Erinnert sich noch an den Tag, als die Amerikaner nach Lauterbach kamen: Prof. Dr. Karl-August Helfenbein, der damals 15 Jahre alt war (kl. Bild). Foto: aep

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Vor genau 70 Jahren: Tote bei Gefechten in Alsfeld und tödlicher Stau in Lauterbach – Die vergebliche Flucht des Nazi-Funktionärs Zürtz vor anrückenden AmerikanernShermans, Kampf und dann das Kriegsende

LAUTERBACH/ALSFELD. Man stelle sich vor: Statt der Zeitumstellung bestimmen nahende Panzer, Gefechtslärm und Endzeitstimmung die Gespräche. So war das vor genau 70 Jahren. Am 29. und 30. März ’45 stürmten amerikanische Truppen förmlich durch den Vogelsberg, brachten stellenweise auch Tod und Vernichtung des Zweiten Weltkriegs mit – und beendeten für die Vogelsberger das Dritte Reich. Wenige Scharmützel auf dem Land hielten sie nicht auf. Nicht die kurze, aber blutige Schlacht um Alsfeld und auch nicht der tödliche Stau am Rande von Lauterbach, das gar nicht verteidigt wurde. Dort irrte derweil ein Mann umher, der dringend ein Versteck suchte, aber abgewiesen wurde: der NS-Kreisleiter Alfred Zürtz.


Es war die Woche vor Ostern 1945, als die amerikanische Armee sich dem Vogelsberg näherte. Gleich zwei Panzerdivisionen der dritten Armee unter General Patton rückten mit unterschiedlichen Zielen an: die vierte, die am 29. März über den Vogelsberg Lauterbach erreichte und weiter in Richtung Bad Hersfeld fuhr; die sechste, die am 30. März Alsfeld eroberte und dann in Richtung Treysa weiter zog.

Wie sich das für die betroffene Bevölkerung anfühlte, das ist in lebendigen Schilderungen überliefert, die von Historikern gesammelt wurden. Etwa von dem im Jahr 2000 verstorbenen Dr. Herbert Jäkel, der die Auswirkungen des Weltkriegs auf Alsfeld systematisch aufarbeitete und in Berichtsheftchen der Nachwelt überlieferte. In Lauterbach ist Prof. Dr. Karl-August Helfenbein in der Hinsicht sehr rührig: Als Stadtarchivar hat er sich mit vielen Aspekten Lauterbacher Geschichte beschäftigt, auch mit dem Tag, als die Amerikaner kamen – und mit seinen mittlerweile 85 Lebensjahren kann der gebürtige Lauterbacher den Fakten noch etwas Wichtiges hinzufügen: persönliche Erinnerungen an Gefühle und Erlebnisse. So auch an den Versuch des damaligen Lauterbacher Nazi-Funktionärs Alfred Zürtz, sich vor den Amerikanern zu verstecken.

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„Ein gefährlicher Mann“: NS-Kreisleiter Zürtz bei einer Ansprache. Am 29. März 1945 irrte er auf der Flucht durch Lauterbach.

„Der Zürtz war ein gefährlicher Mann!“

„Der Zürtz war ein gefährlicher Mann!“ Das fällt Karl-August Helfenbein noch heute als erste Beschreibung ein, wenn er sich an den damaligen NS-Kreisleiter Lauterbach-Alsfeld erinnert. Dessen Position bedeutete, dass er der Chef der NSDAP-Organisationen in beiden Landkreisen war. Fanatisch, wie der Kreisleiter Zürtz war, begann er jenen Gründonnerstag 1945, den Donnerstag vor Ostern, noch damit, dass er, umgeben von SS-Offizieren, von der Rathaustreppe aus Durchhalteparolen über den Marktplatz schmetterte – nur um Stunden später in Gauner-Manier vor den Amerikanern durch die Straßen zu flüchten.

