfried Neukirch empfangen, einen Mann, dessen größter Wunsch, mit und für Albert Schweitzer zu arbeiten, vor vielen Jahren in Erfüllung ging. Bis zu Schweitzers Tod im Jahr 1965 wirkte Neukirch als junger Mann in Schweitzers Hospitaldorf in Lambarene – eine Zeit, die Neukirch heute, im Alter von 85 Jahren, vor den Zehn- bis Zwölfjährigen wiederauferstehen ließ.

Wie das Gymnasium zu seinem Namen kam

Einführend ging zunächst Schulleiterin Elisabeth Hillebrand auf das Leben und Schaffen Albert Schweitzers ein. Sie erläuterte, wie es dazu kam, dass das Alsfelder Gymnasium sich den Namen des Nobelpreisträgeres geben wollte, und zeigte Albert Schweitzers handschriftliche Antwort auf die Anfrage, die im Jahr 1956 von Alsfeld nach Afrika ging. Die Kinder erfuhren von der Schulleiterin, wie es zu der Errichtung des Buschkrankenhauses im heutigen Gabun im Jahr 1913 gekommen war, bevor schließlich Siegfried Neukirch erzählte.

Geboren in Freiburg im Jahr 1930, war Neukirch ein Kriegskind, dem, als Deutschland in den Nachkriegsjahren am Boden lag, Albert Schweitzers Buch „Zwischen Wasser und Urwald“ in die Hände fiel: „Deutschland lag in Trümmern, es war Krieg gewesen, und da war einer, der erzählte von der Ehrfurcht vor allem Leben“, berichtete Neukirch den gespannt lauschenden Kindern. Die Person Albert Schweitzers ließ den Jugendlichen nicht mehr los. Er wollte diesen Mann unbedingt kennenlernen und mit ihm zusammenarbeiten. Das ging natürlich nicht von heute auf morgen.

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21.000 Kilometer auf dem Drahtesel lagen hinter Siegfried Neukirch, als er im Januar 1959 in Lambarene ankam.

Neukirch blieb geduldig und war strebsam. Erst machte er Abitur, dann studierte er in vielen Teilen der Welt Sprachen. In Alaska schließlich fasste er im Jahr 1958 den Plan, zu Albert Schweitzer nach Afrika zu reisen. Von seinem bisschen Geld kaufte er sich ein Fahrrad und los ging die Reise, nicht bevor der in der Tat recht abenteuerlustige Mann noch einen Abstecher an die Arktis machte, wo ein beherzter Eskimo ihn vor dem Erfrieren im eiskalten Wasser rettete. 21.000 Kilometer lagen vor ihm, als er sich auf den Weg machte, berichtete er. Per Drahtesel von Alaska durch Nord- und Südamerika, über die Anden bis nach Feuerland – zu einer Zeit, in der die Gangschaltung noch nicht erfunden war und viel anderer Komfort der heutigen Zeit auch noch nicht.

Auf einem Frachtschiff setzte er über nach Afrika und erreichte im Januar 1959 sein Ziel. „Wenn man einen Willen hat und ein Ziel, dann kann man viel tun“, so Neukirchs knapper, aber deutlicher Rat an seien Zuhörerschaft, die kaum glauben konnte, was der alte Herr ihnen alles erzählte. Nach einem Film der Schweitzer-Tochter Rena Schweitzer-Miller, die ebenfalls mit ihrem Vater in Labarene arbeitete, und in dem die Kinder viel über das Leben und Arbeiten in dem Hospitaldorf erfahren durften, fuhr Neukirch mit seinen Erinnerungen fort.

Zur Geisteshaltung Schweitzers – der Ehrfurcht vor allem Leben – gehörten auch Pflanzen und Tiere, berichtete der Redner. Selbst eine Ameisenstraße im Autoverkehr musste berücksichtigt werden – schließlich solle kein Tier getötet werden. „Lambarene“, so Neukirch, „ist die praktische Verwirklichung der Ehrfurcht vor dem Leben“, und als er so erzählte und dabei völlig in seinem Element war, konnte man seine Begeisterung für die Tätigkeit im Hospital und für Albert Schweitzer fast greifen. „Doch es gab nicht nur schöne Arbeiten“, berichtete er. Die Pflege der Leprakranken sei sehr anstrengend gewesen, die viele LKW-Fahrten mit dem mit Kochbananen und Patienten hoffnungslos überladenen Fahrzeug nicht minder; überhaupt habe es im Dorf ständig jede Menge zu tun gegeben. Mittendrin: Albert Schweitzer. Dieser habe sich vor keiner Arbeit gescheut, erzählte sein Weggefährte, damals noch ein junger Mann, und sei damit ein wirkliches Vorbild für sie alle gewesen.

Große Neugierde und Lebendigkeit in der Fragestunde

Die Fragerunde am Ende der Veranstaltung war geprägt von großer Neugierde und Lebendigkeit. Die Kinder wollten alles wissen, und Neukirch antwortete gerne und voller Leidenschaft. So erfuhren die Kinder unter anderem, dass es nicht schlecht ist, ein wenig Jiu-Jitsu und Boxen zu können, überhaupt riet er ihnen: „Lernt, lernt, lernt, dann habt ihr bares Geld in der Tasche! Uns seid nicht hochnäsig, wenn ihr jemandem begegnet, sondern geht auf ihn zu, seid offen und zugewandt.“

Im Alter von 35 Jahren verließ Neukirch Lambarene. Fast sieben Jahre hatte er neben Albert Schweitzer dort kostenlos und begeistert gewirkt. Die Jahre mit dem Nobelpreisträger haben ihre Spuren hinterlassen – lebenslang. Und so war es dann auch nur ein kleines Wunder, dass die insgesamt knapp 300 Mitglieder der Schulgemeinde sich von den Erzählungen eines alten Mannes derart begeistern ließen, dass sie ihm stehend applaudierten, mit ihm für Fotos posten und sich sogar Autogramme geben ließen – nur ungern ließen die Kinder diesen beeindruckenden Mann ziehen. Ein Vormittag mit Nachdruck war dies, so kurz vor den Weihnachtsferien.

Am Ende der Veranstaltung hörten die Schülerinnen und Schüler übrigens noch den frischgeschriebenen Song „Albert“ der Albert-Schweitzer-Schule. Manuel Kluth, selbst Abiturient im Jahr 2010, hat ihn geschrieben, bevor auch er in die weite Welt aufgebrochen ist. Das Lied steht online ist auch auf der Website der Schule unter www.ass-alsfeld.de anzuhören.