
Dr. Hermann Sauer liest im Kulturladen Schlitz gegen das VergessenWenn der Landarzt zum Beichtvater wird
SCHLITZ (ol). Landarzt und Autor Dr. Hermann Sauer hat im Kulturladen Schlitz unter dem Titel „Wider das Vergessen – Lesung gegen den Krieg“ aus seinen drei kürzlich erschienenen Büchern gelesen. Im Mittelpunkt standen Erfahrungen von Kriegsteilnehmern sowie Kriegs- und Nachkriegskindern, die Sauer während seiner jahrzehntelangen ärztlichen Tätigkeit anvertraut wurden. Im anschließenden Gespräch teilten auch Besucher persönliche und familiäre Erinnerungen.
„Herr Doktor! Wir mussten doch alle schießen! Hätten wir nicht geschossen, hätte uns der Russe erschossen!“ Sätze wie dieser fielen in Dr. Sauers Sprechzimmer oft erst spät – dann, wenn Männer, die er jahrzehntelang als stoisch und schweigsam erlebt hatte, im hohen Alter plötzlich dünnhäutig wurden. Im Oktober 1983 hatte er in Schlitz als junger Landarzt angefangen, nach eigenen Worten, „um die Welt zu retten“. Dass er es in seiner Praxis vor allem mit Kriegsteilnehmern, Kriegs- und Nachkriegskindern zu tun haben würde, war ihm damals noch nicht bewusst. Und so wurde der im Pfarrhaus aufgewachsene Mediziner, den die Eltern eigentlich als Pfarrer gesehen hatten, auf Umwegen doch noch zum Seelsorger, heißt es in einer Pressemitteilung des Kulturladens Schlitz.
„Man lebt nicht, wenn man nicht für etwas lebt“
Zu Beginn begrüßte ABS-Sprecher Erwin Becker die zahlreichen Gäste und schilderte die Beweggründe und ersten Erfahrungen der zivilgesellschaftlichen Initiative. Dr. Sauer, selbst aktives Mitglied im Bündnis, knüpfte daran an – mit einer nüchternen Zustandsbeschreibung: „Gespräche finden nicht mehr miteinander statt, sondern oft gegeneinander. Oder aber anonym in den sogenannten Sozialen Netzwerken.“ Die Antwort des überparteilichen Bündnisses fasste er in eine einfache Frage: „Was können wir vor Ort tun, damit unsere Demokratie stark bleibt und die Menschen wieder mehr miteinander ins Gespräch kommen?“ Dazu gehöre Zivilcourage – und die Bereitschaft, sich zu erinnern.
Was sich ins Körpergedächtnis eingräbt
Was folgte, waren Geschichten von Menschen, die unter NS-Propaganda, politischer Verfolgung und Bombenangriffen gelitten hatten – oder unter der harten, lieblosen Erziehung durch traumatisierte Väter und Mütter. Dr. Sauer las unter anderem Texte wie „Tränenkind“, „Angst essen Seele auf“ und „Du Hitlerkind, du Bastard“. Vieles davon, so der Mediziner, habe sich in ein Körpergedächtnis eingegraben und über Jahrzehnte in unspezifischen Beschwerden und Ängsten gezeigt, ehe es im Alter dem Hausarzt anvertraut wurde. Hinzu kamen Berichte ehemaliger Soldaten über Schuld, Leid und erlebte Gewalt.
Vom Zuhören zum Erzählen
Im anschließenden Gespräch, moderiert von Rita Weber-Seyed Vossoughi, wurde aus dem Publikum eine Erzählrunde: Zuhörer teilten eigene Erinnerungen und das, was Eltern und Großeltern ihnen einst berichtet hatten. Auf die Frage der Moderatorin, was man von diesem Abend mitnehme, herrschte schnell Einigkeit: Die Arbeit gegen das Vergessen müsse weitergehen. Mit der „Geschichte vom afghanischen Mädchen“, die Weber-Seyed Vossoughi stellvertretend für Dr. Sauer vortrug, schlug der Abend schließlich den Bogen zu gegenwärtigen Fluchtgeschichten.
Zum Abschluss wurde an einen Befund erinnert, den Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 in ihrem Buchtitel „Die Unfähigkeit zu trauern“ formulierten. Dr. Sauer selbst fasste seinen Auftrag als Appell zusammen: „Dass wir in Frieden aufwachsen durften, ist ein großes Geschenk an unsere Generationen. Lasst uns dafür eintreten, dass noch andere Generationen nach uns in Frieden aufwachsen dürfen.“
Informationen zum weiteren Programm gibt es unter www.kulasch.de sowie auf den Social-Media-Kanälen des Kulturladens.
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