„Es war ein sehr warmer Frühlingstag“, erinnert sich Karl-August Helfenbein an jenen Gründonnerstag. Dass die Amerikaner sich anschickten, Lauterbach zu besetzen, bedeutete für ihn die blanke Erleichterung. Denn der damals 15-Jährige sollte einberufen werden: erst zum Reichsarbeitsdienst und dann zur Wehrmacht. Einen Wehrpass hatte er schon erhalten. Für ihn bedeutete der 29. März die Befreiung vom Wehrdienst und vom drohenden Kriegseinsatz.

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Realität auch in Lauterbach: NS-Symbole und Aufmärsche wie hier auf dem Marktplatz bestimmten das Bild der Stadt.

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Es war ein sehr quirliger Tag in Lauterbach. Die Stadtverwaltung hatte am Vormittag über den „Dachfunk“ – das waren Lautsprecher an Dachgiebeln – bekannt gegeben, dass es ohne Rationierungskarte Kleidung und Schuhe zu kaufen geben sollte. Auch die Molkerei gab große Mengen des Camembert-Käse ab, der seine auswärtigen Kunden ohnehin nicht mehr erreichen würde. „Da waren viele Lauterbacher unterwegs“, erinnert sich Helfenbein. Mit ihnen füllten auch noch Flüchtlinge und flüchtende, versprengte  Wehrmachtseinheiten die Straßen.“Die Festung Thüringen aufbauen!“ Das riefen die Soldaten von den Lastwagen, wenn sie gefragt wurden, wo sie denn noch hin wollten.

Volle Straßen, und dann rollten die Amerikaner heran

Mittags kam die Nachricht, „Die Amerikaner kommen!“, begleitet vom Lärm feuernder Artillerie. Doch obwohl an einigen Stellen der Stadt in den Tagen zuvor Gräben ausgehoben worden waren, obwohl morgens noch Volkssturm und Hitlerjugend auf dem Sportplatz antreten mussten, sollte Lauterbach nicht verteidigt werden. Wer konnte, verkroch sich in den Kellern, als die anrückenden Truppen begannen, wahllos MG-Feuer über die Dächer zu streuen – ein Sperrfeuer quasi zur Warnung. Das Kampfkommando A der 4. US-Panzerdivision, das aus Richtung Ulrichstein und Dirlammen anrückte, hatte es eilig – und dadurch kam es zu Tragödien in der Rockelsgasse, in der Bahnhofs- und Lauterstraße.

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Die Großmutter wies den NS-Funtionär an der Kellertreppe ab, erinnert sich der Historiker Professor Helfenbein.

In der Rockelsgasse hatte sich ein Stau gebildet, ein  Knäuel aus Menschen und Fahrzeugen, die noch vor den amerikanischen Soldaten in die Stadt wollten. Als deren Panzer dann gegen 12 Uhr tatsächlich den Stadtrand erreichten, hatten sie nicht vor, sich in der Schlange anzustellen: „Sie schossen in den Stau und fuhren dann mit den Panzern einfach drüber“, erzählt Karl-August Helfenbein. Die Insassen eines Autos, das nicht mehr wegkam, so wurde erzählt, waren von den Shermans bis zur Unkenntlich zerquetscht worden. Diese ersten GIs, die auf ihrem Vormarsch offenbar jeden möglichen Widerstand im Keim ersticken wollten, zeigten auch in anderen Straßen Lauterbachs keine Rücksicht, sondern schossen auf alles, was sich bewegt – und töteten noch mehrere Zivilisten.

