Gerade erneuert, aber fehlerhaft: die B254 zwischen Reuters und Maar, hier mit Blick von der Kuppe auf Maar. In der Tele-Verdichtung werden die Welle am rechten Seitenstreifen sichtbar. Fotos: aep

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Tausende Autofahrer spüren täglich: Bei Maar stimmt etwas nicht mit der B254 – Klärendes Gespräch mit Hessen Mobil: warum? Und wer haftet?Die Wellen sind ein Fehler, den es nicht gibt

LAUTERBACH/SCHOTTEN. Die zwei Kilometer Bundesstraße 254 zwischen Lauterbach-Reuters und -Maar haben unter Autofahrern längst Berühmtheit erlangt. In sanften Wellen werden Fahrzeug und Insassen dort gewogen: Der Asphalt ist wellig – und dabei erst in diesem Sommer völlig erneuert worden. Wie kann so etwas passieren? Die zuständige Straßenbaubehörde HessenMobil stimmt einem klärenden Gespräch zu und räumt ein: Das ist etwas schief gegangen, aber dieser Fehler ist schwer fassbar und könnte noch zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führen.

 

Ein Rückblick: Mehrere Monate im Sommer war die täglich von knapp 7000 Fahrzeugen, darunter knapp 800 Lastwagen, befahrene Verbindung zwischen Alsfeld und Lauterbach gekappt, weil die Fahrbahn zwischen Maar und Reuters saniert wurde. 720.000 Euro kostete die Baumaßnahme. Aber als die B254 im September wieder frei gegeben wurde, staunten die Nutzer nicht schlecht: Deutlich spürbar hebt und senkt sich das Fahrzeug alle 30 bis 40 Meter (Oberhessen-live berichtete bereits). Und Hessen Mobil versichert auf Anfrage: Eine Abnahme der Baumaßnahme sei auch noch nicht erfolgt. Behörde und Baufirma seien im Gespräch über einen Fehler.

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Gespräch in Schotten: (v.l.) Cornelia Höhl, Daniela Czirjak, Günter Herles und Peter Wöbbeking.

Im Gespräch mit Oberhessen-live gibt es jetzt von HessenMobil erstmals eine Erklärung, was möglicherweise bei den Bauarbeiten passiert ist, und warum es so schwer ist, der ausführenden Baufirma Eurovia überhaupt einen Fehler nachzuweisen, der eigentlich offensichtlich scheint.

Gespräch mit Vertretern von Hessen Mobil

Im Verwaltungsgebäude von HessenMobil in Schotten sind die Gesprächspartner auf den Pressebesuch gut vorbereitet: Der zuständige Teamleiter Günter Herles sitzt mit am Tisch, als Vertreterinnen der Öffentlichkeitsabteilung Daniela Czirjak und Cornelia Höhl, und auch der Bevollmächtigte Peter Wöbbeking. Teamleiter Günter Herles zieht ein Blatt Papier hervor, auf dem die Skizze eines Geräts zu erkennen ist: ein Planograf. Auf den kommt es an.

So ein Planograf werde bei der Technischen Prüfung verwendet, erklärt er, um die Ebenheit einer Straßenoberfläche zu messen. Diese Richtlatte auf Rädern rollt über die neue Fahrbahn und misst dabei anhand unterschiedlicher Abstände zur Oberfläche die Welligkeit des Asphalts. Die Toleranzgrenzen dabei seien durchaus eng gesetzt, meint Günter Herles: Ganze vier bis zehn Millimeter dürften die Ist-Werte vom Soll abweichen. Da käme manches Maurerwerk im Hochbau nicht mit – und das mit einem vergleichsweise groben Werkstoff. So ein Planungsgraf findet die üblichen Unebenheiten: kurze Hubbel, die von Autofahrern in der Praxis meist gar nicht bemerkt werden, entstanden zum Beispiel durch kurzes Stocken des Schwarzdeckenfertiger beim Auftragen des Asphalts. „So etwas finden Sie überall!“

Der Planograf erfasst diese Bodenunebenheit nicht

Aber ein Phänomen wie die Wellenform der B254 ist eher rar, und auch Günter Herles fällt nur ein weiteres Beispiel in der Region Mittelhessen ein: auf der A5 nahe der Abfahrt Fernwald, wo vor Jahren ungleichmäßiger stellenweise wieder abgefräst werden musste. Die Wellen rutschten denn auch unerkannt durch die Prüfmethode mit dem Planograf. Denn dieses Gerät ist nur vier Meter lang und erfasst die Amplitude der 30 Meter langen Abweichungen gar nicht. Um diese Wellen zu bemerken, muss man sie spüren beim Überfahren. Sie seien auch erst optisch erst durch die weißen Begrenzungslinien aufgefallen.

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Schwieriger Nachweis eines offensichtlichen Fehlers: Günter Herles und Peter Wöbbeking.

Aber wer sich auf den Parkplatz oben an der B254 stellt und zuschaut, erkennt auch die deutliche Wippbewegung der Fahrzeuge bei der Annäherung. Darin steckt offenbar mehr Problem als nur mögliche Seekrankheit: Was im Auto als eine leichte Bewegung spürbar ist, soll zum Beispiel für Tanklaster durchaus problematisch sein, versichert jemand aus dem Umfeld des Projektes. Die flüssige Ladung schaukelt sich auf, das Gefährt könnte instabil werden.

