
Sanktionen gegen Russland, Lieferengpässe, hohe InflationWie die Weltlage der heimischen Wirtschaft zu schaffen macht
VOGELSBERG (jal). Es sind keine guten Zeiten für die heimische Wirtschaft. Teilweise ist es über Umwege der Krieg in der Ukraine, teilweise die Corona-Lockdowns in China, die Unternehmen auch im Vogelsberg belasten. Wir haben bei einigen von ihnen genauer nachgefragt.
Wenn Volker Ochs erzählt, wie es der Firma, die er leitet, die letzten zwei Jahre ergangen ist, dann wird deutlich, wie die eine Schwierigkeit zur anderen langsam dazu kam. Ochs hat die Geschäftsleitung des Garten- und Baumaschinenhandels Awema in Alsfeld inne – und er weiß noch genau an welchem Tag das Schlammassel für das Unternehmen begann: Am 17. März 2020, als die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen in Deutschland spürbar geworden sind. Von jetzt auf gleich musste der Markt für die private Kundschaft geschlossen werden, ehe dann Ausnahmen für den Garten- und Baumarktbereich die Lage für die Awema zwar etwas erleichterten – doch man habe schon gespürt, dass trotz der Ausnahmen weniger Laufkundschaft unterwegs gewesen sei, sagt Ochs.
Waren die Lager des Geschäfts 2020 mit vorbestellter Ware noch relativ gut gefüllt, traf die Awema ein Jahr später der Effekt der geschlossenen Fabriken und abgeschnittenen Lieferketten weltweit mit voller Wucht. Ochs selbst spricht von „enormen Lieferschwierigkeiten“, mit denen die Firma zu kämpfen gehabt habe.
Bei der Bewertung dieses Einschnitts muss man eines beachten: Die Awema ist ein Fachhandel für Profis, die für ihre handwerklichen Betriebe dort ihre Gerätschaften her beziehen. Grob geschätzt etwa 75 Prozent der Kunden kaufen geschäftlich bei der Awema ein. Der Händler hat also eine große Verantwortung. Kann ein Handwerker sein Werkzeug nicht ersetzen ist er entweder als Geschäftskunde weg, wenn nicht im schlimmsten Fall sogar sein eigener Betrieb wegen des fehlenden Werkzeugs nicht weiterlaufen kann. Man sei daher fast das ganze Jahr nur damit beschäftigt gewesen, für diese Kunden Alternativen zu gewünschten Produkten zu besorgen, sagt Ochs.
Und das ist gar nicht so einfach. Denn oftmals haben Handwerker ihre gesamten Werkzeuge auf eine Herstellerlinie ausgerichtet, um beispielsweise Akkus leicht unter den verschiedenen Werkzeugen hin und her tauschen zu können. Die Suche nach Alternativen für die Kunden hätte daher so viel Zeit gekostet, „dass wir nicht dazu gekommen sind, die Preiserhöhungen, die bei uns eingeschlagen sind, weiterzugeben“, erzählt Ochs.
2021 sei daher ein Jahr mit „wahnsinnig viel Arbeit“ und „Stress ohne Ende“, aber eben auch „ein Jahr ohne Früchte“ für das Unternehmen gewesen. Und wie reagieren die Kunden auf die Schwierigkeiten? Weil sie selbst die Probleme aus dem eigenen Geschäft kennen, hätten Geschäftskunden oftmals mehr Verständnis als Endkunden, wenn das gewünschte Werkzeug nicht zu liefern sei, sagt Ochs.
Endkunden sind „sehr verhalten“
Die Hoffnung auf eine Besserung nach der heißen Phase der Pandemie habe nun Putin mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine zunichte gemacht. Anfragen würden auf Eis gelegt, der Endkunde sei „sehr verhalten“, sagt Ochs. Andere Händlerkollegen aus dem Bundesgebiet würden dasselbe beobachten. Die Leute würden drauf achten, wofür sie jetzt ihr Geld ausgeben. Motorgeräte stehen bei vielen derzeit wohl eher an zweiter oder dritter Stelle, vermutet er – und verweist dabei auch auf die Inflation, die die Leute zum Sparen bewege.

