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Zuhören und Trauernde dauerhaft begleitenPfarrer Kießling: Wie man Trauernden wirklich helfen kann

LAUTERBACH (ol). Bei einem Impulsvortrag des Ökumenischen Arbeitskreises am Montag, den 26. Oktober, im katholischen Gemeindehaus in Lauterbach sprach Pfarrer Sven Kießling über den Umgang mit trauernden Menschen. Kießling verdeutlichte, dass Trauer Zeit brauche und Betroffene vor allem Zuhören, Normalität und anhaltende Anteilnahme benötigten. Zudem stellte er Erkenntnisse aus seiner Studienarbeit vor, aus der auch ein Buch über den Umgang mit Suizidhinterbliebenen entstanden ist.

Wie begegnet man Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben? Und was hilft ihnen, wenn die Anteilnahme nach der Beerdigung nachlässt und das Umfeld erwartet, dass sie bald wieder in den Alltag zurückkehren? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Impulsvortrag des Ökumenischen Arbeitskreises am Montagabend, den 26. Oktober, im katholischen Gemeindehaus in Lauterbach. Unter dem Titel „Schon wieder ein Todesfall – Wie begegne ich den Trauernden?“ berichtete der evangelische Pfarrer Sven Kießling von seinen Erfahrungen als Gemeindepfarrer und Notfallseelsorger, so heißt es in der Pressemitteilung der Vogelsberger Zeitung.

Begrüßung durch Bernd Staubach

Zu Beginn begrüßte Bernd Staubach von der katholischen Gemeinde Pfarrer Kießling und die anwesenden Gäste. Anschließend widmete sich Kießling einem Thema, das viele Menschen betrifft, über das im Alltag jedoch häufig Unsicherheit herrscht: dem Umgang mit Trauernden und insbesondere mit Menschen, die einen Angehörigen durch Suizid verloren haben.

22 Menschen über ihre Erfahrungen interviewt

Ausgangspunkt des Vortrags war eine Studienarbeit, für die Kießling im Jahr 2022 drei Monate Studienurlaub genutzt hatte. Er wollte sich mit einer besonderen Herausforderung der Seelsorge befassen: der Begleitung von Menschen, die einen Angehörigen oder einen anderen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben.

Ursprünglich wollte er sechs Betroffene befragen, die er im Rahmen seiner Arbeit als Pfarrer oder Notfallseelsorger kennengelernt hatte. Als er von seinem Vorhaben erzählte, meldeten sich weitere Menschen, die ebenfalls einen Suizid in ihrem Umfeld erlebt hatten. Schließlich führte Kießling Interviews mit insgesamt 22 Personen.

Diese 22 Menschen waren Interviewpartner seiner Studienarbeit und nicht die Teilnehmer des Vortragsabends. Zu den Befragten gehörten Eltern, Kinder und Geschwister, aber auch Enkel, Nichten, Neffen, Nachbarn und eine Betreuerin aus einem Altenheim.

Buch-Neuerscheinung: „Ich werde nie wieder die Alte sein – Vom Umgang mit Suizidhinterbliebenen“

Aus den Gesprächen entwickelte Kießling eine Handreichung und eine Checkliste für die Begleitung von Hinterbliebenen. In Kürze soll außerdem sein Buch „Ich werde nie wieder die Alte sein – Vom Umgang mit Suizidhinterbliebenen“ erscheinen. Der Titel geht auf die Aussage einer Frau zurück, die ihren Bruder durch Suizid verloren hatte. Kurz nach der Beerdigung war sie gefragt worden, ob nun wieder alles in Ordnung sei und sie wieder „die Alte“ wäre. Das Buch kann bereits bestellt werden und soll in den nächsten Tagen erhältlich sein.

Trauer braucht Zeit

Ein zentrales Thema des Abends war die Erwartung, dass Trauernde möglichst schnell wieder funktionieren sollen. Früher sei eine Trauerzeit von einem Jahr gesellschaftlich stärker akzeptiert gewesen, erläuterte Kießling. Schwarze Kleidung machte nach außen sichtbar, dass ein Mensch trauerte und möglicherweise weniger belastbar war.

Das erste Jahr nach einem Todesfall sei für Hinterbliebene besonders schwierig, weil sie viele Feste, Geburtstage und andere wichtige Tage erstmals ohne den verstorbenen Menschen erleben müssten. Wenn diese Anlässe zum zweiten Mal kämen, könne manches bereits etwas leichter sein. Damit sei die Trauer jedoch nicht einfach vorbei.

In einer schnelllebigen Gesellschaft werde dagegen häufig erwartet, dass Hinterbliebene schon bald wieder ihren gewohnten Alltag aufnehmen. Doch Trauer lasse sich nicht nach einem festen Zeitplan beenden.

Die Einsamkeit beginnt oft nach der Beerdigung

Ein weiteres Problem sei, dass Menschen in Trauer von ihrem Umfeld gemieden würden. Manche Bekannte wüssten nicht, was sie sagen sollten, und hielten deshalb lieber Abstand. Andere hätten Angst, Fragen beantworten zu müssen, auf die sie selbst keine Antwort hätten, oder mit den Tränen der Trauernden nicht umgehen zu können.

