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Wiedervereinigung ganz persönlich: Leben in der alten BRD und im neuen DeutschlandDeutsche Jubelfeiern mit kleinen Fehlern

Die Nachricht im Radio schreckt auf: „Amerikanische Truppen haben atomare Mittelstreckenraketen auf die Sowjetunion abgeschossen.“ Das heißt: In 20 Minuten ist die Antwort hier! Der Tod. Familie Pries versucht verzweifelt, Kellerfenster zu zu schaufeln. Zu spät! Runter, unter die Erde! Dann der überirdisch grelle Blitz – und ein schreckstarres Erwachen. Die grausige Szene vom Beginn des dritten Weltkriegs war nur Alptraum eines 19-Jährigen im Kalten Krieg des Jahres 1982. Mein Alptraum! Heute, 33 Jahre später, ist das vorbei. Ist alles besser geworden, denn heute vor 25 Jahren besiegelte die deutsche Wiedervereinigung das Ende des Kalten Krieges. Wir haben Freiheit und Wohlstand wie nie. Haben wir? Zwei grundverschiedene Betrachtungen eines historischen Datums.

Am heutigen 3. Oktober 52 Jahre alt zu sein, bedeutet, fast paritätisch in der alten BRD und dem neuen, wiedervereinigten Deutschland gelebt zu haben. Es bedeutet auch, sich an die allgemeine Sehnsucht auf den Tag X zu erinnern – den Tag, an dem die Teilung Deutschlands beendet sein würde und die damit verbundene Hoffnung, dass dann alles besser würde. Die Sehnsucht hat sich erfüllt. Aber ich bin nicht sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Gar nicht an den 3. Oktober 1990, der „zusammenfügte, was zusammengehört“, erinnert sich dagegen OL-Redakteur Juri Auel mit seinen 24 Jahren. Er war da schlicht noch nicht geboren. Für ihn ist der Akt der deutschen Wiedervereinigung so weit weg wie für mich die Kuba-Krise oder der Mauerbau in Berlin: Teil vieler Erzählungen, aber kein gefühltes Erlebnis. Wie er als geborener Gesamtdeutscher das Gedöns um dem 3. Oktober erlebt, erzählt er in einem eigenen Beitrag.

Schwarz-rot-goldene Torte auf dem Grenzstreifen

3. Oktober ’90. Der Tag, an dem zwei grundverschiedene deutsche Staaten  wieder einer wurden. Oh, ich erinnere mich gut an dieses Ereignis. Wie könnte ich anders, habe ich doch damals direkt an der frisch geöffneten Grenze gelebt und gearbeitet – auf der Westseite. Am Morgen des 3. Oktober 1990 bin ich mit meiner damaligen Freundin von Bad Lauterberg im West-Harz ins thüringische Nordhausen gefahren. Es erschien uns wie ein Wunder.

 

 

An dem Loch irgendwo im Grenzzaun auf der damaligen DDR-F80, der heutigen B243, gab es keine Kontrollen mehr. Stattdessen hatten irgendwelche Menschen Tische und Bänke aufgestellt. Man saß fröhlich zusammen im Sonnenschein des schönen Tages. Der Kuchen in der Mitte trug die Farben schwarz-rot-gold, das Herz warme Aufbruchstimmung. Wie schade, dass dieses Gefühl gemeinsamen Glücks nicht lange angehalten hat, dass die Mauer in den Köpfen wieder wuchs, während sie aus der Landschaft verschwand. Schade, dass von der DDR erst einmal nur der Ampelpfeil blieb. In Sachen Kinderbetreuung und Frauen in der Arbeitswelt hätte der Westen vom DDR-Wesen lernen können.

„Drüben“ waren die armen ostdeutschen Brüder und Schwestern

Als wir 1990 Nordhausen besuchten, war klar, dass viel zu tun war, und an Helmut Kohls blühende Landschaften mochte ich angesichts der völlig verrotteten DDR-Realität auch damals so schnell nicht glauben. Aber nun würde doch alles möglich sein. Die Welt war schließlich offen – und würde ohne Eisernen Zaun, Ost-West-Eiszeit, Millionen eingesperrte Menschen und Tausende todbringende Raketen immer freier werden.

Das ist sie auch geworden – freier, viel kleiner – und zugleich unendlich verzwickter. Wie einfach war die Sichtweise doch im Schatten des Zauns. Die Welt war klar aufgeteilt: hier die guten, die freien, die vermögenden Menschen im demokratischen Westen. „Drüben“, in der „Zone“, der „swbZ“ („sowjetisch widerrechtlich besetzte Zone“), der „Täterrä“ oder offiziell Deutschen Demokratischen Republik DDR, waren die armen ostdeutschen Brüder und Schwestern hinter dem Eisernen Zaun gefangen.

