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EXKLUSIV - Nach Kriegsausbruch: Gerd Ludwig besuchte noch einmal TschernobylZum Reaktorkern vorbei an Behörden, Strahlung und Landminen

LOS ANGELES/ALSFELD – Tschernobyl lässt Gerd Ludwig nicht los. Noch einmal ist der Top-Fotograf aus Alsfeld zu dem zerstörten Kernkraftwerk gereist, dessen Zustand er bereits mehrfach dokumentierte. Diesmal war die Mission noch gefährlicher, denn es herrscht Krieg, und russische Hinterlassenschaften erhöhen den Einsatz für jeden Besucher der Sperrzone. Zugänglicher sind auch die ukrainischen Behörden nicht geworden. Aber er kam letztlich sogar in den Reaktor und Lohn der Beharrlichkeit sind neue spektakuläre Bilder vom Ort der Apokalypse. Von der Reise erzählt er exklusiv bei Oberhessen-live.

Fast zehn Monate hat der in Los Angeles lebende Fotograf gebraucht, um die Genehmigung für einen weiteren Besuch der verlassenen Stadt Prypjat in der Sperrzone zu erhalten – und auch des Reaktors, der heute unter einer riesigen Stahlkuppel verborgen ist. Bereits früher war Gerd Ludwig bis zu jenem Schaltraum vorgedrungen, in dem die verhängnisvollen Befehle gegeben wurden, die 1986 zur Explosion des Reaktorkerns führten. Er wurde begleitet von kundigen Führern, die den gut in einen Schutzanzug eingepackten Fotografen angesichts der immer noch herrschenden Radioaktivität stets zur Eile mahnten. Darüber hat er ein Buch verfasst, das niemand geringerer als Michael Gorbatschow mit einem Vorwort adelte.

Erstmals unter der Kuppel: Das Foto zeigt die riesigen Ausmaße des stählernen Sarkophags, der sich über dem Reaktor wölbt. Foto: Gerd Ludwig

Fotos von Zerstörung und Verfall

Tausende Fotos brachte Gerd Ludwig über die Jahre aus der Sperrzone mit, die nicht nur die Zerstörung und den Verfall der verlassenen Stadt dokumentieren, sondern auch die gesundheitlichen  Folgen für die Menschen in der Umgebung. Dass es ihn mit nunmehr 77 Lebensjahren noch einmal dorthin zieht, wo es gefährlich ist, hat etwas zu tun mit der neuen Gefahr. Die Sperrzone ist zum militärischen Sperrgebiet geworden.

Die stählerne Kuppel im Abendlicht: schauriges Wahrzeichen der Region. Foto: Gerd Ludwig

Tschernobyl liegt nahe der Grenze zu Russland, war im Krieg über fünf Wochen von russischen Truppen besetzt, die in ihrer Unwissenheit oder Ignoranz genau das taten, was unter anderem Gerd Ludwig fürchtete: Sie gruben ihre Stellungen in die am stärksten radioaktiv verseuchte Erde und wirbelten viel strahlenden Staub auf – den unzählige Soldaten dann auch selbst einatmeten. Was haben die Truppen angerichtet, wie steht es um den doppelt eingepackten Unglücksreaktor heute? „Ich wollte dorthin, weil sich durch die Russen vieles völlig verändert hat“, erklärt der Fotograf selbst seine Motivation.

Ein Besuch in Tschernobyl – im Krieg? Auch wenn sich in Friedenszeiten mittlerweile sogar wagemutige Touristen bei Führungen in der Sperrzone bewegen konnten, aktuell brauchte es einige Beharrlichkeit des erfahrenen Dokumentar-Fotografen, um dorthin zu gelangen. Nachdem endlich die Papiere und die Zusagen der ukrainischen Behörden vorlagen, musste er eine lange Anreise mit Flugzeug, Bus und Auto auf sich nehmen, um in die Region zu gelangen. Nächstes Handicap: Der sehr kundige Assistent, den Gerd Ludwig verpflichten wollte, war verhindert, von der Verwaltung der Sperrzone bekam er eine Dolmetscherin und Aufpasserin zugeteilt.

Die von der großen Explosion zerstörte Turbinenhalle im Block 4. Zum ersten Mal durfte der Fotograf dort ein Bild machen. Foto: Gerd Ludwig

In der Sperrzone lauern Strahlung und Minen

22 Tage durfte er im November des vergangenen Jahres in einem spärlich ausgestatteten Appartement der Arbeitersiedlung innerhalb des Sperrgebiets wohnen. Noch rund 2000 Menschen arbeiten schichtweise am und im Kernkraftwerk, aber niemand ist dort solange am Stück wie Gerd Ludwig es war. Zu dem Personal gehören die Arbeiter im Kernkraftwerk, Wissenschaftler, medizinisches Personal, Verwaltung und Wachmannschaften, Verpflegungspersonal, Fahrer, Verkäufer in den fünf Läden in Tschernobyl, Dosimetristen, Wäschereibedienstete und mehr. Alle sind Pendler die in Schichten unterschiedlicher Länge arbeiten. Manche sind fünf Tage in der Zone und dann fünf  Tage zuhause außerhalb der Zone, andere haben 7/7-Schichten, und wieder andere 14/14. 