Drei mögliche Fehler führten zur Wellenform

Für die Entstehung der Bundesstraßen-Welle gibt es drei Theorien, erzählen die Vertreter von Hessen Mobil. Der Eingriff: Jemand hat, möglicherweise beim hektischen Versuch, Fehler auszugleichen, immer wieder in die Nivellierung der Bohle eingegriffen, die die Asphaltstärke beim Auftragen festlegt. Diese Eingriffe, die sich erst mehrere Meter später bemerkbar machen, führten zu der Unregelmäßigkeit. Die Anlieferung: Der Asphalt ist mehrfach unregelmäßig in den Fertiger nachgekippt worden, möglicherweise sogar durch ungeschickt rangierende Fahrer. Dann muss der Fertiger halten, und auch das führe zu einer ungleichmäßigen Oberfläche. Die Technik: Letztlich könnte technischer Verschleiß der Förderschnecken zu den Unregelmäßigkeiten geführt haben. „Es gibt genug Stellschrauben, durch die Fehler auftreten können“, sagt der Teamleiter.

Fehlernachweis „mit normalen Prüfverfahren nicht möglich“

In jedem Fall: Das ist nicht in Ordnung, befindet man bei Hessen Mobil, wenngleich es „ein außergewöhnlicher Fall sei“, wie der Bevollmächtigte Peter Wöbbeking feststellt. Tatsache ist: Die übliche Abnahme der Baumaßnahme fand nicht statt. Stattdessen einigte man sich mit der Baufirma darauf, die Bundesstraße erst einmal freizugeben, damit das Provisorium der Umleitungen beendet werden kann. Seither werde mit dem Unternehmen Eurovia verhandelt.

Das Problem für Hessen Mobil als Auftraggeber: So ein Fall ist nicht vorgesehen. Der Nachweis des Fehlers sei „mit normalen Prüfverfahren nicht möglich“, wie Peter Wöbbeking zusammen fasst – nämlich mit dem Planografen. Die Richtlinien geben diesen Fall nicht her. Und ebenfalls kaum möglich sei, diese Unebenheiten technisch zu bereinigen – außer durch einen völligen Neubau.

Dass jeden Tag Tausende Auto- und Lastwagenfahrer etwas spüren, das nicht da sein sollte, reicht jedenfalls offenbar nicht als Nachweis für einen Fehler. So sieht man das anscheinend auch bei Eurovia, ergibt eine Nachfrage. Es laufen noch Verhandlungen mit der Baubehörde, erklärt ein Pressesprecher. Ansicht der Firma sei jedenfalls: „Die Wellen bewegen sich in der Toleranz“, deswegen könnten seitens der Behörde keine Abzüge gemacht werden.

So wird wohl noch eine Weile weiter verhandelt: Wann ist eine Welle eine Unebenheit? Zunächst noch auf der Ebene der Ingenieure, erklärt der HessenMobil-Chef Wöbbeking. Aber es könnte auch sein, dass sich demnächst Anwälte mit der Geschichte befassen.

von Axel Pries

7 Gedanken zu “Die Wellen sind ein Fehler, den es nicht gibt

  1. „Unglaublich – Schilda liegt offensichtlich im Vogelsbergkreis.“
    Nein!
    Schilda gibt es nicht.
    Es gibt aber eine mächtige Lobby in Brüssel und Berlin, die es geschafft hat die öffentliche Hand der Plünderung durch Großkonzerne schutzlos auszuliefern.
    Über das EU-Vergaberecht bekommen dann Großkonzerne, wie in diesem Falle VINCI (Konzernmutter von Eurovia), die Aufträge. Der billigste Anbieter (Europaweit) muss genommen werden.
    Geld wird Hessen-mobil von denen nie sehen. Ganz im Gegenteil. Solche Konzerne unterhalten riesige Rechtsabteilungen, die sich mit nichts anderem beschäftigen, als Nachforderungen gegenüber dem ansonsten nicht kostendeckenden Angebot zu stellen. Stichwort „Claim-Management“.

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  2. Also ich bin die Strecke jetzt schon ein paar mal gefahren, sowohl mit einem älteren als auch mit einem fabrikneuen Fahrzeug … ich merke absolut nichts, es fährt sich völlig normal!

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  3. Was soll man erwarten in einem Land der Bürokraten und vielmehr mittlerweile der Technokraten, welches jedoch schon lange nicht mehr in der Lage ist Autobahnen, Flughäfen, Bahnhöfe usw. zu bauen und reihenweise Großprojekte wie Energiewende, Breitband, Flüchtlingshilfe, Bundeswehrausstattung versaubeutelt.

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  4. Aha.. „sie (die Wellen, Anm. d. Verf.) seien auch optisch erst durch die weißen Begrenzungslinien aufgefallen…“

    Soso. Nur Wellen im Asphaltbelag. Und ohne weisse Linien auch gar nicht weiter aufgefallen also.

    Der geneigte Betrachter könnte sich jetzt natürlich fragen, warum dann die laufenden Leitplanken NEBEN der Fahrbahn die gleiche Wellenbewegung haben. Wenn’s doch nur am Asphaltbelag der Fahrbahn liegt.

    Besonders schön zu sehen auf den geraden Stücken des Streckenabschnitts. Und für manche auch ganz ohne weisse Linien deutlich zu erkennen.

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  5. Im Zeitalter von lasergesteuerten Baumaschinen – ja so etwas soll es geben – mutet die Vermessung mit „Planographen“ geradezu mittelalterlich an. Wahrscheinlich wurde die Straße auch noch mit Rechenschiebern berechnet.

    Zum Nachweis des Mangels biete ich an, den Geschäftsführer der ausführenden Baufirma so lange über die Straße zu kutschieren bis ihm seine Magengrube den Mangel bestätigt.

    Unglaublich – Schilda liegt offensichtlich im Vogelsbergkreis.

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