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25 Jahre deutsche Wiedervereinigung: Was bedeutet das für unser Land? Lesen Sie dazu auch den Beitrag von OL-Redakteur Juri Auel, der die Frage aus der Sicht der“Generation Einheit“ heraus beantwortet.

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Viele Defizite unserer damaligen Welt schienen irgendwie mit dieser Aufteilung verknüpft, jedenfalls so erklärbar: zunehmende Arbeitslosigkeit, wachsende Umweltprobleme, das Nord-Süd-Wirtschaftsgefälle, die Stellvertreter-Kriege rund um den Globus. Wenn der Kalte Krieg rum ist, so unser Versprechen an uns selbst, kümmern wir uns richtig um den Hunger in der Welt. „Live Aid“ war ja eine süße Aktion, aber höchstens ein Anfang.

BRD: Ständige Bedrohung und Wettrüsten

Wir bewunderten jeden Flüchtling, der es von Ost nach West schaffte, betrauerten jeden Mauertoten. Die „Grenzer“ in DDR-Grau waren sichtbarer Inbegriff des Bösen. Ich habe nicht das ständige Bedrohungsgefühl vergessen, von dem es damals schon hieß, es würde geschürt, um die Rüstungsproduktion anzutreiben. Neue Raketen im Osten – wir müssen mehr bauen! Die Russen haben neue Panzer, wir müssen nachziehen! Ganz vorne bei den Angstmachern dabei natürlich wieder „Bild“. Damals schon hieß es: „Bild sprach zu erst mit dem Toten“ oder kurz „Bild lügt“ – gelesen und geglaubt wurde der Deutschen liebster Erwachsenen-Reality-Comic aber damals genau wie heute.

In meinem ländlichen Umfeld betrauerte man auch den Tod von John Lennon und bewunderte die langhaarigen Bärtigen (also: noch langhaariger und bärtiger als wir), die gegen Nato-Doppelbeschluss und noch mehr atomare Aufrüstung protestierten – so wie auch gegen die Atomkraft als Zugpferd der Energieversorgung. Was uns nicht bewegte: Fragen, wie viele Daten wir im Internet preisgeben würden, ob Smartphones und Internetspiele süchtig machen, die NSA gerade zuhört und ob die Abiturnote 1,2 noch zum Studium berechtigen könnte. Der Leistungsdruck auf Schüler war erheblich geringer.

Volljährigkeit, Abitur, Berufseinstieg, Auszug von Eltern, Freundin, Reisen, Party, Fußball- und Fußball-Weltmeisterschaften: Die Achtziger bedeuteten für mich nichts Anderes als für Millionen heutiger Teens und Twens auch. Aber über allem politischen Streben schwebte damals dieses Gefühl von Vorläufigkeit, solange die Mauer, der Eiserne Zaun, der Kalte Krieg da sein würden – vor allem, seit Gorbatschow Hoffnung auf Änderung machte. Es wird sich Grundsätzliches ändern!

Plötzlich war die Grenze- auf, plötzlich war die Wiedervereinigung – und die Welt hat sich grundsätzlich geändert. Aber nicht überall und in jedem Punkt zum Guten.

 

 

Nach dem 3. Oktober 1990: Hat sich etwas geändert?

Doch. Das neue, das geeinte Deutschland ist anders als die alte BRD. Die Deutschen sind toleranter, weltoffener geworden. Das Wort von der „wilden Ehe“ sagt niemand mehr, weil uneheliche Lebensgemeinschaft sich nicht mehr verteidigen müssen. Homosexualität hat viel vom Tabu früherer Zeiten verloren. Die Kindererziehung hat sich grundlegend verändert: Prügel wurde endlich abgeschafft. Weil gesellschaftliche Konventionen und Etiketten sich auflösten, genießen Menschen insgesamt mehr persönliche Freiheit. Die gepamperte Kinder-Generation scheint sich mit den Eltern ausgesöhnt zu haben.

Nach dem Kalten Krieg: die Eroberung des Terra incognita

Und die unüberwindlichen Grenzen haben sich aufgelöst: Die ganze Welt ist plötzlich erreichbar, seit der dunkle Schleier über dem Ostblock gelüftet wurde. Abenteurer, Journalisten, aber vor allem Investoren strömen in Massen in das einstige Terra incognita, die aus westlicher Sicht weißen Flecken der Erde. Oder anders gesagt: Die Globalisierung nimmt enorm Fahrt auf, derweil parallel ein Computernetzwerk den Globus auf Bildschirmgröße schrumpfen lässt – das Internet.