Vom Ende der Sperrzeit um 7 Uhr bis 20 Uhr durfte Gerd Ludwig sich in der verlassenen und verfallenden Region bewegen – noch vorsichtiger als früher schon. Bei früheren Reportagen waren Geigerzähler seine ständige Begleitung. Sie warnten vor Ecken, an denen es besonders strahlt. „Heute gibt es zwei Arten von Warnungen“, erzählt er: vor Radioaktivität und vor Landminen.  „Es kommt vor, das auf der einen Straßenseite ein Schild vor Strahlung warnt und auf der anderen eines vor Landminen, die russische Truppen vergraben haben.“ Trotzdem wagte Gerd Ludwig sich mit den ständigen Begleitern vorsichtig auf Flächen mit hüfthohem Gras, wenn sie besonders gute Fotos versprachen.

Fürsorge heute: In Buda Radinska, einem Dorf in unmittelbarer Nähe der Tschernobyl-Sperrzone, liefert eine Caritas-Vertreterin im Auftrag von Chernobyl Children International (CCI) humanitäre Hilfe für eine achtköpfige Familie. Foto: Gerd Ludwig

Ein erster Besuch platzte

Den Besuch im Reaktor hatten die Behörden für das Ende des Besuchs versprochen und hielten auch daran fest, obwohl der Fotograf um eine Vorverlegung des Termins bat. „Ich kenne das von früheren Besuchen in Russland“, erklärt er. So etwas wird gemacht, um einen Besuch zu verweigern, ohne das so direkt auszusprechen. Irgendetwas kommt in die Quere und – leider, leider – ist kein zweiter Termin mehr möglich. Die Behörden lehnten eine Verlegung ab, und prompt passierte, was Gerd Ludwig befürchtete: Er stand angeblich irrtümlich nicht auf der Besucherliste. Das könne man so schnell nicht korrigieren. Leider, leider sei kein zweiter Termin möglich.

Gerd Ludwig blieb nichts übrig, als erst einmal nach Kiew zu fahren und dort sein Reportage-Programm zu absolvieren, zu dem auch Treffen mit Veteranen der Katastrophe von 1986 gehörten. Er dokumentierte, wie es Liquidatoren geht, die damals unter Lebensgefahr halfen, den geborstenen Reaktor zu verschließen. Tausende sind bei der Arbeit oder kurz darauf gestorben.

Ein beträchtlicher Teil der Kundschaft der fünf Geschäfte in Tschernobyl sind Militärangehörige, die offen Waffen tragen, da Tschernobyl als Militärzone ausgewiesen ist. Foto: Gerd Ludwig

Mit Beharrlichkeit zum Reaktor

Der Fotograf bleib beharrlich, fragte immer wieder nach – auch bei der Betreibergesellschaft des Sarkophags in London – bis er doch die Erlaubnis zum Besuch des Reaktors erhielt. Das Problem: Dazu brauchte er auch die Erlaubnis, die 30 Kilometer vom Checkpoint Dytiatky an der Grenze der Sperrzone bis zum Reaktor zu fahren. Dieselbe Verwaltung, die ihm vorher den Aufenthalt genehmigt hatte, stellte diesmal auf stur: keine Durchfahrt! Mit ganz viel Verhandlungsgeschick beim Chef der Behörde bekam er doch noch kurzfristig die Erlaubnis, zum Besuchstermin die Sperrzone zu passieren – sogar mit Fahrer.

An einem Montag war es soweit: Wieder einmal betrat Gerd Ludwig die riesige Ruine der Katastrophe – die heute unter dem gigantischen Sarkophag aus Stahl verschwunden ist,. Dessen Ausmaße sind einzigartig: Es ist die weltweit größte bewegliche Metallstruktur, 108 Meter hoch, 162 Meter lang, 257 Meter breit und 36.000 Tonnen schwer. Die 1,5 Milliarden Euro teure Hülle wurde neben dem Reaktor aufgebaut und im November 2016 auf Schienen an Ort und Stelle gebracht. Zweck: Wenn der Reaktor abgebaut wird, soll die Hülle verhindern, dass aufgewirbelter Staub über das Land zieht.

Von Anstrengung gezeichnet: Gerd Ludwig muss beim Verlassen des Reaktors eine Schleuse passieren. Foto: privat

Eilige Fotos inmitten von großer Zerstörung

Dick in Schutzkleidung eingepackt, wurde er von fachkundigen Begleitern durch den Reaktor gelotst – oder eher: gejagt. „Ich hatte keine Zeit, mich näher umzuschauen.“ Die Dosimeter an der Kleidung gaben den Takt vor. „Es war ein einziges Feilschen um Minuten.“ Zwei Minuten gaben die Aufpasser ihm, um in jenem Raum Fotos zu machen, wo die Katastrophe physisch ihren Anfang nahm: der Turbinenhalle von Block 4. Dort gab es durch die Überhitzung des Kerns die erste große Explosion, die Wände zum Bersten brachte. In der Halle war Gerd Ludwig noch nicht gewesen. Seine Fotos zeigen pure Vernichtung durch Druck und Hitze, und die Fotos lassen ahnen, dass dort die Strahlung immer noch sehr hoch ist.

Am Ende war der Fotograf dann doch noch zufrieden mit seinem Werk. Mit Tausenden Fotos kehrte er nach Los Angeles zurück und plant nun, die besten zusammen mit einem Bericht auf verschiedene Art zu veröffentlichen. Auch sein Buch will er in einer vervollständigten Version noch einmal herausgeben. Wobei es für Menschen, die es bereits erstanden haben, ein kleineres Heft zum Einlegen geben soll. Eines ist nicht sicher: dass dies sein letzter Besuch in Tschernobyl war. Gerd Ludwig plant Jahre voraus und hat einiges vor.

von Axel Pries

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