Einsichten aus Italien: Jessica Haak mit Freundinnen über der Landschaft der Toskana. Fotos: jeh

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Zwei Wochen Italien: neue Eindrücke gleich neue Einsichten – Der andere ReiseberichtMomente speichert das Herz, nicht die SD-Karte

VOGELSBERGKREIS/ITALIEN. Mit den Sommerferien geht langsam auch der Sommer zu Ende und mit dem Herbst stehen neue Einsichten vor meiner Tür. Dass ich die jedoch dort antreffen würde, wo die meisten Menschen ihre Gedanken abschalten, um Urlaub zu machen, das wollte mir anfänglich selbst nicht so recht bewusst werden. Im Land der Pizza, Pasta und Oliven fand ich zwischen hohen Bergen und flachen Gewässern zu mir selbst.

 

Mit diesen Worten beginnt die 17-jährige Jessica Haak aus Schotten ihre Geschichte von ihrem Italien-Aufenthalt. Wie schon in früheren Beiträgen für Oberhessen-live nutzt sie neue Eindrücke, um zu neuen Einsichten zu kommen – die sie mit plastischen Worten zu schildern vermag. So ist ihr Bericht von zwei Wochen in Italien mehr als ein Reisebericht – eine Anregung zum Nachdenken.

Sie schreibt:

Die Reise begann vor zwei Wochen mit einer Gruppe aufgeregter Jugendlicher und einer Hand voll Teamern. Unser Ziel war klar – wir wollten alle in die warme Toskana. Die recht lange Busfahrt wurde jedoch schnell belohnt, und so fanden wir uns inmitten großer Berge wieder, über denen ein fließender Teppich aus grünen Laubbäumen lag. Hinter vorerst dicken Wolken schien langsam die Sonne hervor und würde uns die nächsten zwei Wochen nicht verlassen. Die Müdigkeit wurde mit jeder einzelnen Serpentine und dem dazugehörigen Hupen weniger und so bezogen wir fast schon wach das Casa Montauto im Mugello-Tal. Schnell knüpfte man Kontakte, verteilte Zimmer und Apartments, besprach sich und ließ sich zwei Wochen ihren Weg bahnen.

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Vor Augen hatte ich dabei stets die „großen“ Ziele vor Augen: Ich wollte unbedingt den schiefen Turm von Pisa sehen, durch die rechtwinkligen Gassen Florenz schlendern und salzige Meerluft ein- und nie wieder ausatmen. Dermaßen fixiert, realisierte ich anfangs nicht, dass man zum glücklich sein, manchmal ganz andere Wege einschlagen muss, als die, die bereits von Tausenden anderen Menschen gegangen worden sind.

Da gab es zum Beispiel eine Challenge, die uns dazu veranlassen sollte, die nahegelegene Stadt Vicchio mitsamt den Einwohnern kennenzulernen. Mit kleinen Brocken Italienisch sollten wir einen Apfel tauschen, Fotos knipsen und Fragen beantworten. Dabei begegneten uns die Menschen mit solch einer Freundlichkeit, dass man sie fast schon mit Ironie verwechseln konnte. Mit Händen, Füßen, deutschsprachigen Freunden und manchmal auch nur einem kleinen Lächeln gaben sie ihr Bestes, um uns zu helfen. Der Umgang war locker und unverkrampft, so als würde man sich gegenseitig schon lange kennen.

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Jessicas optische Urlaubseindrücke von Pisa – im Herzen brachte sie mehr mit heim.

Beeindruckt von einem einfachen Händedruck

So ist es sicherlich keine Selbstverständlichkeit, einer Gruppe aufgedrehter Mädchen falsch ausgesprochene Fragen zu beantworten – das führte beispielsweise dazu, dass man uns sagt, wo Peters Haus, nicht aber der Petersdom sei. Jedenfalls trafen wir bei unserem Unterfangen auf einen Doppelgänger von Joko Winterscheidt, ertauschten eine Sonnenblume und konnten auch sonst alle Fragen beantworten. Ein weiteres Mal in Vicchio besuchten wir einen katholischen Gottesdienst. Obwohl ich kein Wort verstand, bot die Kirche Platz zur Entfaltung meiner Gedanken, die irgendwann in den wunderschönen Tönen des Chors mündeten. Schließlich drehten sich die Menschen auf der Bank vor uns um, reichten uns die Hand und wünschten uns auf Italienisch, dass der Friede mit uns sei. Dieses Bild hätte die Lösung für alles sein können – eine einfach Geste, wenige Worte und der Wunsch, der aus tiefstem Herzen spricht: Frieden! Doch Menschen geben sich mit einfachen Lösungen nicht zufrieden und so wirkte dieser einfache Händedruck noch eine ganze Weile auf mich ein.