Blick auf die Awema. Foto: ls
Hinzu kommen immer noch – oder schon wieder – Lieferschwierigkeiten. Nicht bei Nägeln und Schrauben, dafür aber bei Maschinen „Wir haben für einen Kommune ein Spindelrasenmäher bestellt, wo Parkanlagen mit gepflegt werden. Den haben wir bestellt im Juni ’21. Der kommt in ’23“, sagt Ochs. Sein Lachen, als er davon erzählt, unterstreicht wie absurd die Lage aus Sicht des Händlers ist. „Aber das machen Sie mal einer Kommune klar, die in der Saison jede Woche einmal damit mähen muss“, schiebt er nach. Normal sei etwa ein viertel bis maximal ein halbes Jahr Lieferzeit.
Wann wird sich die Lage denn wieder gefangen haben? Ochs sagt von sich selbst, er sei eher ein positiver Mensch. Doch nachdem der sich räuspert, antwortet er auf diese Frage: „Zu einem bis Anfang 2020 gekannten Normalitätsmodus werde ich vermutlich nicht mehr lebend zurückkommen.“ Ochs, 55, sagt dies auch mit Blick auf die Zerstörungen in der Ukraine. Denn obwohl das Land nicht in der EU ist werden dort enorm viele Zubehörteile für die europäische Industrie gefertigt, Kabelbäume und Platinen zum Beispiel. Es werde sehr, sehr lange dauern, bis sich die Lage auf diesen Märkten wieder eingependelt habe. Auch wenn es derzeit nicht allzu rosig aussehe, seien die gut 25 Mitarbeiter in Alsfeld im Schnitt positiv genug gestimmt, um als Team die Herausforderung zu meistern.
Lieferschwierigkeiten bei Modegeschäften
Herausforderungen kennt auch Daniel Vitt. Doch der Junior-Geschäftsführer des Alsfelder Modetreff Pabst betont, er sei kein negativer Mensch. Er wolle die Situation neutral bewerten und nicht als jemand wahrgenommen werden, der sich übermäßig beklagt. Doch mit eben diesem neutralen Blick ließe sich eben sagen, dass das Geschäft weiterhin mit unterbrochenen Lieferketten zu kämpfen habe. Grund dafür sind die Corona-Lockdowns, die es wieder in Asien gibt. Auch seien Container für Waren kaum zu bekommen. Der Krieg in der Ukraine spiele eine untergeordnete Rolle, auch wenn es in dem Land einige Textilfabriken gebe.
„Wir müssen länger als sonst auf gewisse Waren warten, aber die Regale sind nicht leer“, sagt Vitt zusammenfassend. Im Grunde habe sich seit dem vergangenen Jahr nicht viel für das Geschäft geändert, es habe weder ein deutlich spürbares Hoch durch die entspannte Corona-Lage gegeben, noch ein neues Tief wegen des Krieges oder den neuen Lockdowns in Asien. Und so schaut Vitt auch weiterhin nüchtern und dennoch positiv in die Zukunft. „Wir sind durch das vergangene Jahr durchgekommen und werden es auch dieses Jahr tun“, sagt er.
Steigende Zutatenpreise belasten die Bäcker
Seit mehr als 20 Jahren ist Udo Rahn im Bäcker-Business aktiv. Von seinen Eltern weiß er noch, was es für Einschnitte gab, als die Öl-Krise in den 70ern grassierte und es autofreie Sonntage gab. In der Wirtschaft geht es immer mal auf und wieder ab, doch die jetzige Lage sei schon besonders, sagt er. Rahn bekommt über Umwege vor allem die Folgen des Kriegs in der Ukraine zu spüren. Das Land wird gern als Kornkammer Europas bezeichnet, ist ein zentraler Weizenlieferant. Zumindest in Friedenszeiten.
„Unsere Mühle, mit der wir zusammenarbeiten, ist hier in der Region. Aber auch sie hat angekündigt, dass neue Preissteigerungen zeitnah folgen werden“, erzählt Rahn. Der Alsfelder Bäckermeister bekommt so zu spüren, wie eng die heutige Welt verknüpft ist. Denn durch die Preissteigerungen auf dem Weltmarkt wird auch das heimische Korn teurer. Und nun hat auch noch Indien, nach China der zweitgrößte Weizenproduzent der Welt, angekündigt, den Getreideexport stark einzuschränken, um die heimische Bevölkerung besser versorgen zu können. „Die letzte Preiserhöhung war knappe 20 Prozent, und wir gehen davon aus, dass nochmal ungefähr 20 Prozent hinzukommen, so Rahn.

