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Der Lauf des Lebens – Alte Dokumente bekannter Vogelsberger zeigen Veränderungen aufDie Geschichten zu Vogelsberger Führerscheinen

VOGELSBERGKREIS. Dieses Ding ist eine der beständigsten Eigenarten Deutschlands, hat damit über die Jahrzehnte alle Reformen und Form-Anpassungen überstanden: der deutsche Führerschein. Seit 1909 der erste „Lappen“ ausgegeben wurde, eint alle Modelle eine geradezu feudalistische Eigenart: Die Fahrerlaubnis gilt für das ganze Leben, es bedurfte der Einmischung Europas, dass diese eherne Regel 2013 geändert wurde. Irgendwie auch schade, denn auf altdeutsche Weise war das Führerschein-Dokument auch eine Art Zeugnis persönlicher Veränderung im Leben.

Danach gefragt, haben ein paar mittelalte und ältere Vogelsberger den alten „Lappen“ nochmal rausgerückt: meist ein reichlich verknittertes, graues oder rotes Teil, das so aussieht, als hätte es gerade ein oder zwei Waschmaschinen-Touren hinter sich. Hat es ja vielleicht auch. Der Begriff „Lappen“ bürgerte sich ein, weil die Dokumente einen großen Stoffanteil hatten, verrät Wikipedia – der hält wenigstens einen Waschgang aus.

Die Farben erzählen Bände. Rot bedeutet: mindestens 18 Jahre alt, und die Farbe Grau signalisiert: mindestens 30 Jahre – denn fast genau 30 Jahre ist es her, seit die ersten rosaroten Exemplare ausgegeben wurden. Das war die auffälligste Neuerung am 1. April 1986: der aufgeklappt fast DinA5 große Führerschein schrumpfte auf eine rosarote Größe, die mit zwei Faltungen zwar deutlich kleiner ausfiel, aber noch in kein Scheckkarten-Fach passte. Dafür war diese Ausführung bereits mehrsprachig – an der Kreation rührte die EU bereits mit.

Die aktuellste Variante im Format der Scheckkarte ist auch endlich aus Plastik und damit theoretisch am langlebigsten – gäbe es für neue Inhaber nicht die 15 Jahres-Regel. So werden sie wahrscheinlich nicht diesen Moment des vergnüglichen Erstaunens über sich selbst erleben, der sich einstellt, wenn honorige und bekannte Vogelsberger in die Brieftasche schauen: „Höhö – das war ich mal!“ Worauf zu dem „fremden“ Gesicht im Führerschein auch die eine oder andere Geschichte kommt. Geschichten vom Leben.

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Das Haar machte die dünne, aber das Lächeln blieb: Bürgermeister Stephan Paule heute und mit seinem Führerschein-Foto.


Stephan Paule: Mit dem frischen Führerschein zum Schulfest in Eifa

Alsfelds Bürgermeister Stephan Paule zum Beispiel braucht nicht lange überlegen. Mit 38 Jahren kann er sich an die ersten Tage als frischgebackener Führerscheininhaber gut erinnern. Damals, 1995, feierte die Albert-Schweitzer-Schule ihre Feste auch noch in der Turnhalle in Eifa. Und er erinnert sich noch, wie er an jenem November-Tag eine seiner ersten Autofahrten zu dem Fest unternahm. Das war kein Problem – auch alkoholtechnoisch nicht, lacht Alsfelds Rathauschef heute: „Ich hatte eh Dienst!“ Das Bild, das seither die bürgermeisterliche Fahrerlaubnis ziert, zeigt: Das Haar ist über die 20 Jahre lichter gerworden – das Lachen geblieben.

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Ausgestellt von der Mutter: Alsfelder Erster Stadtrat Jürgen Udo Pfeiffer mit seinem Führerschein von 1963.

An eine Besonderheit bei seinem Führerschein erinnert sich auch Alsfelds Erster Stadtrat Jürgen Udo Pfeiffer. Dieses mausgraue Teil erhielt er am 10. September 1963 wahrscheinlich mit einem ermahnenden Blick, die neu erworbenen Möglickeiten nicht wild auszuleben. Denn es war niemand geringerer, so erzählt er heute schmunzelnd, als die Mutter des späteren Gymnasiallehrers und Schulleiters, die dem jungen Mann das Dokument ausstellte.

