Gesellschaft0

Technik aus dem Vogelsberg für den ErnstfallZwischen Acker, Wald und Feuer – mit Technik, Hochdruck und Erfindergeist aus dem Vogelsberg gegen die Zeit und die Flammen

SCHWALMTAL (ol). In Schwalmtal-Storndorf entwickelt Stehr-Technik Speziallösungen für die Bekämpfung von Wald- und Vegetationsbränden. Dazu gehören geländegängige Löscheinheiten, Hochdrucksysteme für Traktoren und mobile Wassertanks mit einem Fassungsvermögen von 15.000 Litern. Das Unternehmen setzt dabei auf die Kombination vorhandener Technik und praktischer Erfahrungen aus Landwirtschaft und Feuerwehr. Die Entwicklungen stehen zugleich für das Prinzip, technische Lösungen gezielt an konkrete Anforderungen anzupassen.

Feuer interessiert sich nicht für befestigte Straßen. Es läuft mit dem Wind über trockene Stoppelfelder, findet seinen Weg durch Gras und Unterholz und kann aus einem überschaubaren Entstehungsbrand innerhalb kurzer Zeit eine Einsatzlage machen, bei der plötzlich eine ganz andere Größe entscheidet: Zeit. Genau an diesem Punkt beginnt der Erfindergeist von Jürgen Stehr. Der gelernte Landmaschinenmechaniker und Gründer des Storndorfer Spezialmaschinenbauers sucht seit Jahrzehnten nach technischen Antworten auf Probleme aus der Praxis. Sein Grundsatz ist ebenso schlicht wie konsequent: „Unsere Devise war es von Anfang an, dem Kunden zuzuhören und für seine Probleme individuelle Lösungen zu finden.“ Wie groß diese Lösungen werden können, zeigt ein Projekt weit außerhalb des Vogelsbergs, heißt es in der Pressemitteilung des Unternehmers. Auf dem ehemaligen Militärflugplatz Woodbridge in England entstand im Auftrag des britischen Militärs eine Start- und Landebahn für den schweren Airbus A400M. Innerhalb von nur acht Tagen wurden nach Angaben Stehrs rund 1.600 Meter Länge und 38 Meter Breite hergestellt. Vier Traktoren mit jeweils rund 400 PS arbeiteten mit dem Stehr-Bodenstabilisierungssystem SBF 24/6. Ein Gemisch aus Kalk und Zement wurde bis zu einem halben Meter tief in den vorhandenen Boden eingearbeitet – ohne klassischen, zeitintensiven Bodenaustausch. Wo zuvor unbefestigter Untergrund war, musste am Ende eine hochbelastbare Piste entstehen, die den Anforderungen eines militärischen Transportflugzeuges gerecht wird. Es ist eine Referenz, die etwas über die Dimension des Denkens in Storndorf erzählt.Auch die Zusammenarbeit mit großen Fahrzeugherstellern fügt sich in dieses Bild. Fendt und Stehr verbindet seit Jahren eine enge technische Beziehung. Wenn für Entwicklungen und Erprobungen leistungsfähige Trägerfahrzeuge benötigt werden, werden nach Angaben Stehrs entsprechende Traktoren für Versuchs- und Entwicklungsarbeiten zur Verfügung gestellt.

Auch beim Mercedes-Benz Unimog beschäftigt sich Stehr mit der Frage, wie sich das ohnehin extrem vielseitige Trägerfahrzeug durch spezielle Anbau- und Zusatztechnik für weitere Aufgaben optimieren lässt. Nach Stehrs Schilderung werden Fahrzeuge dabei auch zur praktischen Beurteilung und Erprobung nach Storndorf gebracht. Wenn etablierte Hersteller ihre Maschinen mit Entwicklungen eines mittelständischen Unternehmens aus dem Vogelsberg kombinieren, sagt das vor allem eines aus: Hier wird nicht nur konstruiert – hier wird unter realen Bedingungen ausprobiert, verändert und weitergedacht. Und genau dieses Prinzip überträgt Stehr nun verstärkt auf eine Herausforderung, die Feuerwehren und Kommunen beschäftigt: Wald- und Vegetationsbrände.