Da hatte die Familie Helfenbein sich bereits in ihr Haus Am Kalkofen zurück gezogen. Vom Balkon hängte man ein weißes Betttuch, die Familie versammelte sich im Mittelgang des Kellers. Plötzlich wurde die Klinke der Waschküchentür mehrmals hart nach unten gedrückt. Als die Bewohner schauten, wer da war, stand draußen der NS-Kreisleiter Alfred Zürtz. Er war aus dem Hauptquartier der Partei in der heutigen Bahnhofstraße 10 geflüchtet. Durch den Weg Am Untertor war er zum Haus der Helfenbeins gekommen, derweil die amerikanischen Panzer bereits durch die Altstadt rollten. „Er wollte zu uns in den Keller“, sagt Karl-August Helfenbein. Aber seine Großmutter – „Sie war eine couragierte Frau!“ – schickte den Nazi fort. Sie tat gut daran, denn mit dem Mann im Keller, hätten die Amerikaner sich später weniger freundlich gezeigt, meint Dr. Helfenbein.

Der NS-Kreisleiter wird abgewiesen

Alfred Zürtz hastete weiter. Er ließ sich zum Werksmeister der nahen Hutfabrik einen Mantel geben, um in der braunen Uniform des NS-Regimes nicht so aufzufallen, und versteckte sich schließlich in einem Stall am Cent gegenüber der Brauerei. Dort entdeckten ihn die Besatzer am nächsten Tag und nahmen ihn gefangen. Das berichtete die „Stars und Stripes“ damals. Alfred Zürtz hat sich niemals für seine aktive Mitgliedschaft in der NSDAP verantworten müssen. Laut Wikipedia konnte er auf dem Gefangentransport fliehen und wurde dann für tot erklärt. Deshalb verfolgte das Gericht ihn jahrelang nicht, er konnte unbehelligt in Lauterbach als Handelsvertreter arbeiten. Auch nach seiner Enttarnung 1952 entzog er sich einer Vorladung vor die Zentralspruchkammer Frankfurt und starb schließlich 1957 mit 73 Jahren.

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Eilig auf dem Weg gen Thüringen und Elbe: der Weg der amerikanischen Truppen durch Mittelhessen. Durch Anklicken wird die Karte größer.

30. März 10945: Die Amerikaner am Rande Alsfelds

Obwohl weiter östlich gelegen, wurde Alsfeld erst einen Tag später, am Karfreitag 1945, von Einheiten der 6. amerikanischen Panzerdivision eingenommen  – und auch nicht ohne Kampf. Während Jugendliche wie Karl-August Helfenbein in Lauterbach bereits Small Talk mit den GIs hielten, stellten Wehrmachtssoldaten in Alsfeld Geschütze zur Verteidigung auf. Das berichtet der Historiker Dr. Herbert Jäkel 1974 in einem Geschichtsheftchen, dass die Ereignisse jener Zeit minutiös wiedergibt.

Am Karfreitagmorgen 1945 gab es demnach erste Meldungen von 30 US-Panzern mit aufgesessener Infanterie im Romröder Wald. Bald darauf war die Luft erfüllt vom Rattern schießender Maschinengewehre. Dann waren die Amerikaner auf der Pfefferhöhe. Ihre Panzer schossen über das Tal auf das Altenburger Schluss, wo sich der Hauptgefechtsstand der Wehrmacht in Alsfeld befand, erkennbar an der Funkstelle. Auch aus Richtung Liederbach kam Kampflärm. Das Dorf sollte eigentlich verteidigt werden, doch Bürgermeister Karl Meß konnte die bereits eingegrabenen Wehrmachtssoldaten davon überzeugen, den Ort doch kampflos zu übergeben. In der Liederbacher Gemarkung aber hatte es zuvor bereits 14 Tote durch Kämpfe gegeben. Von dort aus, von der Autobahn aus und auch von der anderen Seite über den Kreisch und die Leuseler Höhe rückten die US-Soldaten auf Alsfeld vor – die ersten feindlichen Truppen seit 300 Jahren, notierte Dr. Jäkel.

