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Nach dem Unfall eines Skateboardfahrers: Freunde erzählen die ganze GeschichteWie konnte der Zusammenprall geschehen?

GREBENAU. Es hätte ein wirklich schöner Morgen werden können, als sich drei junge Männer am Ostersonntag aufmachten, Brötchen zu holen. Es wurde ein schrecklicher Morgen, und einer der drei liegt jetzt schwer verletzt im Krankenhaus. Passiert war: Der junge Verletzte, nennen wir ihn fiktiv Lukas, war auf dem Skateboard mit einem Auto zusammengestoßen. Soweit die Fakten. Die Gerüchte, die sofort entstanden, sind aber blanker Unsinn. Die Geschichte eines Unfalls von unfassbarer Tragik.

Es geschah am Ostersonntag gegen 5.40 Uhr, dass auf der Landesstraße zwischen Eulersdorf und Grebenau ein 22-jähriger Autofahrer mit dem Wagen einen 16-jährigen Jungen auf einem Skateboard rammte und lebensgefährlich verletzte. Der Jugendliche war mit zwei Freunden auf der Straße und nicht auf dem angrenzenden Radweg unterwegs gewesen. Dieser Umstand und die ungewöhnliche Uhrzeit verführten zu Gerüchten vom unglücklichen Ende einer wilden Party.

Doch dagegen verwahren sich die beiden jungen Männer, die auch dabei waren: der 23-jährige Arman Engel und der 16-jährige Jacques Weppler aus Alsfeld. Was sie erzählen, klingt nach allem anderen als Party – vielmehr nach dem Versuch eines harmlosen Natur-Erlebnisses mit geradezu romantischem Touch: Frühstück im Sonnenaufgang.

Polizei: kein Alkohol im Spiel

Fakt ist, so bestätigt die Polizei: Bei keinem der Beteiligten war Alkohol im Spiel. Über die genaue Ursache gebe es noch keine weitergehenden Erkenntnisse, erklärt ein Polizeisprecher gegenüber Oberhessen-live. Die Ermittlungen dauern an.

Die Nacht zu Ostersonntag hatten die beiden Alsfelder bei ihrem Freund in Eulersdorf verbracht. Als sie irgendwann schlafen gingen, stellte Arman Engel seinen Handy-Wecker auf 5 Uhr. „Ich wollte sehen, ob es sich lohnt aufzustehen.“ Es lohnte sich: Der Morgen erschien wie gemacht für das Vorhaben der drei. Es war leicht diesig, aber freundlich. Sie beschlossen, mit ihren Skates ins nahe Grebenau zu fahren, um dort beim Bäcker Brötchen zu kaufen, dann ihre Sachen zu holen und den nahenden Sonnenaufgang auf einer der Wiesenhänge bei Eulersdorf erleben. „Da kann man über ganz Grebenau sehen“, erzählt Jacques.

Weite Sicht in der langgezogenen Kurve

Weniger als zwei Kilometer beträgt die Strecke – zur Hälfte außerhalb der Ortschaften. Für geübte Skater sind das nur wenige Minuten Fahrt. Die Landesstraße verläuft dort nicht gerade, aber in einer so langgezogenen Kurve, dass die Hälfte der Distanz sich überblicken lässt. Arman rollte vorneweg, so erzählen sie, gefolgt von Jacques 50 Meter dahinter und am Ende Lukas, noch einmal 20 Meter weiter. Weil der Lukas noch nicht so geübt ist beim Skaten, ist er der langsamste. Sie fahren auf der rechten Fahrbahnseite an der ersten Auffahrt des Radwegs nahe der Eulersdorfer Ortsausfahrt vorbei. Die ist für Ortsunkundige auch nicht auf Anhieb erkennbar. Aber die zweite 200 Meter weiter in Höhe eines Betriebs. Da hätte er auch auf den Radweg wechseln wollen, erzählt Jacques – aber generell seien Radwege bei Skatern gar nicht beliebt, erklärt Arman: „Radwege sind unebener. Das ist gefährlicher, weil man da eher stürzen kann.“

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Weite Sicht in der langgezogenen Kurve zwischen Eulersdorf und Grebenau, wo der Unfall geschah.

Wie auch immer Arman, Jaques und der hinten fahrende Lukas ab dem Betrieb fahren wollen – dazu kommt es nicht mehr. „Man konnte das Auto schon ab Grebenau hören“, erzählt Jacques. Er kann auch von weitem sehen, wie es sich nähert, wie es erst an Arman vorbei fährt, dann an ihm – und wie es dann frontal gegen Lukas kracht. Der Freund fliegt durch die Luft in die Einfahrt zu dem Betrieb, Jacques schreit. Arman hörte den Aufprall nur, dreht sich ahnungsvoll blitzschnell um und sieht noch den Jungen in der Luft. Beide sind völlig geschockt. Der Autofahrer stoppt sofort. Polizei und Rettungshubschrauber eilen herbei, man bemüht sich um den lebensgefährlich verletzten Jungen. Er lebt.

Die Polizei ermittelt jetzt, wie der Ablauf des Unfalls exakt verlief, wer exakt wo fuhr. Davon zeugen rote Markierungen an der Unfallstelle. Die beiden Freunde mussten die Kleidung abgeben, die sie an dem Morgen trugen: für Untersuchungen auf ihre Sichtbarkeit hin. Sie schütteln immer wieder ratlos den Kopf, wenn sie über das Unglück nachdenken. Die Sicht war gut, die Strecke gerade, resümiert Arman. Auch wenn sie nicht auf dem Radweg waren: Sie waren sichtbar, der Autofahrer hatte ihn und Jacques ja auch gesehen. „Er hat bei mir einen kleinen Schlenker gemacht“, erinnert sich Jacques. Sie können die Tragik des Geschehens nicht begreifen.

Dabei wollten sie doch nur den Sonnenaufgang erleben. „Es gab nichts, dass darauf hindeutete, dass so etwas passieren kann“, meint Arman. Und Jacques stellt fest: „Es wäre der perfekte Morgen gewesen.“

Von Axel Pries