Vier Einsatzkräfte, Wasser und Hochdruck fürs Gelände

Wo große Feuerwehrfahrzeuge wegen schmaler Wege, weicher Böden oder schwierigem Gelände an Grenzen stoßen, setzt Stehr auf Beweglichkeit. Ein geländegängiger Polaris Ranger kann vier Einsatzkräfte aufnehmen und weit abseits befestigter Straßen eingesetzt werden. Dahinter befindet sich eine kompakte mobile Löscheinheit mit rund 500 Litern Wasser und entsprechender Löschtechnik. Aus dem Geländefahrzeug wird damit eine schnelle Eingreifeinheit. Ihre Aufgabe ist nicht, ein Tanklöschfahrzeug zu ersetzen. Gerade das wäre der falsche Vergleich. Ihre Stärke beginnt dort, wo Größe und Gewicht zum Nachteil werden. Eine kleine Mannschaft kann mit eigenem Löschmittel näher an einen Brandherd gelangen und bereits tätig werden, während größere Einheiten nachrücken oder eine umfangreichere Wasserversorgung aufgebaut wird. Das technische Prinzip dahinter lässt sich auf einen einfachen Gedanken reduzieren: Nicht die größte Wassermenge gewinnt den Wettlauf gegen einen Entstehungsbrand – sondern das Löschmittel, das rechtzeitig dort ankommt, wo es gebraucht wird.

Wenn der Traktor plötzlich löschen kann

Noch konsequenter wird Stehrs Philosophie bei landwirtschaftlichen Zugmaschinen. Denn auf Äckern und Feldern steht leistungsfähige Technik längst bereit. Moderne Traktoren besitzen starke Hydrauliksysteme, hohe Bodenfreiheit und eine Geländegängigkeit, die gerade bei Vegetationsbränden von großem Vorteil sein kann. Stehr nutzt genau diese vorhandenen Eigenschaften. Bei einem entwickelten System sitzt ein Wasserbehälter an der Fronthydraulik des Schleppers und übernimmt gleichzeitig die Funktion eines Frontgewichtes. Eine hydraulisch angetriebene Hochdruckwasserpumpe nutzt die Leistung des Traktors und erzeugt bei einer Stehr-Ausführung bis zu 180 bar Arbeitsdruck. Über Hochdruckschlauch und Löschtechnik steht das Wasser unmittelbar zur Verfügung. Die Maschine erhält damit eine zweite Aufgabe: Der Traktor ist nicht mehr ausschließlich landwirtschaftliches Arbeitsgerät, sondern kann zusätzlich Löschwasser und Löschtechnik unmittelbar auf das Feld bringen. Gerade in der Erntezeit liegt darin ein interessanter Gedanke. Wenn trockenes Pflanzenmaterial Feuer fängt oder sich ein Maschinenbrand auf ein Stoppelfeld auszubreiten droht, befindet sich die landwirtschaftliche Maschine möglicherweise schon genau dort, wohin Feuerwehrkräfte zunächst anfahren müssen.

15.000 Liter – wenn aus Brandbekämpfung Logistik wird

Doch irgendwann verändert sich die Dimension eines Vegetationsbrandes. Dann reichen einige hundert Liter für den Erstangriff nicht mehr. Aus Löschen wird Logistik. Wasser muss nachgeführt werden – kontinuierlich und in großen Mengen. Hier setzt der Stehr SFLC 15000 an. Der mobile Feuerlöschtank nimmt rund 15.000 Liter Wasser auf und bildet damit das andere Ende des technischen Konzeptes. Die eigentliche Besonderheit steckt in seiner Konstruktion. Der Tankkörper wird in GFK-Leichtbauweise gefertigt. Möglichst wenig Nutzlast soll durch das Eigengewicht des Behälters verloren gehen, damit möglichst viel Wasser transportiert werden kann. Aufgebaut ist das System als flexible Abrolllösung. Der Tank muss damit nicht dauerhaft an ein einzelnes Spezialfahrzeug gebunden bleiben, sondern kann mit geeigneter Hakenlift- und Transporttechnik aufgenommen, umgesetzt und am vorgesehenen Punkt wieder abgesetzt werden. So kann in der Nähe einer Einsatzstelle eine mobile Wasserreserve entstehen: 15.000 Liter dort, wo der nächste Hydrant möglicherweise Kilometer entfernt liegt. Während kleine und geländegängige Einheiten weiter zum Brandherd vordringen, bleibt dahinter der Nachschub verfügbar. Schnelligkeit vorne. Ausdauer dahinter.

