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Zehn Jahre „Der Vulkan lässt lesen“ - Ein Abend, der zum Nach- und Umdenken anregtStreitschrift „Israel ist an allem schuld!“

ALSFELD (ls). Ein Buch, das keine reine wissenschaftliche Abhandlung von Fakten, sondern mit Emotionen realer Geschichten und viel Leidenschaft geschrieben ist. Ein Buch, das zu Diskussionen anregen soll: „Israel ist an allem schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird“. Darum geht es in der Streitschrift der Autoren Georg M. Hafner und Esther Schapira , die im Rahmen der Reihe „Der Vulkan lässt lesen“ am vergangenen Freitag im Alsfelder Marktcafé vorgestellt und diskutiert wurde. 

Freitagabend 20 Uhr: Das Marktcafé in Alsfeld füllte sich fast gänzlich mit Interessierten. Das Thema und die entscheidenden Fragen dabei: „Warum polarisiert der erst 1948 gegründete Staat so sehr?“ und „Warum wird der Judenstaat so gehasst?“, aktueller und bewegender denn je. Eigentlich wollten die Autoren ein „Schwarzbuch Antisemitismus“ schreiben, doch der Gaza-Krieg veränderte alles.

Der Journalist Georg M. Hafner studierte Germanistik und Kunstgeschichte und wurde nach seinem Studium zum Dr. phil promoviert. Bis 2012 war er Abteilungsleiter der Redaktion „Politik und Gesellschaft“ beim HR-Fernsehen und Kommentator der ARD-Tagesthemen. Derzeit lebt er als freier Autor und Publizist in Frankfurt. Zusammen mit seiner Kollegin Esther Schapira, ist er Träger der „Buber-Rosenzweig-Medaille“ der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit. Schapira studierte Germanistik, Anglistik sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und ist derzeit Abteilungsleiterin für Politik und Gesellschaft beim Hessischen Rundfunk und dort Ressortleiterin der Abteilung Zeitgeschichte. Das 2015 erschienene Werk „Israel ist an allem schuld“ ist nicht die erste Zusammenarbeit der Beiden.

Eine Dämonisierung, die nichts mit der Realität zu tun hat

Sommer 2014 in Deutschland: Wieder einmal wird demonstriert. „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ stand dort auf Schildern geschrieben. „Wo liegt die Grenze zwischen Antisemitismus und Kritik?“  – eine von vielen Fragen, die Schapira und Hafner in ihrem Buch zu ergründen versuchen.

Beide Autoren sind sich darüber einige, dass eine allgemeine Kritik an der Politik Israels vollkommen zulässig ist, dass allerdings die Grenze zum Antisemitismus sehr schmal sei. „Ob eine Kritik antisemitisch ist oder nicht, ist nicht so ganz einfach zu beantworten. Wenn ein Kritiker sich allerdings über andere Menschenrechtsverletzungen in der Welt nicht interessiert, aber bei Israel eine Leidenschaft entsteht, dann ist das schon ein Anlass nachzufragen: Woher kommt der heftige Gefühlswall?“, so die Autoren.

Schapira ist Halbjüdin und somit auf eine andere Weise involviert. Sie selbst hält beispielsweise von dem Siedlungsbau nichts und er erschwere das Problem einer Friedenslösung vermehrt, allerdings sei sie dabei in der Lage sich politisch zu äußern. Aussagen wie „Israel ist schlimmer als die Nazis“ beurteilt sie allerdings als antisemitisch, da hier eine Dämonisierung entstehe, die nichts mehr mit der Realität zu tun habe.

Das Marktcafé in Alsfeld freute sich über zahlreiche interessierte sowie diskussionsfreudige Besucher zu der Lesung.


Das Marktcafé in Alsfeld freute sich über zahlreiche interessierte sowie diskussionsfreudige Besucher zu der Lesung.

Kritiken großer Zeitungen blieben bisher aus

Neben den Ereignissen im Sommer 2014 werden in dem vorgestellten Buch auch intellektuelle und politische Eliten betrachtet und immer wieder durch einzeln eingeschobene Kapitel aufgelockert. Dabei wird die emotionale Seite dieses Buches durch Besuche bei Juden oder Israelkennern beleuchtet. Eine wichtige Rolle spiele dabei das Kapitel über die Medien, so Schapira und Hafner. Dieses Kapitel scheint auch der Grund zu sein, weshalb sie bis heute noch nicht viele Kritiken von großen Zeitungen bekommen haben – vor allem nicht von Zeitungen, die sie selbst kritisieren. „Das ist naheliegend“, schmunzelt Hafner.

Die Reaktion der Öffentlichkeit auf ihr Buch sei ähnlich verhalten, wie das des privaten Umfelds, berichten die Autoren an dem Abend im Marktcafé. Echte Freundschaften seien dabei allerdings nicht zerbrochen, jedoch bestehe Hafner vor einer Diskussion über Israel darauf, dass das Buch gelesen wird. Schapira tröstete mit der Aussage, dass es kein weiteres Thema gäbe, bei dem die Schnittmenge, egal ob positiv oder negativ, so groß ist.

Achtung Verwechslungsgefahr!

Im Verlauf der regen Diskussion im Anschluss an die Lesung wurde besonders über die Emotionalität der Deutschen sobald es um Israel geht, gesprochen. Der Entlastungsausspruch, der hinter vielen Hassparolen und Anschuldigungen steckt, verweist auf die Schuld der Deutschen, darüber sind sich alle einig: „Wir entlasten uns durch eine Kritik an Israel, da in jeder Emotionalität ein Stück deutsche Geschichte steckt.“

Ein interessanter Gedanke, der an diesen Abend im Raum steht und auf den Schapira eine abschließende Antwort für die Zuhörer bereit hielt: „Ja, ganz klar. Allerdings geht es dabei um die Juden und nicht um den Staat Israel und das muss man ganz klar unterscheiden. Das schlechte Gewissen zeigt aber umso mehr, dass es dabei nicht um die Politik und den Staat Israel geht, sondern um sich selbst. Das ist genau das, womit wir uns im Buch auseinandergesetzt haben.“ Es wäre nach Schapira sehr viel wert, wenn Leute sich damit auseinandersetzen und sich Gedanken machen. Eine Diskussion würde dann endlich sachlich werden und man kann vernünftig darüber reden. Einen Appell, den sich wohl viele Gäste zu Herzen genommen haben, denn fast alle haben vor dem Nachhausegehen sich das Buch mitgenommen.

Zur Buchrezesion: „Wenn es um Israel geht, bin ich befangen.“