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„Wind of Change – von Bach über Cats zu Rammstein“Eine gegenwärtige „Salonidee“ à la Liszt

SCHWALMTAL (ol). Pianist Alexey Chernov verband bei „Weltklassik am Klavier“ im Theatersaal Melchiorsgrund klassische Werke mit Musical-, Film- und Rockmusik. In drei miteinander verbundenen Suiten führte das Programm von Bach, Brahms, Beethoven, Schubert und Wagner bis zu Nirvana, Scorpions, Metallica und Rammstein und griff dabei die Salon- und Transkriptionskultur des 19. Jahrhunderts auf.

Alexey Chernovs Programm ist mehr als ein Crossover-Abend mit bekannten Melodien. Bach, Brahms, Beethoven, Schubert und Wagner stehen nicht dekorativ neben Nirvana, Scorpions, Musical-, Film- und Rockmusik. Vielmehr werden sie über Bearbeitungen, Kontraste und geplante Übergänge zu drei Suiten verbunden. Damit greift Chernov eine zentrale Tradition des 19. Jahrhunderts auf: das Klavier als Ort der Übertragung, Verdichtung und schöpferischen Wandlung fremder Musik, heißt es in der Pressemitteilung von „Weltklassik am Klavier“.

Chernov überträgt dabei das Prinzip der Salon- und Transkriptionskultur in die Gegenwart. Das Repertoire der eigenen Gegenwart wird pianistisch hörbar gemacht und mit älteren Werken in einen Dialog gebracht. Das Programm enthält moderne und teils jüngere populäre Musik sowie Bearbeitungen von Chernov und Alexey Kurbatov. Chernov aktualisiert Liszts Idee damit nicht durch Kopie, sondern durch ihre Funktion: Sein Klavier wird zum erzählerischen Vermittler zwischen Kanon und Populärkultur.

Die dramaturgische Anlage

Das Abendprogramm folgt einer präzisen Architektur. Chernov beschreibt selbst, er habe nicht eine Liste von Stücken, sondern „mehrere miteinander verbundene Suiten“ mit tonalen Beziehungen, starken Kontrasten und natürlichen Übergängen entwickeln wollen. Jede Suite solle ohne Unterbrechung eine eigene Geschichte erzählen. Entscheidend sei damit nicht die bloße Mischung der Stile, sondern der Anspruch einer komponierten beziehungsweise kuratierten Gesamtform.

Die erste Suite umfasst Bach/Chernov: „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“; Nirvana/Kurbatov: „Smells Like Teen Spirit“; Brahms: Intermezzo op. 119 Nr. 3; Scorpions/Chernov: „Wind of Change“; Wagner–Busoni–Chernov: Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“; Rammstein/Chernov: „Stein um Stein“. Inhaltlich stehen Hoffnung, Wandel und Gefährdung im Mittelpunkt.

Die zweite Suite umfasst Schönberg/Chernov: „I Dreamed a Dream“ und Lloyd Webber/Chernov: „Memory“. Das Klavier übernimmt hier die Rolle von Stimme, Orchester und emotionaler Nahaufnahme zugleich.

Nach dem klassischen Mittelpunkt, Beethovens „Mondschein-Sonate“, folgt die dritte Suite: Horner/Chernov: „My Heart Will Go On“; Black Sabbath/Chernov: „Solitude“; Schubert/Chernov: „Der Leiermann“; Metallica/Chernov: „Sad But True“; Rammstein/Chernov: „Deutschland“. Aus Liebe führt der musikalische Weg über Einsamkeit in zunehmend dunklere Gefilde der Klangwelt.

Besonders hervorgehoben wird in der Pressemitteilung die Bearbeitungskette Wagner – Busoni – Chernov. Sie mache deutlich, dass die Transformation eines Werkes für Klavier kein Verlegenheitsprodukt sei. Busoni und Liszt hätten die Bearbeitung als eigenständige künstlerische Kategorie etabliert. Die Library of Congress führe Liszts Werkbestand ausdrücklich in getrennten Reihen für Originalkompositionen einerseits sowie Arrangements und Transkriptionen anderer Komponisten andererseits. Chernov knüpfe an diesen Gedanken an, ohne ihn akademisch auszustellen.

Der Vortrag

Chernov spielte auf einem Blüthner-Flügel; der Raum wirkte im Klangbild eher direkt als hallig. Gerade darin lag eine besondere Nähe zur Salonidee: Nicht die Distanz des großen Podiums, sondern die unmittelbare Wahrnehmung einer einzelnen Person am Instrument bestimmte die Wirkung.

Vor allem Chernovs Klangkultur überzeugte nach Darstellung der Veranstalter durch ihre Spannbreite und Direktheit. Sein Ton blieb warm, rund und kontrolliert; auch in dichterem oder kräftigerem Spiel verhärtete er nicht. Die melodische Oberstimme hob sich deutlich aus der Begleitung ab. Besonders tragfähig wirkte seine Fähigkeit, eine gesangliche Linie über arpeggierte oder wogende Begleitfiguren zu führen. Die Pedalisierung erschien großzügig, im Ergebnis aber klar: Sie schuf Raum und Bindung, ohne die Harmonik zu verwischen.

