
Waldspaziergang mit BUND Vogelsberg und Försterei Zell zum „Wald im Klimawandel“Alles anders im Wald von Ober-Gleen
OBER-GLEEN (ol). Im Zuge eines aufschlussreichen Waldspaziergangs betonten BUND Vogelsberg und Försterei Zell die zunehmenden Herausforderungen der Waldbewirtschaftung aufgrund des Klimawandels. Sie demonstrierten die Auswirkungen von Trockenheit und Schädlingsbefall auf verschiedene Baumarten und diskutierten Lösungsansätze zur Verbesserung der Situation.
„Wir entnehmen deutlich weniger Holz als früher“, resümierte Stephen Marx, Forstanwärter und davor 12 Jahre als Forstwirt tätig. Denn die Förster haben derzeit oft mehr Fragen als Antworten auf die Schwierigkeiten der Waldbewirtschaftung. Den Forstbesuchern, die auf Einladung des BUND Vogelsberg und der Försterei Zell nach Ober Gleen gekommen waren, zeigte der Mann aus der Praxis einige Problembereiche im Revier, so berichten BUND und Försterei in einer Pressemitteilung.
„Es hat uns überrollt!“ – Nach den Windwürfen der 80er Jahre bis 1990, als Fichtenbestände kaputt gingen, habe man auf die Eiche gesezt, so Karl-Heinz Zulauf, Vorgänger von Hermann Wilhelm im damaligen Forstamt Ober Gleen. „Die Eiche ist es – der Baum für’s nächste Jahrhundert!“ So dachte man 1990 und pflanzte auf zerstörten Nadelholzflächen junge Eichenbäume. Jetzt zeigte Stephen Marx am Klohberg die kümmerlichen Reste der 37 Jahre alten Eichenbäume. Der Eichenprachtkäfer hat ihnen den Garaus gemacht. Und der hatte leichtes Spiel – Monokultur auch bei den Eichen und ein sehr trockener Standort waren das Problem, wie es heißt. Den Eichenprachtkäfer gab es nämlich schon immer – die Schäden durch ihn hielten sich früher in engen Grenzen.
Auf der anderen Seite des Weges sahen die Waldbesucher intakte Pflanzungen mit Mischwald, auf der kahlen Fläche auch angeflogene Sämlinge von Kirsche und Elsbeere – ein keiner Hoffnungsschimmer, so die Experten.
Ein weiterer Standort – „Seifenhang“ und „Kaff“ – mit geschädigten Eschen machten auf ein anderes Problem aufmerksam: Hier sei die Globalisierung Auslöser für die Waldschäden gewesen. Eine Pilzart wurde aus Ostasien (wo er ins Ökosystem gehört und angepasst ist) 1992 durch Saatgut und Baumteile nach Polen eingeschleppt, so berichtete Hermann Wilhelm. Dieser Pilz breitet sich mit seinen Sporen über die Luft weiter aus. Nach 10 Jahren waren Eschen in Deutschland befallen, nach 20 Jahren bereits in ganz Europa, sogar auf den Britischen Inseln. Die Forstleute können dagegen aktiv gar nichts unternehmen. Sie hoffen darauf, dass sich Bäume herausbilden und selektieren, die gegen diesen Pilz resistent sind, heißt es.
Auch bei den Buchen seien Trockenheit und erhöhte Sonneneinstrahlung ursächlich für das Absterben eines 76 Jahre alten Bestandes am Mehlbacher Kopf gewesen. Hier spielten der trockene Südhang, Löcher im Kronenbereich und dadurch erhöhte direkte Sonnenbestrahlung eine Rolle, heißt es weiter. Denn die Buchen mit ihrer dünnen Rinde können Sonnenbrand bekommen, die Rinde fällt ab, Pilze bekommen Eintrittspforten. Auf der besuchten Fläche war eine Verjüngung zu beobachten: kleine Buchen hatten sich selbst ausgesät und waren angewurzelt. Aber: „Prognose unklar“ – meinten die Forstleute.
An den Standorten entwickelten sich heftige Diskussionen, um mögliche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation. Um mehr Feuchtigkeit im Waldboden zu halten, dafür sollen aktuell angelegte Rückhaltebecken im Gelände helfen. Ein Teilnehmer plädierte für das Belassen von Totholz, das noch Schatten bietet und beim Vermodern Feuchtigkeit im Waldboden hält. Monokulturen werden zukünftig auch bei Laubholz vermieden werden. Weniger Holzeinschlag helfe, Kronendächer dicht zu halten und die Sonneneinstrahlung zu reduzieren. So werde auch die Beschattung verbessert und das kühl-feuchte Waldklima erhalten.
Als Zukunftsbäume wurden von Stephen Marx die Pappel benannt, aber auch Wildbirne und Wildkirsche, Elsbeere, Winterlinde und Ahorn. Von exotischen Baumarten wurde eher abgeraten. Zu groß sei die Gefahr, dass weitere Schädlinge eingeschleppt werden. Ob Baumarten aus Südeuropa sich rasch genug anpassen können, sei nicht klar – Walnüsse und Edelkastanien seien durch Fröste in unseren Breiten gefährdet, sagte Förster Hermann Wilhelm, der zusammenfasste: „Unsere bisherigen Erfahrungen sind für die Katz’“ – die Klimaänderungen hätten zu nie geahnten Überraschungen und Schwierigkeiten geführt. Und man müsse weiter experimentieren, Dinge ausprobieren und neue Erfahrungen in der veränderten Situation machen. „Und ob wir in 30 Jahren immer noch wirtschaftliche Ziele im Forst verfolgen, ist nicht sicher. Vielleicht ist dann der Walderhalt die einzige Zielsetzung.“
Das Abschlussgrillen fand am idyllischen Himmelborn-Häuschen statt, das 1910 als Jagdhaus erbaut worden war und um 1980 restauriert und so der Nachwelt erhalten wurde, wie es hieß.
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