Wie belastend diese Zurückhaltung sein kann, verdeutlichte Kießling anhand der Interviews. Eine Frau, deren Mann erst Monate nach seinem Verschwinden gefunden worden war, berichtete, dass sie in dieser Zeit kaum Unterstützung erfahren habe. Ein anderer Betroffener erzählte, dass Bekannte ihm teilweise nicht einmal die Tür geöffnet hätten.

Doch auch dort, wo viele Freunde zunächst Unterstützung anbieten, könne die Anteilnahme schnell nachlassen. Eine Mutter, die ihren Sohn verloren hatte, berichtete, dass ihre Freunde sie nach dem Todesfall zwar besucht hätten. Ein angekündigtes weiteres gemeinsames Treffen habe anschließend jedoch nur einmal stattgefunden.

Dass ein Besuch auch ohne längeres Gespräch wertvoll sein kann, zeigte eine andere Erfahrung des Pfarrers. Als er den Vater eines durch Suizid verstorbenen jungen Mannes besuchte, wollte dieser zunächst nicht mit ihm sprechen. Im späteren Interview erklärte der Vater dennoch, der Besuch sei hilfreich gewesen: Der Pfarrer habe an ihn gedacht und sei vorbeigekommen.

Nicht die richtigen Worte sind entscheidend

Nach den Erfahrungen Kießlings wünschen sich Trauernde vor allem Normalität. Sie möchten erzählen können, wie es ihnen geht, was sich in ihrem Leben verändert hat und wie sie mit der neuen Situation zurechtkommen. Dafür brauche es keine fertigen Antworten.

Der Pfarrer berichtete auch von einer jungen Frau, deren Mann nach einer schweren Krankheit gestorben war. Sie habe vor allem erzählen wollen, was ihr durch den Kopf ging und wie sie ihr neues Leben als Witwe erlebte.

Kießling verglich das Aussprechen von Sorgen mit dem vorübergehenden Ablegen eines schweren Rucksacks. Auch im Alltag kenne vermutlich jeder das erleichternde Gefühl, belastende Gedanken mit jemandem teilen zu können.

Wie wichtig das Zuhören ist, habe sich zudem bei einem Einsatz der Notfallseelsorge im Ahrtal nach der Flutkatastrophe gezeigt. Dort hätten vielen Menschen die üblichen Gesprächspartner gefehlt, weil ihre Nachbarn selbst von der Katastrophe betroffen waren.

Eine Interviewpartnerin brachte ihren Wunsch nach Normalität mit einem einfachen Beispiel auf den Punkt: Eine Nachbarin solle sie zum Einkaufen mitnehmen und auch dann wiederkommen, wenn sie einmal keine Lust habe mitzugehen. Eine Absage dürfe nicht dazu führen, dass weitere Einladungen ausblieben.

Anteilnahme darf nicht nach der Beerdigung enden

Was können Menschen im Umgang mit Trauernden konkret tun? Kießling machte deutlich, dass regelmäßige Kontaktangebote wichtig sind – gerade dann, wenn die erste Zeit nach dem Todesfall vorüber ist. Ein Besuch, ein Anruf oder eine Einladung können zeigen, dass die Betroffenen nicht vergessen sind.

Dabei müsse man akzeptieren, dass sich Gefühle im Verlauf der Trauer verändern. Neben Fassungslosigkeit und Traurigkeit könnten später auch Wut, Verständnis, Schuldgefühle oder andere Empfindungen auftreten. Entscheidend sei, diese Gefühle nicht zu bewerten.

Auch die Begleitung durch Kirche und Seelsorge sollte nach den Erkenntnissen des Pfarrers nicht mit der Beerdigung enden. Viele Betroffene wünschten sich weitere Gespräche, besonders in den ersten Wochen sowie an Geburtstagen, Todestagen und anderen Tagen, die an den verstorbenen Menschen erinnern.

Offener Austausch zum Abschluss

Im Anschluss an den Vortrag kamen die Anwesenden in einem offenen Gespräch miteinander ins Gespräch. Dabei bestand Gelegenheit, eigene Erfahrungen und Gedanken einzubringen und darüber zu sprechen, wie Trauernde in ihrem Umfeld besser begleitet werden können. Auch Pfarrer Kießling nahm aus diesem Austausch Impulse mit.

Zum Abschluss überreichte Bernd Staubach dem evangelischen Pfarrer ein Geschenk als Dank für seinen Vortrag und die gemeinsame Veranstaltung.

Film „Vier minus drei“

Darüber hinaus wies Kießling auf eine weitere Veranstaltung hin: Am Sonntag, den 1. November, wird im Lichtspielhaus der Film „Vier minus drei“ gezeigt. Die Verfilmung des autobiografischen Romans von Barbara Pachl-Eberhart erzählt von einer Frau, die bei einem tragischen Unfall ihren Mann und ihre Kinder verlor. Der Film läuft im regulären Programm und wird kurz anmoderiert.

Fotos: Vogelsberger Zeitung

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