Ebenso hervorgehoben wird die flexible, aber nicht beliebige Zeitgestaltung. Das Rubato diente der Phrasierung, Spannungen wurden aufgebaut und nicht lediglich durch kurzfristige Verzögerungen markiert. Der Anschlag differenzierte zwischen ätherischer Leichtigkeit, rhythmischer Kontur und tieferem, gesättigtem Gesang. Diese Qualitäten seien für ein Programm mit so unterschiedlichen Ausgangsmaterialien entscheidend. Eine Bearbeitung von Bach, ein romantisches Intermezzo, ein Musical-Song und ein Rocksong könnten nicht allein über Wiedererkennung zusammenfinden. Sie benötigten eine gemeinsame pianistische Sprache, ohne ihre jeweilige Herkunft zu verlieren. Diese Balance sei Chernov mit großer Sicherheit gelungen.

Chernov agierte konzentriert und ohne demonstrative Virtuosengeste. Die aufmerksame Stille während des Konzerts und der warme, am Ende begeisterte Applaus unterstrichen nach Darstellung der Veranstalter eine Kommunikation, die nicht von Showeffekten, sondern von Aufmerksamkeit lebte. In dieser Hinsicht erfüllte der Theatersaal Melchiorsgrund eine Funktion, die dem historischen Salon verwandt sei: Er machte Zuhören als soziale Wärme erfahrbar.

Die besondere Stärke des Abends

Die größte Stärke des Abends lag laut Pressemitteilung in der Verweigerung eines falschen Entweder-oder. Das Programm behandelte Klassik nicht als abgeschlossenen Gegenpol zur Gegenwart und Rock nicht als bloßen Publikumsköder. Dass „Der Leiermann“ zwischen „Solitude“ und „Sad But True“ stand, stellte eine inhaltliche Verbindung her: Einsamkeit, Wiederholung, innere Unruhe und klangliche Düsternis konnten so epochenübergreifend miteinander korrespondieren. Ebenso erlaubte die Nachbarschaft von Bach, Brahms und Rammstein, unterschiedliche musikalische Artikulationen von Glauben, Melancholie, Veränderung und Konflikt wahrzunehmen.

Gelungen sei auch die Einbindung Beethovens. Die vollständige „Mondschein-Sonate“ stellte sich dem Anspruch der klassischen Großform. Gerade ihre Platzierung zwischen den Suiten verhinderte, dass das klassische Repertoire lediglich als klangliche Legitimation des Popmaterials fungierte.

Hervorgehoben wird zudem die Entscheidung für die Bearbeitung statt einer bloßen mediengestützten Collage. Das einzelne Klavier musste Melodie, Harmonie, rhythmischen Impuls und bei vokaler Musik zugleich die fehlende Sprache übernehmen. Dies verlange mehr als geschmackvolle Arrangements: Es brauche einen Pianisten, der die Oberstimme zum Singen bringe, Kontraste in der Anschlagskultur organisiere und große Bögen halte. Chernov habe dafür die entsprechenden pianistischen Mittel gezeigt.

Foto: Weltklassik am Klavier

Fazit

„Wind of Change – von Bach über Cats zu Rammstein“ überzeugte nach Einschätzung der Veranstalter dort, wo andere Crossover-Programme oft scheiterten: Das Programm setzte nicht auf den bloßen Überraschungseffekt, sondern auf Bearbeitung als musikalisches Denken. Chernovs Spiel habe die klangliche Kontrolle und lyrische Disziplin besessen, die ein solches Vorhaben benötige. Der intime Theatersaal Melchiorsgrund habe dafür den passenden Resonanzraum geboten – nah genug für Klangnuancen und konzentriert genug für die Übergänge zwischen unterschiedlichen kulturellen Welten.

Als Liszt-Nachfolge im Geist sei der Abend glaubwürdig gewesen, heißt es abschließend in der Pressemitteilung. Er habe den Mut zur Aneignung, den Vorrang des lebendigen Klaviers und die Offenheit gegenüber jener Musik aufgegriffen, die Menschen außerhalb des klassischen Kanons begleitet.

Die nächste Gelegenheit zu einem besonderen Konzerterlebnis mit einem Klavierduo gibt es am 10. Oktober um 17 Uhr in Schwalmtal. Unter dem Titel „Weltklassik Klavierduo – Schwanensee und Donauwalzer – Walzerträume und große Ballettmomente!“ präsentiert das Duo Four Te Werke von Schubert, Strauss, Brahms, Ravel und Gershwin. Reservierungen sind per E-Mail an info@weltklassik.de oder telefonisch unter 0151 12585527 möglich.

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