Udo Rahn. Foto: Archiv/Stefanie Wittich/merciPhotography
Doch die Teuerung betreffe nicht nur den Weizen. „Was ich nicht nachvollziehen kann: Alle Milchprodukte werden unheimlich teuer. Butter, Sahne. Eier ebenfalls – also alles, was uns betrifft.“ Man komme daher nicht mehr drumherum, die Preissteigerungen an die Kunden weiterzugeben. „Momentan sagt eigentlich noch keiner ‚das leiste ich mir nicht mehr‘, aber es wird dann doch schonmal geschluckt“, erzählt der Bäcker.
Rahn macht sich nicht nur Sorgen um seine Zutaten, sondern auch um die Energie. Seine Öfen laufen mit Gas. Er habe sich neulich darum bemüht sicherzustellen, dass seine Bäckerei bei Gasknappheit weiter versorgt werde, weil sie ja der Ernährung der Bevölkerung diene. Dass seien alles Dinge, mit denen er sonst nie gedacht hätte, sich damit mal beschäftigen zu müssen, sagt Rahn, und erklärt, dass auch er eigentlich eher ein positiv gestimmter Mensch sei und daher zumindest hoffe, die Lage werde nicht noch schlimmer.
Finanzierung für Häuslebauer wird kniffliger
Recht zufrieden äußert sich hingegen Katrin Schmidt-Wagner, Geschäftsführerin bei Schmidt Hausbau aus Lauterbach. „Es kommt stellenweise bei einzelnen Produkten wie zum Beispiel Fenstern zu längeren Lieferzeiten, aber wir können wegen guter Vorplanung unsere Häuser ohne Verzögerungen bauen“, sagt die Chefin.
Besorgt schaut sie hingegen eher auf ihre Kunden. „Die Situation für die Bauherren wird in puncto Finanzierung schwieriger, da die Zinsen steigen und Förderungen teilweise ganz weggebrochen sind. Wer aber schon in frühen Jahren immer wieder Geld beiseite legen konnte, oder ein Grundstück aus der Familie mitbringt und dazu selber handwerklich nicht ganz ungeschickt ist, wird immer wieder Möglichkeiten finden, sich sein Traum vom Haus zu erfüllen oder was Gebrauchtes geschickt mit Fördermitteln umzubauen“, meint sie. Vielleicht falle das Eigenheim ein wenig kleiner und kompakter aus als ursprünglich erträumt, „aber am Ende geht es doch darum, dass jeder gut in seinem neuen Zuhause schlafen kann.“
Wichtig, aber nicht nur in diesen Tagen, sei sich mit Kunden, Partnerfirmen und Zuliefern immer auf Augenhöhe zu begegnen, dabei spiele Transparenz und Offenheit eine wichtige Rolle, „sodass am Ende des Tages jeder weiß, wo er dran ist, und dass er sich auf den anderen verlassen kann“.
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„Was ich nicht nachvollziehen kann: Alle Milchprodukte werden unheimlich teuer. Butter, Sahne. Eier ebenfalls – also alles, was uns betrifft.“ <– Die Energiepreise steigen, egal ob Strom, Benzin oder Gas, dazu noch die Inflation – die Preissteigerung wird dann zwangsweise weitergegeben.
In der Weltwirtschaft hängt eben alles mit allem zusammen. Das war aber schon immer so. Nur waren die Leidtragenden oft die anderen, sprich die ärmeren Länder in Osteuropa, in Afrika, in Vorder-, Mittel- und Südostasien. Probleme konnten mühelos in alle Welt exportiert werden: Plastikabfall, Elektroschrott, überwinternde Rentner und Sextouristen. Kriegerische Auseinandersetzungen, Pandemien, Fluchtwellen und Naturkatastrophen inkl. Ernteausfällen gab es nur in entfernten Regionen, „wo die Völker aufeinander schlagen“ oder das Klima im Jahreszyklus eh für böse Überraschungen sorgte. Erst kamen nur die Flüchtlinge, doch jetzt kommt das volle Programm auch zu uns. Da steppt der Bär nicht nur, sondern tanzt auf dem Vulkan und reitet auf der Rasierklinge. Da steckt man den Kopf am besten in den Sangria-Eimer oder Maßkrug. Feiern, feiern, feiern. Immerhin: Wer will, lernt jetzt, wie es den anderen immer schon gegangen ist.
Also, wenn ich mich selbst im Spiegel und viele Mitbürger in der Öffentlichkeit so ansehe, haben die meisten doch wenig Grund zum Jammern. Friss die Hälfte und tu damit was für deine Gesundheit! Und selbst wenn diese Hälfte jetzt teurer wird: Am Ende hat man sogar immer noch was gespart.