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Jünger, schmaler, aber unverkennbar: Hombergs Bürgermeister Béla Dören heute und mit 16 auf seinem Führerscheinfoto.

Nur wenige Jahre später schickte sich auch Hombergs Bürgermeister Béla Dören an, seinen ersten Führerschein zu erwerben: fürs Moped. „Da war ich 16 und lebte noch in Bochum“, erzählt der 65-Jährige, während er aus dem Portemonnaie ein mehrfach gefaltetes Stück Papier zieht. Die erste Fahrerlaubnis wurde dann später fürs Auto nur umgeschrieben. So alt, wie das Dokument rüber kommt, so jung sieht Béla Dören auch aus auf dem geknitterten Foto darin – aber unverkennbar der heutige Rathauschef an der Ohm.


Rosie Mück: Die Oma half bei der Finanzierung

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20 Jahre alt und mit Afro-Look: Kiosk-Betreiberin Rosemarie Mück wollte damals unbedingt BMW fahren.

Wer Rosemarie Mück fragt, wie das war mit ihrem Führerschein, der bekommt eine ganze Geschichte erzählt. Den erwarb sie nämlich 1970 mit 20 Jahren, aber eigentlich hätte sie ihn gerne bereits mit 18 gemacht. Aber: „Mit 18 habe ich geheiratet, und dann war kein Geld dafür da.“ Ihre Großmutter unterstützte die junge Frau, die 670 D-Mark aufzubringen, die die Fahrschule damals kostete. Rosie Mück wählte mit Bedacht die Fahrschule Buhl in der Alicestraße aus: „Da lernte man das Fahren im BMW. Das wollte“, erzählt sie heute mit Schmunzeln. Das erste Auto war dann aber ein Minicooper. „Aber noch ein richtiger, diese ganz kleinen!“

Das Bild im Führerschein erzählt auch eine Geschichte: eine junge Frau mit dem 1970 modernen Afro-Look – ein Getürms von Haaren, bei dem man sich fragt, ob sie nicht ans Autodach gestoßen ist. „Nein!“, lacht Rosie Mück, die als Betreiberin des Kiosk am Roßmarkt längst zu einer Alsfelder Institution geworden ist. „So groß war das nicht. Und ich bin doch auch nicht so groß!“

Gerd Ludwig: ein „Führer-Schein“?

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Gereift: National Geografic-Fotograf Gerd Ludwig hielt vor 30 Jahren diesen „Lappen“ einem Cop hin und erntete Erstaunen: „Führer-Schein“?

Eine witzige Geschichte fällt Gerd Ludwig ein, während er beim Besuch in der OL-Redaktion seinen „Lappen“ aus der Brieftasche nestelt. Auch noch so ein altes, graues Teil – eines der letzten aus dem Jahr 1985 und doch schon ein Ersatz-Dokument für den 1970 ausgestellten Schein. So sah der gebürtige Alsfelder, der heute als Top-Fotograf in Los Angeles lebt, aber auf der ganzen Welt unterwegs ist, also aus, kurz bevor er in die USA übersiedelte – wegen der besseren Möglichkeiten in der Reportage-Fotografie: bartlos mit etwas wuscheligem Haar und energischem Blick.


Mit der german driving licence sei er noch lange in den Staaten unterwegs gewesen, erzählt Gerd Ludwig, der bei seinen vielen Atlantik-Überquerungen immer wieder mal auch in Alsfeld einschaut. „Den amerikanischen Führerschein habe ich erst spät gemacht“. Als Tourist dürfe man ja auch die deutsche Fahrerlaubnis nutzen – als Amerikaner aber nicht.

