Ausgelegt für große Portionen: Frank Schäffer, Patrick Schmidt und Horst Bück aus Atzenhain zeigen das Besteck eines Feldküchenwagens. Die 1974 gebaute Küche mit Rädern war auch bei der Versorgung der DDR-Flüchtlinge 1989 in Alsfeld im Einsatz. Fotos: jal
Ausgelegt für große Portionen: Frank Schäffer, Patrick Schmidt und Horst Bück aus Atzenhain zeigen das Besteck eines Feldküchenwagens. Die 1974 gebaute Küche mit Rädern war auch bei der Versorgung der DDR-Flüchtlinge 1989 in Alsfeld im Einsatz. Fotos: jal

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DRK-Ortsverband Kirtorf feierte 75. Jubiläum – Erinnerung an die GrenzöffnungKleider und Atlanten für die Prager Flüchtlinge

KIRTORF (jal). Es ist mehr oder weniger Zufall, dass der Kirtorfer DRK-Ortsverband ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit sein 75. Jubiläum feierte. Es ist aber ein ganz netter. Denn die Rot-Kreuz-Helfer aus Kirtorf kümmerten sich vor 26 Jahren gemeinsam mit anderen Helfern am Alsfelder BGS-Gelände um Flüchtlinge aus der DDR, die über die Prager Botschaft einen Weg in die erhoffte Freiheit gefunden hatten. 


„Das war schon bewegend“, erinnert sich Elke Schneider, die Vorsitzende des Ortsverbandes. „Viele von denen kamen ja an mit nichts“, sagt sie. Das rote Kreuz richtete eine Kleiderkammer ein, versorgte die Neuankömmlinge mit dem Nötigsten. „Es ist jemanden, der nicht dabei gewesen ist, schwer zu beschreiben“, sagt Jürgen Geißler. Der 56-Jährige leitet heute den ersten Vogelsberger Betreuungszug, zu dem der Kirtorfer Ortsverband gehört.

Neuankömmlinge in einem Lager registrieren, Familien zusammenführen, Essen kochen, Wunden versorgen – genau darum dreht sich die Arbeit des Roten Kreuzes. Aber dass man sich so mal um Ostdeutsche kümmern würde? Das hätte niemand im Vogelsberg geahnt, sagt Geißler. Einen Plan, wie im Falle einer Grenzöffnung vorzugehen wäre, gab es nicht.

"Es ist schwer beschreibbar": Jürgen Geißler half damals in Alsfeld mit, die ankommenden DDR-Bürger zu versorgen.

„Es ist schwer beschreibbar“: Jürgen Geißler half damals in Alsfeld mit, die ankommenden DDR-Bürger zu versorgen.

Heute höre man ja schon ab und zu von Leuten, die sich die Mauer wieder herbeiwünschten, sagt Jürgen Geißler. Er gehöre nicht dazu. Und damals, als das alles passierte, war an sowas überhaupt nicht zu denken, berichtet er. „Niemand hat darüber irgendetwas negatives gesagt. Wir haben uns alle gefreut.“

Der Einsatz der Rotkreuzler dauerte mehre Wochen. Am 30. September 1989 verkündete BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Flüchtlingen der Prager Botschaft die frohe Kunde ihrer Ausreisegenehmigungen. Als sich Günter Schabowski am Abend des 9. Novembers bei einer Pressekonferenz verplapperte und Ausreisen aus der DDR plötzlich „unverzüglich“ ohne Genehmigung möglich wurden, war Jürgen Geißler gerade im Offizierskasino des BGS-Geländes. Da stand nämlich ein Fernseher. „An diesem Abend haben wir nur noch gefeiert“, erinnert er sich.

