
„Minus 2/3“: Ein neues Buch zeigt, wie Gerd Ludwig das Blitzgerät virtous einsetztMeisterhaft mit dem unsichtbaren Blitz
Was macht ein gutes Foto aus? Bildschärfe? Motiv? Lichtstimmung? Da gibt es viele Antworten. Einig sind sich ambitionierte Fotografen in einem Punkt: Gebündeltes, frontales Blitzlicht zerstört häufig das Motiv – weshalb man es gerne zerstreut. Einer, der sich meisterhaft auf raffinierten Blitzeinsatz versteht, ist Gerd Ludwig, Top-Fotograf von National Geografic mit Wurzeln in Alsfeld. Er hat ein Buch herausgebracht, in dem er seine Technik darstellt: „Minus 2/3.“ Es geht um den „unsichtbaren Blitz“. Zumindest mit Vorwissen ist es sehr lehrreich.
Der Titel klingt für Laien kryptisch, enthält aber schon eine Botschaft: Gerd Ludwig stellt nämlich die TTL-Steuerung seines Blitzes häufig auf den EV-Wert minus 2/3, damit er jene Flächen, die er beleuchtet, nicht voll aufhellt, sondern ein wenig dunkler lässt – und dem Umlicht auch noch Einwirkung ermöglicht. Das ist verkürzt, klingt für Laien wahrscheinlich noch kryptischer, und so sei einer Betrachtung des Werkes vorausgeschickt: Wer anhand der Erläuterungen die Machart von Gerd Ludwig nachahmen möchte, sollte wissen, was TTL-Steuerung oder entfesseltes Blitzen ist, einen Systemblitz mit schwenkbarem Kopf besitzen und am besten auch etwas Ahnung über das Zustandekommen eines Fotos in einer Kamera mitbringen. Mit diesen Voraussetzungen sind die zahlreichen Beispiele spannend und lehrreich. Für andere Leser ist „Minus 2/3“ vor allem eine relativ großformatige Sammlung wunderbarer Bilder des Fotografen, der sich mit zahlreichen Auszeichnungen in den USA und dem Erich-Salomon-Preis – der höchsten deutschen Fotografen-Auszeichnung – schmücken kann.

Abendliche Szene auf dem Roten Platz in Moskau – von Gerd Ludwig effektvoll in Szene gesetzt. Dieses Foto auf dem Buchdeckel ist bereits ein Beispiel für die besondere Technik des Fotografen.
Gerd Ludwig hat für deutsche Magazine, aber vor allem fürs amerikanische National Geografic über Jahrzehnte Foto-Reportagen so aufwendig wie Feldzüge durchlebt – ganz viele in Russland. Das waren Wochen und Monate mit der Kamera in sibirischen Ölfeldern, in der Transibirischen Eisenbahn, unter russischen Gläubigen, ukrainischen Tataren ebenso wie in Moskauer Diskotheken und Bordellen. Ein Husarenstück brachte ihm internationale Ehrungen ein: Der gebürtige Alsfelder drang tiefer in den Katastrophen-Reaktor von Tschernobyl ein, als je ein westlicher Fotograf vor ihm. Die Aussicht auf Strahlung ließ auch seinen treuen russischen Assistenten streiken, aber Ludwig brachte ein Bild von jenem Steuerpult mit, an dem einst die verhängnisvollen Befehle gegeben wurden.

Eine Straßenparty in den USA. Wo leuchtet der Blitz? Hier ist das Licht auf den Hintergrund gerichtet.
Was alle seine Bilder eint: Nur das geübte Auge erkennt, wann der Fotograf einen Blitz einsetzte und wann er dem „available Light“ vertraute – und oft erkennt das nicht einmal der Profi. Weil Ludwig das Blitzlicht, seit er Ende der achtziger Jahre zum ersten Mal mit der modernen TTL-Steuerung in Berührung kam, höchst virtuos einsetzt. TTL steht für „through the lens“ und ist eine wirksame Hilfe, aber nur so hilfreich wie ein Lenkrad am Auto. Was der Fahrer damit macht, bedeutet den Meister. In dem Buch „minus 2/3“ lässt sich nachlesen und anhand von Piktogrammen nachvollziehen: Gerd Ludwig lässt den Blitz eher selten auf der Kamera – und noch seltener geradeaus blitzen, noch dazu mit seinem normalen Weißlicht.

Gerd Ludwig zu Besuch bei Axel Pries im Oberhessen-live Büro vor knapp zwei Jahren
Nein, der Meister stellt anschaulich dar, bei welchen Bildern er das Blitzgerät entfesselt vom Assistenten aus einsetzt, wann es an die Decke oder die seitliche Wand strahlt oder zum Teil auf das Hauptmotiv. Dafür besteht „minus 2/3“ nach einer Einleitung eigentlich fast ausschließlich aus Bilderseiten, die eine Vielzahl Einsatzmöglichkeiten aufzeigen. Auch für geübte Fotografen sind die Einsätze von Farbfolien eine interessante Anregung. Wenn Gerd Ludwig nämlich in der Moskauer Schwulendisko loslegt, dann ahmt sein Blitz auch farblich das Licht nach, das schon vorhanden ist. Das Ergebnis beeindruckt: ein stimmungsvoll belichtetes, im Hauptmotiv knackscharfes Foto – dem nicht anzusehen ist, dass Blitzeinsatz dahinter steckt. Ebenso wenig wie bei dem Mütterchen, das in der Todeszone Tschernobyls dem Fotografen ein runzeliges Gesicht entgegen streckt, oder bei dem russischen Priester, dessen Gesicht aus dem Halbdunkel leuchtet – nur das Gesicht. Manchmal, so schreibt er, hat er seinen Blitz auch nur manuell eingesetzt, weil eben manchmal nur der Fotograf weiß, wie das Bild aussehen soll.

In einer Moskauer Schwulendisko: Hier setzte Ludwig alles ein: seitliches Licht, das auch noch blau gefärbt ist.
Unter dem Strich: „Minus 2/3“ kann Anregung und Anleitung für Amateur-Fotografen sein, die mehr aus ihren Bildern machen wollen, und es ist ein schönes Fotobuch. Was Gerd Ludwig aber nur knapp am Rande erwähnt, ist die zweite Hälfte der Lichtmalerei bei ihm. Die wirkungsvolle Kombination aus raffiniertem Blitz- und Umgebungslicht ist nämlich auch eine kleine Wissenschaft und könnte Bücher füllen. Vielleicht holt der Meister das ja noch nach.
(„Minus 2/3“ – dpunkt.verlag / ISBN 978-3-86490-365-6 / 209 Seiten, circa 200 Fotos / für 39,90 Euro im Buchhandel)
von Axel Pries
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