Wenn Landwirtschaft Teil der Reserve wird

Genau an diesem Punkt reicht die Idee über Stehrs Werkhallen hinaus. Auf dem Land sind viele Ressourcen bereits vorhanden: Traktoren, Wasser- und Güllefässer, Tankanhänger, Scheibeneggen, Radlader und weitere schwere Maschinen. Sie müssen im Ernstfall allerdings auch gefunden und koordiniert werden. Hier setzt die Initiative „Red Farmer“ an. Landwirte und Winzer können ihre verfügbaren Fahrzeuge und Geräte freiwillig registrieren. Feuerwehren und Leitstellen erhalten dadurch die Möglichkeit, geeignete Ressourcen in einer Region zu erkennen und deren Besitzer im Bedarfsfall gezielt anzufordern. Aus spontaner Nachbarschaftshilfe kann so vorbereitete Unterstützung werden. Der Landwirt ersetzt dabei keine Feuerwehr und übernimmt auch nicht deren Aufgaben. Aber seine Ortskenntnis, seine Maschine und seine Transportkapazität können Teil einer wesentlich größeren Logistik werden. Und damit fügt sich das Prinzip bemerkenswert gut zu den Entwicklungen aus Storndorf. Das schnelle Geländefahrzeug bringt Mannschaft und Löschmittel dorthin, wo schwere Technik Schwierigkeiten bekommt. Der Traktor wird zum Träger zusätzlicher Löschtechnik. Der 15.000-Liter-Tank schafft die Wasserreserve im Hintergrund. Landwirtschaftliche Ressourcen erweitern schließlich das Netz. Aus mehreren Maschinen wird ein System.

Erfindergeist beginnt mit einer Frage

Vielleicht ist genau das der Kern dessen, was Jürgen Stehr unter Entwicklung versteht. Seine Maschinen entstanden nicht, weil jemand eine weitere Maschine haben wollte. Sie entstanden, weil irgendwo ein Problem vorhanden war, das sich mit bestehender Technik nicht zufriedenstellend lösen ließ. Dass Stehr-Technik eine Landebahn für einen Airbus A400M mit vorbereitet, dass Fendt-Traktoren als Träger seiner Entwicklungen dienen und der Unimog für weitere Spezialanwendungen neu gedacht wird, erscheint auf den ersten Blick weit entfernt von einem brennenden Stoppelfeld im Vogelsberg. Auf den zweiten Blick folgt all das demselben Prinzip. Vorhandene Kraft nutzen. Technik neu kombinieren. Und Lösungen dort entwickeln, wo Standardlösungen an ihre Grenzen kommen. Einer von Stehrs überlieferten Leitsätzen bringt diesen Anspruch auf den Punkt: „Wer für die Zukunft nichts verändern will, der wird das verlieren, was er erhalten möchte.“ Zwischen Acker, Wald und Feuer bekommt dieser Satz eine sehr praktische Bedeutung. Denn Erfindergeist zeigt sich nicht immer darin, etwas vollkommen Neues zu bauen.

Manchmal beginnt er mit einer viel einfacheren Frage: Was ist bereits da – und wie muss man es verändern, damit es im entscheidenden Moment helfen kann?

Fotos: Stock

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge Dich ein, um als registrierter Leser zu kommentieren.

Einloggen Anonym kommentieren