Atlanten ersetzen die alten Nazi-Karten

An der Autobahnausfahrt Alsfeld Ost hatte das Rote Kreuz nach der Grenzöffnung eine erste Anlaufstelle eingerichtet, um die ankommenden Trabis Willkommen zu heißen. „So blöd es heute klingt“, sagt Jürgen Geißler, „wir haben als erstes Bananen und all sowas besorgt.“ Doch auch ganz praktische Hilfe war von Nöten. So kümmerten sich die Mechaniker der Hilfstruppe um die Trabanten, die keuchend und kaputt in Alsfeld angekommen waren. Und dann war da noch das Kartenproblem. „Einige wollten nach Schleswig-Holstein oder so und hatten Karten dabei, auf die noch das Hakenkreuz gedruckt war“, erzählt Jürgen Geißler. Eine Firma hatte noch ein paar Atlanten übrig, die als Weihnachtsgeschenke dienen sollten. Das Problem war also gelöst.

Heute, 26 Jahre nach der Grenzöffnung, kümmert sich das DRK Kirtorf wieder um Flüchtlinge. Diesmal sind es die Menschen, die gerade aus Syrien, Irak und anderen Krisengebieten bei uns Zuflucht suchen. Einsatzort ist neben Offenbach zum Beispiel die Stadtallendorfer Herrenwaldkaserne. „Es ist schon schwieriger als damals“, sagt die Vorsitzende Elke Schneider, „vor allem wegen der Sprachbarriere.“

Erinnerte beim Festkommers an die Geschichte des Ortsverbandes: die Vorsitzende Elke Schneider.

Erinnerte beim Festkommers an die Geschichte des Ortsverbandes: die Vorsitzende Elke Schneider.

In einer kleinen Ansprache erinnerte sie am Samstagabend an die Geschichte des Ortsvereins. Wie alles begann, mitten im Zweiten Weltkrieg, nur mit ein paar Frauen. Und auch die Einsätze zum Jahrhunderthochwasser an der Elbe werden lange im Gedächtnis des Vereins bleiben.

Gefeiert wurde in der Kirtorfer Gleentalhalle, auf deren Vorplatz das Rote Kreuz mit einer kleinen Wagenschau seine Ausrüstung präsentierte. Fahrbare Suppenküche, Rettungswagen oder die historische Funkstation – alles stand zur Besichtigung bereit. Auch die Feuerwehr präsentierte sich. „Hier auf dem Dorf arbeiten die Hilfsorganisationen eng zusammen“, sagte Jürgen Geißler.

Gab es auch beim DRK-fest zu sehen: Wagen der Kirtorfer Feuerwehr.

Gab es auch beim DRK-fest zu sehen: Wagen der Kirtorfer Feuerwehr.

Zudem nutze das Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus in Kirtorf die Feierlichkeiten des roten Kreuzes, um auf einem Platz hinter der Halle ein „Ort der Begegnung“ zu enthüllen. Rund um einen Ginkgobaum, der als Mahnmal des Friedens gilt, ist jetzt eine kleine, bemalte Sitzgruppe aufgebaut. Der Kindergarten, die Grundschule und die Burschenschaft haben das zusammen mit dem Aktionsbündnis organisiert. „Die Sitzgruppe soll zur Begegnung aller Menschen jeglichen Alters, gleich welcher Herkunft oder Nationalität einladen“, hieß es auf einem Flugplatt zu der Aktion.

Der Tag der deutschen Einheit sei ein guter Tag, diese Begegnungsstätte einzuweihen, sagte Kirtorfs Bürgermeister Ulrich Künz bei einer kurzen Ansprache. Kirtorf habe in der Vergangenheit „Probleme mit Leuten gehabt, die ein politisches System wieder einführen wollten, dass wir alle hier nicht haben wollen“, sagte er.

Weiht die neue Sitzbank ein: Matthis Bobeck, zwei Jahre, aus Kirtorf.

Weiht die neue Sitzbank ein: Matthis Bobeck, zwei Jahre, aus Kirtorf.

Zur Eröffnung ließen die Zuschauer bunte Luftballons aufsteigen, die die Botschaft des Miteinanders weit über Kirtorfs Grenzen hinaus verbreiten sollten.
Leider den Start verpasst: Mitglieder des Roten Kreuzes mit roten Luftballon. Die übrigen fliegen im Hintergrund bereits gen Horizont.

Leider den Start verpasst: Mitglieder des Roten Kreuzes mit roten Luftballon. Die übrigen fliegen im Hintergrund bereits gen Horizont.