Deutschland wächst als Ganzes – und mit ihm die Deutschen. Dieses Volk, das ein halbes Jahrhundert lang seine Identität am liebsten verleugnet hat, entdeckt sich als Nation, die auch Werte und Vorzüge vorzeigen kann. Warum nicht? Auf die soziale Ausgeglichenheit, die gründliche Ausbildung und bewiesene Friedfertigkeit war ich früher richtig stolz. Dass Deutschland nach seinen Gräueltaten zu NS-Zeiten 50 Jahre lang international die Füße still gehalten hat, finde ich gut und notwendig – aber auch, dass die junge Generation Deutscher wieder anfing, an ihre Nation zu glauben. Damit meine ich nicht dumpfen Nationalismus, ich meine patriotisch gesinnte Zeitgenossen, die Deutschland gut finden, ohne andere Nationalitäten abzulehnen.

Das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land: Das war Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins. Warum auch nicht? Amerikaner, Engländer, Russen, die Franzosen mit ihrer „Grande Nation“: Sie alle feiern ihr Land noch nach überkommener Manier mit militärischen Paraden – da darf Deutschland zu seinem Fußball-Fest in nationalen Farben baden, ohne sich als nationalistisch beschimpfen zu lassen. Nicht umsonst gab es für die Gastfreundschaft Lob von überall auf der Welt.

Vom notwendigen Übel zur international aktiven Friedenstruppe

Und natürlich ist Deutschland als große Industrienation und führendes europäisches Land auf der geschrumpften Welt auch politisch wieder gefragt. Nun fängt es an, verzwickt zu werden. Alles Militärische hat – verständlicherweise – in Deutschland nach 1945 keinen guten Stand, kann sich nicht auf Traditionen berufen. Anders als in vielen westlichen Ländern, gilt die Bundeswehr höchstens als notwendiges Übel. Aber während im Kalten Krieg die Argumentation der Kritiker noch höchst einfach war, nämlich nicht am dritten Weltkrieg beteiligt sein zu wollen, ist die Frage nach „Schießen oder nicht“ heute viel schwieriger geworden. Seit der kleine, konventionelle, schmutzige Krieg wieder politisches Mittel geworden ist, müssen deutsche Soldaten mithelfen, in fernen Kriegen einen Frieden zu halten, von dem wir profitieren. Es wird noch verzwickter in der globalisierten Welt: Wir haben erkennen müssen, dass unser aller Verhalten Konflikte durch Armut schüren kann.

Denn wir haben zugelegt seit dem 3. Oktober 1990: Wir besitzen mehr Autos, Häuser, Computer, TV-Geräte, Telefone,  kurzum materielle Güter. Wir nutzen die Arbeitskraft der Menschen in unterentwickelten Staaten, um eine Fülle von Alltagsgütern  günstig erwerben zu können, die die meisten Deutschen sich sonst niemals leisten könnten. Materiell leben wir gut von diesem Service – nur langsam schwappt auch von unserem Reichtum etwas rüber.

Der Preis ist dennoch hoch. Weil die billigen Arbeitskräfte irgendwo auf diesen Kontinenten zugleich als Konkurrenz auch Druck auf uns ausüben. Der Kapitalismus hat die soziale Marktwirtschaft abgelöst, in der die Deutschen einst gemeinsam reich wurden. Werde besser und billiger – oder verarme, lautet die Devise, der sich sämtliche Bundesregierungen seither unterordnen: Kohl, Schröder, Merkel – kein Kanzler und keine Kanzlerin tut etwas anderes, als dem Willen der internationalen Konzern-Wirtschaft den Boden zu ebnen – vielleicht hier oder da mit kleiner Korrektur, aber immer auf dem selben Pfad.

Fantastische Wirtschaftszahlen – und die sich öffnende Schere

Fantastische Zahlen scheinen ihnen Recht zu geben: Die Wirtschaft wächst stetig, die Arbeitslosigkeit sinkt. Alles gut auf dem Papier – wäre da nicht ein ein kleiner Pferdefuß: Die Schere zwischen reich und arm geht auf, seit etlichen Jahren. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Als Lackmustest für das Funktionieren einer Gesellschaft ist diese simple Feststellung der entlarvende Fleck im schönen Schein – der Sprengstoff für die nächsten 25 Jahre. Man weiß es, aber der verbleibende Mittelstand klammert sich am Erreichten fest, macht die Augen zu und wählt das Schema wieder.