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Das NS-Regime in Alsfeld: Bei einem Besuch bereitete man dem Gauleiter Jakob Sprenger in den dreißiger Jahren auf dem Marktplatz einen großen Empfang. OL-KriegsendeSprenger1-3003

 

Alsfeld war für eine Schlacht vorbereitet

Die Stadt war auf eine Schlacht vorbereitet. Weder Bürgermeister Völsing noch eine Delegation Alsfelder Einwohner bei einem Bittgang hatten erreichen können, dass Alsfeld von der Wehrmacht aufgegeben wird. Stattdessen stellte man zwei Geschütze am Schlachthaus und am Burgmauerweg auf. In der Schellengasse stapelten sich Panzerfäuste, in der Marburger und Grünberger Straße wurden Bäume gefällt, die die Fahrbahn blockierten. Den Volkssturm schickte man nach Hause, aber eine schwer bewaffnete Wehrmachtseinheit von 120 Mann war bereit, Alsfeld zu verteidigen. Die Vertreter der Partei waren bereits geflüchtet, ebenso wie die Abteilung der Gestapo (Geheime Staatspolizei) aus Frankfurt, die sich zwischenzeitlich im Hochheitshaus niedergelassen hatte.

Die Wehrmachtseinheit lieferte sich mit den US-Soldaten eine wilde Schlacht, als die am 30. März gegen 8.30 Uhr mit Panzern über die Marburger und die Grünberger Straße in Richtung Altstadt anrollten  – vorsichtig und langsam – derweil die Bevölkerung in den Kellern ausharrte. Die deutschen Kanonen schossen in Richtung Autobahn, wo ebenfalls US-Panzer bereit standen. Zeugen berichteten später von einem US-Panzer auf den Gleisen des Bahnhofs, der wild um sich schoss. Dort blieb ein toter GI liegen – tagelang, bis er endlich abgeholt wurde. Die Tanks fuhren links und rechts die Marburger Straße hinunter.

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Das Kriegsende naht in Hessen: Amerikanische Panzer rollen auf der Autobahn voran, auf der zugleich Tausende deutsche Kriegsgefangene gen Westen marschieren.

Ein Schuss unter das Rathaus beendet das Gefecht

Andere Sherman-Panzer drangen über die Grünberger Straße in Richtung Roßmarkt vor. Dort soll es bei Schusswechseln Tote und Verwundete auf beiden Seiten gegeben haben. Ein Jeep raste durch Rossmarkt und Untergasse in Richtung Hersfelder Straße, ein Panzer fuhr in die Mainzer Gasse Richtung Marktplatz, wohin sich schließlich die letzten Wehrmachtssoldaten zurückgezogen hatten. Der Sherman-Tank fuhr bis in Höhe der „Lang Stubb“ und schoss unter das Rathaus. Die Granate traf eine der inneren Säulen und zerstörte sie. Die restlichen deutschen Soldaten, etwa 30 an der Zahl,  antworteten mit einer Panzerfaust. Sie trafen jedoch nur das Hochzeitshaus, das durch die Explosion beschädigt wurde, und flüchteten danach in Richtung Schellengasse und aus der Stadt. Es war 11 Uhr, der Kampf war vorbei.

Die kurze Schlacht hinterließ Spuren. Ein Dutzend Soldaten war getötet worden. Ihre Leichen mussten gesucht und eingesammelt werden. Zahlreiche Gebäude waren beschädigt oder zerstört. Unter anderem brannte die Grünewald’sche Weberei völlig ab, ebenso eine Scheune und der Stall des Gasthauses „Zum Anker“, in dem die letzten drei Pferde der Brauerei elendig umkamen. Etliche Wohnhäuser zeigten Einschüsse von Granaten und Gewehren.

Und beinahe wäre Alsfeld, „a little and nice town“, die Amerikaner selbst feststellten, sogar vollends Opfer des Krieges geworden. Wie US-Offiziere später erklärten, hatten sie am frühen Morgen wegen des zu erwartenden Widerstandes eigentlich Bomber angefordert, die Alsfeld einäschern sollten, ehe die Truppen in den Ort marschieren. Aber – Glück für die Einwohner – die Anforderung versickerte offenbar in der Bürokratie. Die Bomber kamen nicht, und Alsfeld behielt seine Altstadt.

von Axel Pries

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