So war er auch ein bisschen nervös, als er einmal nach links abbog – gegen die Richtung einer Einbahnstraße – und prompt einer Polizeistreife fast auf den Kühler fuhr. Der Cop stieg aus, verlangte Papiere und las vom Deckblatt des deutschen Dokuments mit erstauntem Sturnrunzeln: „Führer-Schein…?“ Das Wort konnte er offenbar lesen, lacht der vielfach ausgezeichnete Fotograf. „Ich habe so getan, als könnte ich kaum ein Wort Amerikanisch, damit er mich gehen lässt.“ Er durfte seiner Wege ziehen.

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Ältester Führerscheininhaber in der Runde: Helmar Bünnecke heute und wie man ihn damals als Betreiber der Columbus-Bat kannte.

Den ältesten Führerschein legte für dieses Geschichte der Alsfelder Buchhhändler Helmar Bünnecke auf den Tisch – wenngleich nicht das älteste Dokument. Das stammt von 1974, und der Herr auf dem Foto, ist der, an den sich ältere Alsfelder noch aus der Columbus-Bar erinnern könnten: Die Kultbar hatte er Anfang der Siebziger mit unterhalten. Schon da mit zurückgewichenem Haar – aber unverkennbar dem gleichen Ausdruck. Und wer Helmar Bünnecke heute durch die Stadt laufen oder erst recht in seinem Buch 2000 sieht, der kommt nicht darauf, dass er demnächst 80 Jahre alt wird.

Lauterbacher Bürgermeister mit Führerschein aus Alsfeld

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Lauterbacher von Kopf bis Fuß – mit einem Führerschein aus Alsfeld: Bürgermeister Rainer Hans Vollmöller.


Ganze 18 Jahre ist auch ein weiterer Vogelsberger Bürgermeister auf dem Bild seines Führerscheins: Lauterbachs Rathauschef Rainer Hans Vollmöller. Das war 1975, und da umwallt sein Haar das jugendliche Haupt auch noch etwas großzügiger. Die Jugend erlaubte es, die Mode wünschte, dass die Frisur auch bei einem so bodenständigen Menschen wie Rainer Hans Vollmöller den oberen Rand der Ohren nicht ganz frei ließ. Wer einmal auf die andere Seite des grauen Führerschein-Dokuments schaut, erkennt ein Detail, dass den jungen Mann damals vielleicht ein wenig gestört haben könnte. Denn Lauterbach war da im Streit um den Kreisstadt-Titel gerade als Sieger hervorgegangen, und Vollmöller legt dort eine rekordverdächtige Amtszeit als Bürgermeister hin. Sein Führerschein aber wurde im Januar 1975 in Alsfeld ausgestellt.

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Damals noch Fernfahrer: Hans Braun mit seinem Führerschein von 1986.

Wie doch den Zeit wirkt. 1986 bekam der Alsfelder Gastwirt Hans Braun ein Ersatz-Dokument für den 1974 ausgestellten Führerschein. Und der Mann auf dem Foto darin hat Schnurrbart und Augen gleich, aber mit den Jahren an Charisma deutlich zugelegt. „Da war ich noch knackig“, lacht Hans Braun, der viele Jahre als Fernfahrer auf den Autobahnen zuhause war und auf Zuruf locker eine halbe Stunde Asphalt-Abenteuer erzählen kann. Heute ist er froh, diesen Beruf nicht mehr auszuüben. Aber im Weinkeller „Zum Brünnchen“: Da kann man jederzeit fragen, wie das war, damals im Hamburger Hafen.

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Oh, Gott, wie schmal! OL-Inhaber und Redakteur Axel Pries im Jahr 1990 im Harz und (fast) heute.

Und selbst? Das Dokument, das ich in der Brieftasche habe, ist auch schon ein Ersatz für das 1981 ausgestellte Original – zehn Tage nach dem 18. Geburtstag. Es hatte sich irgendwann von Ostsee-Wasser aufgeweicht in seine Fasern aufgelöst. Der Ersatz, den die Polizei nach einer Kontrolle ultimativ verlangte, zeigt den jungen Axel Pries 1990 zur Zeit seiner ersten Redakteursstelle im Harz, halb so alt wie heute. Und sichtlich halb so knitterig, halb so schwer. Aber vielleicht auch nicht mehr so kantig. Wie das Leben so schreibt.


Von Axel Pries