War da nicht noch etwas Störendes? Richtig: Mit 8,7 Milliarden Euro hat der Staat im Jahr 2011 das Herr von über 1,2 Millionen deutschen Niedriglöhnern unterstützen müssen – derweil deutsche DAX-Unternehmen getreu der Devise von Mac Kinsey – warum zehn Prozent Gewinn, wenn man auch 20 Prozent haben kann? – Jahr um Jahr kräftig zulegen.

Das muss man ja nicht einmal politisch bewerten, um das Riesenproblem der Zukunft zu erkennen, nur eines: Wer heute wenig verdient, zahlt wenig Rentenbeiträge ein und ist als Rentner garantierter Sozialhilfe-Empfänger. Der Staat wird zahlen müssen, was die Wirtschaft heute vermeidet. Und dann kommt TTIP. Das transatlantische Freihandelsabkommen wird diese Entwicklung nicht zur zementieren, sondern macht die Staaten den Konzernen untertan – das Chlor-Hühnchen kommt als kleinstes Problem mit. Apropos: Was ist mit Klima-Wandel, Atommüll, Bevölkerungswachstum…? Wir feiern.

Kann die junge Generation die Probleme lösen?

3. Oktober 2015: Heute wird gefeiert, und auch die meisten Kommentatoren in Zeitungen, Sendern und Magazinen feiern mit. Okay, feiern wir also unser Wiedervereinigungs-Jubiläum! Blenden wir aus, dass alles nur schöner Schein mit kurzem Haltbarkeitsdatum ist.

Man muss aber nicht weit einmal schauen, um die Schattenseite unserer Zeit zu sehen: Der massenhafte Ansturm der Flüchtlinge ist Beleg dafür, dass die vom Kalten Krieg befreite Welt sich „25 Jahre danach“ mehr in Schieflage befindet, als wir wahrhaben wollen – und jeder von uns trägt dazu bei.

Ich hoffe nicht, dass der jetzt internationale Krieg in Syrien und Irak, der dauerschwelende Konflikt in Afghanistan, der versteckte Terror in Nordafrika nur der Auftakt ist für etwas Größeres, vieles Schlimmeres, das uns erwartet. Ich will nicht, das der Alptraum von 1982 in meinem Leben noch Realität werden kann.

Aber vielleicht bin ich einfach zu viel Alt-BRDler, ein Kalter-Kriegs-Schisser. Es wäre schön, wenn wenigstens die im wiedervereinigten Deutschland geborenen Deutschen neue, andere Lösungen finden.

Axel Pries

Ein Gedanke zu “Deutsche Jubelfeiern mit kleinen Fehlern

  1. Was bei der Jubiläumsfeier vergessen wurde ist, das der Warschauer Packt nicht mehr da ist, aber die NATO immer noch am „Leben erhalten wird“! Durch Terror und Religionskriege hat diese Organisation immer noch eine Daseinsberechtigung, was wir dem 11.September zu verdanken haben. Ein Tag später wurde zum ersten mal in der Geschichte der NATO der Verteidigungsfall festgestellt.Doch wie lange dauert der noch? Jedenfalls ist mir an diesem Tag fast das Brötchen im Halse steckengeblieben, als diese Radiomeldung kam und mit einem Atemzug erläutert wurde mit wieviel Millionen Soldaten und tausenden Panzern und Atomrekaten eine Kriegmaschenerie wachgerüttelt wurde.Es war so als ob eine Moskito einen Elefanten aus seinem Schlaf geweckt hatte, der nun wild entschlossen war alles zu zerqutschen was sich ihm in den Weg stellt.
    In den 25 Jahren sind in Deutschland rund 1 Millonen Soldaten abgezogen worden, aber nun wird wieder aufgestockt.

    Der kalte Krieg kommt in diesem Jahr wieder zurück! Die Amerikaner tauschen die alten Atombomben aus. Die Neuen „Bomben“ sind eher mehr Marschflugkörper, die automatisch ihr Ziel erreichen können.
    Auch die schnelle Eingreiftruppe der Bundeswehr ist ein Signal, das der kalte Krieg wieder zurück ist.
    Die Aufrüstung der Bundeswehr ist voll im Gang. Doch schon jetzt haben Generäle zu bedenken gegeben, das bei der Bundeswehr frei werdende Stellen nur sehr schwer wieder neu besetzt werden können. Die Bundeswehr hat momentan einen Personalmangel und will im nächsten Jahr 50.000 Soldaten anwerben und einstellen.

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