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Südkoreanischer Pianist überzeugt bei „Weltklassik am Klavier“ mit Virtuosität und AusdruckskraftGichang Lee begeistert mit „Appassionata“ im Melchiorsgrund

SCHWALMTAL (ol). Der südkoreanische Pianist Gichang Lee gastierte im Melchiorsgrund und beeindruckte mit einem vielseitigen Programm von Bach bis Liszt. Dabei verband er technische Brillanz mit großer musikalischer Tiefe. Besonders seine Interpretation von Beethovens „Appassionata“ bildete den emotionalen Höhepunkt des Abends. Das Konzert zeigte einen Künstler, der zu den vielversprechenden Talenten der internationalen Klassikszene zählt.

Der südkoreanische Ausnahmepianist Gichang Lee gastierte im Rahmen der renommierten Konzertreihe „Weltklassik am Klavier“ im intimen Ambiente des Theatersaals im Melchiorsgrund. Unter dem verheißungsvollen Titel „Appassionata ‒ und Erinnerungen an Norma!“ bot der junge Virtuose ein Programm, das von der barocken Klarheit Johann Sebastian Bachs über die Wiener Klassik bis hin zu den romantischen Eruptionen von Frédéric Chopin, Ludwig van Beethoven und Franz Liszt reichte, so heißt es in der Pressemitteilung von Weltklassik am Klavier.

Ein musikalischer Werdegang von Seoul nach Salzburg und Essen

Gichang Lee, Jahrgang 1998, gehört zu einer aufstrebenden Generation südkoreanischer Pianisten, die technische Brillanz mit bemerkenswerter musikalischer Reife verbinden. Seine Ausbildung begann an der Yewon Arts School und der Seoul Arts High School, den Kaderschmieden für musikalische Hochbegabungen in Südkorea. Dort fiel er bereits früh als „Prodigy“ (Wunderkind) auf und debütierte 2013 in der renommierten Kumho Art Hall in Seoul. Sein Bachelor-Studium absolvierte er mit Auszeichnung an der Korea National University of Arts bei Prof. Minsoo Sohn, bevor es ihn nach Europa zog.

An der Universität Mozarteum in Salzburg verfeinerte er sein Spiel bei Prof. Pietro De Maria und schloss 2025 sein Masterstudium ab. Seit Oktober 2025 bereitet er sich an der Folkwang Universität der Künste in Essen bei Prof. Evgeni Bozhanov auf sein Konzertexamen vor. Dieser paneuropäische Feinschliff war an diesem Konzertabend deutlich spürbar: Lee vereint die technische Präzision der asiatischen Schule mit dem tiefen Verständnis für die europäische Klangtradition.

Erster Teil: Von barocker Architektur zu romantischem Esprit

Der Konzertabend eröffnete mit Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge Nr. 14 in fis-Moll, BWV 883 aus dem zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers. Lee näherte
sich diesem kontrapunktischen Meisterwerk mit einer bemerkenswerten Klarheit. Die verschlungenen Linien der Fuge wurden nicht als bloße Fingerübung präsentiert, sondern als atmende, dynamische Architektur. Wie im Programmheft treffend formuliert, fungierte dieses Werk als „Aperitif“, der die Sinne des Publikums schärfte.

Nahtlos ging es über zu Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate Nr. 9 in D-Dur, KV

311. Hier bewies Lee sein Gespür für die „typische Reinheit und Plastizität“ Mozarts. Sein Anschlag war perlend, die Phrasierungen elegant und nie überladen. Das Publikum erlebte einen hochkonzentrierten Pianisten, der in sich ruht und dem feinen Blüthner Flügel die ganze klangliche Transparenz entlockte.

Den fulminanten Abschluss der ersten Konzerthälfte bildete Frédéric Chopins Scherzo Nr. 2 in h-Moll, op. 31. Hier durfte Lee erstmals seine romantische Ader ausspielen. Die markanten Frage-und-Antwort-Motive zu Beginn wurden mit dramatischem Nachdruck gestaltet, während die lyrischen Passagen in einer weichen, fast schwebenden Melancholie badeten. Lee (ver)neigte sich tief über die Tasten, sein ganzer Körper atmete den Rhythmus der Musik, ohne jedoch in theatralische Übertreibung zu verfallen.

Zweiter Teil: Entfesselte Leidenschaft und virtuoser Rausch

Nach der Pause widmete sich Lee zwei Titanen der Klavierliteratur. Ludwig vanBeethovens Klaviersonate Nr. 23 in f-Moll, op. 57, weithin bekannt als „Appassionata“, bildete das emotionale Zentrum des Abends. Lee interpretierte das Werk exakt so, wie es der Titel verspricht: leidenschaftlich, erhaben und stellenweise geradezu eruptiv. Die extremen dynamischen Kontraste der Sonate ‒ vom kaum hörbaren Pianissimo bis zum donnernden Fortissimo ‒ lotete er gut dosiert aus – wir sahen einen entfesselten Musiker, dessen Hände über die Tastatur fliegen, während er die strukturelle Kontrolle über Beethovens komplexe Form stets behielt.

Den krönenden Abschluss bildete Franz Liszts Réminiscences de Norma, S. 394. DieseOpernparaphrase über Themen von Vincenzo Bellini gilt als einer der anspruchsvollsten Prüfsteine der Klavierliteratur. Lee, der diese Komposition bereits bei den Vorauswahlen zum Busoni-Wettbewerb 2024 in Wien spielte, beherrscht das Werk meisterhaft. Er verwandelte den Flügel in ein ganzes Orchester und ließ Bellinis Belcanto-Melodien über einem wahren Feuerwerk an Arpeggien, Oktavgängen und Tremoli erstrahlen. Die Bravour, mit der er die extremen technischen Hürden meisterte, war atemberaubend und zeugte von einer pianistischen Souveränität, die
ihresgleichen sucht.
Fazit

Gichang Lee hat mit diesem Rezital eindrucksvoll bewiesen, dass er nicht nur eintechnischer Virtuose, sondern ein tiefgründiger musikalischer Erzähler ist. SeineFähigkeit, die stilistischen Eigenheiten von Bach, Mozart, Chopin, Beethoven und Liszt so trennscharf und doch mit einer durchgehenden persönlichen Handschrift zu interpretieren, zeugt von seiner großen Klasse. Der Weg dieses jungen Pianisten, der bereits so viele internationale Auszeichnungen sammeln konnte, wird zweifellos noch auf viele der ganz großen Bühnen dieser Welt führen. Ein weiterer unvergesslicher Abend im Melchiorsgrund.

Das nächste Konzert ist am Sonntag, den 10. Mai um 17.00 Uhr: „Weltklassik am Klavier – Zwischen Traum und Wahrheit: Chopin – und Liszts berühmte Sonate!“ – Seunglee Yang. Reservierungen sind unter Tel.: 0151-125 855 27 oder per Email unter: info@weltklassik.de möglich.

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