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Erinnerung an 80 Jahre HeimatgeschichteAls Böhmen nach Romrod kam

ROMROD (ol). Am 3. Oktober erinnerte der Heimat- und Kulturverein Romrod an die Ankunft sudetendeutscher Heimatvertriebener vor 80 Jahren. Bei einem Treffen im Bürgerhaus tauschten Betroffene und ehemalige Weggefährten Erinnerungen an das gemeinsame Leben in Romrod aus. Dabei ging es sowohl um persönliche Erlebnisse als auch um die Herausforderungen des Zusammenlebens nach dem Zweiten Weltkrieg.

Am 19. Mai 1946 und in der Zeit danach trafen zahlreiche zwangsausgesiedelte Heimatvertriebene aus dem Sudetenland in Romrod ein. Im Jahr 1950 waren laut dem Heimatbuch Romrod von den rund 1.300 Einwohnern 321 Heimatvertriebene. Auf Anregung noch lebender Betroffener nahm der Heimat- und Kulturverein Romrod den 80. Jahrestag zum Anlass, zu einer Erinnerungsveranstaltung einzuladen. Die ehemaligen Heimatvertriebenen sollten gemeinsam mit Begleitpersonen Gelegenheit erhalten, sich wiederzusehen, Erinnerungen auszutauschen und Kraft für die kommende Zeit zu schöpfen, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins.

Das Treffen fand am 3. Oktober im Bürgerhaus statt. Da viele der Betroffenen inzwischen hochbetagt sind und teilweise weite Anreisen hätten auf sich nehmen müssen, meldete sich nur eine kleine Zahl von Teilnehmern an. Deshalb wurden auch ehemalige Schulkameraden und Weggefährten aus Romrod eingeladen.

Der Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins, Horst Blaschko, dessen Familie väterlicherseits selbst aus dem Böhmerwald stammt, begrüßte die Gäste. Bereits beim Eintreffen kam es zu herzlichen Wiedersehen. Viele Teilnehmer hatten allerdings auch über die Jahrzehnte hinweg Kontakt gehalten und sich immer wieder mit Bekannten in Romrod getroffen.

Im Verlauf des Nachmittags entstanden zahlreiche Gespräche, bei denen Begebenheiten und Anekdoten aus der gemeinsamen Romröder Zeit in Erinnerung gerufen wurden. Dazu gehörten auch Geschichten über Justine Blaschko aus Winterberg, die der inzwischen verstorbene Sudetendeutsche Emil Schuster einst auf humorvolle Weise gewürdigt hatte.

Auf einem vor vielen Jahren entstandenen Tonträger mit dem Titel „Wous hob i mi do gfiacht“ („Was habe ich mich da gefürchtet“) berichtete Schuster davon, wie die „Blaschko Justi“ den Kindern im Schloss Gruselgeschichten aus der sudetendeutschen Heimat erzählte. Anschließend mussten die Kinder in der Dunkelheit nach Hause gehen, denn Straßenlaternen gab es damals in Romrod noch nicht. Die Geschichten sorgten auf dem Heimweg für Furcht und Herzklopfen.

Zur Sprache kamen jedoch auch weniger erfreuliche Erinnerungen an das Zusammenleben zwischen Einheimischen und Heimatvertriebenen. So wurde berichtet, dass manche einheimischen Familien bei Festen zwei verschiedene Arten von Kuchen vorbereiteten. Da es üblich war, Menschen, die zum Fest gratulierten, ein Stück Kuchen mitzugeben, erhielten die sudetendeutschen Neubürger mitunter eine einfachere Variante mit weniger Eiern und Butter. Ganz verweigert worden sei ihnen diese Gabe allerdings nur selten.

Mit den Schwierigkeiten des damaligen Zusammenlebens beschäftigte sich auch der spätere Journalist und Buchautor Gernot Facius, der als Kind einer sudetendeutschen Familie nach Romrod gekommen war. Er beschrieb vor einigen Jahren sinngemäß, dass sich Einheimische und Heimatvertriebene trotz aller Schwierigkeiten auf engem Raum miteinander arrangieren mussten. In der Hoffnung auf bessere Zeiten habe man sich zusammengerauft und die Zähne zusammengebissen. Dies habe nicht nur für Romrod, sondern für die junge Bundesrepublik insgesamt gegolten.

Foto: Heimat- und Kulturverein Romrod

Die erheblichen sozialen und gesellschaftlichen Unterschiede und ihre Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse und das Miteinander hätten sich nur allmählich verändert. Auch die Abwanderung vieler Neubürger aus dem Vogelsberg habe die kulturelle und sprachliche Eingliederung der verbliebenen Heimatvertriebenen begünstigt.

Mit der Zeit verschwanden viele Dialekte und sprachliche Eigenheiten der Zugezogenen. Mit dem Tod der Generation, für die diese kulturellen Traditionen noch ein selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens waren, gingen auch immer mehr böhmische Spuren im Vogelsberg verloren. Facius zog dazu das Fazit: „Es ist nicht viel übriggeblieben vom kleinen Böhmen im Vogelsberg.“

Auch vor diesem Hintergrund hatte das diesjährige Erinnerungstreffen für die Teilnehmer eine besondere Bedeutung. Zahlreiche weitere Erlebnisse und Begebenheiten wurden ausgetauscht. Bei belegten Broten, Salzekuchen und Süßem verging der gemeinsame Nachmittag mit Gesprächen und Erinnerungen.

Zum Abschluss äußerten die Teilnehmer den Wunsch, ein solches Treffen im kommenden Jahr zu wiederholen. Die Zusammenkunft bot Gelegenheit, auf 80 Jahre gemeinsamer Geschichte in Romrod zurückzublicken und persönliche Erinnerungen lebendig zu halten.

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