Eine weitere Erkenntnis traf mich beim Kanu fahren. Zugegeben, sie resultierte aus körperlicher Anstrengung und war daher um so eingehender. Da die Kanutour auf einem teilweise recht flachen Fluss stattfand, mussten wir öfters einmal aussteigen, um das Kanu zu ziehen. Dabei rutschten wir aus, fielen hin und gingen unfreiwillig baden. An anderen Stellen trieb uns die Strömung in eine Richtung, doch wir selbst waren dafür zuständig, nicht gegen Steine zu fahren und auf einer Spur zu bleiben. Gelegentlich verfingen wir uns im Gestrüpp, waren zwischen Ästen eingeklemmt, erlitten undefinierbar große Kratzer und wurden von Freunden heldenhaft gerettet.

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Das Leben ist wie eine Kanutour

Es kam sogar dazu, dass wir von einem quer liegenden Baum dermaßen ausgebremst wurden, dass wir mitsamt den Kanus darüber klettern mussten. Schnell wurde mir bewusst, dass das Leben einer Kanutour gleicht: Manchmal muss man sich großer Anstrengung aussetzen, damit es voran geht. Manchmal funktioniert alles von allein. Das Leben läuft ständig weiter und man kann es nicht aufhalten. Der Mensch selbst sitzt im Kanu. Er kann grob bestimmen wie und wohin er lenkt, doch den Entwurf für sein Leben, zieht das Leben selbst. Auch wenn man vielleicht einmal denkt, dass man einige Hindernisse nicht überwinden kann – es wird immer Wege geben, auch wenn sie vielleicht über Bäume führen. Denn alles was man braucht, ist ein starkes Team.

Größte Erkenntnis: Vorurteile sind widerlich

Der Mensch ist kein Einzelgänger und wird es niemals sein. Das einzige was ihn davon abhält ,am Leben teilzunehmen, ist, wenn er sich in Vorurteile hüllt. Wenn er gewollt andere Menschen meidet, weil er permanent etwas an ihnen auszusetzen hat. Vorurteile sind widerlich und das war die größte Erkenntnis, die ich machen durfte. Zu Beginn der Reise hätte ich nicht gedacht, dass ich mich mit einigen Menschen so gut verstehen würde – wie ich später erfuhr, hätten sie das auch nicht gedacht. Manchmal ist es jedoch unglaublich gut, nicht zu denken, sondern einfach mal zu machen – auf die Leute zuzugehen und sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Kein Mensch ist zu jung, zu alt, zu arrogant, zu schüchtern, um nicht mit ihm zu reden. Man selbst kann nur zu voreingenommen sein, um es nicht zu tun. Es ist wichtig, sich Zeit für ihre Geschichte zu nehmen und schon bald wird man feststellen, dass man womöglich die gleichen Macken, Ansichten und Ideen von der Welt hat – oder eben total Gegensätzliche und das ist völlig in Ordnung. Durch diese Einsicht traf ich auf Menschen, die positiv verrückt und offenherzig waren – jeder auf seine eigene Art und Weise.

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Wenn das Herz voll ist, läuft des Künstlers Hand über: Straßenmaler heißt Flüchtlinge willkommen.

Das sind Erkenntnisse, die im Massentourismus häufig untergehen. Bei Stadtführungen erhält man zwar viel geschichtliches Wissen, nicht jedoch über die Menschen selbst. Jeder von ist unterschiedlich und lässt sich nicht über einen Kamm scheren. Wir finden uns selbst nicht dort, wo andere schon ihre Fußspuren hinterlassen haben. Wir lernen Menschen nicht kennen, wenn wir nicht mit sondern über sie reden. Wir behalten Momente im Herzen und nicht auf der SD-Karte.

Herzensmomente: Tanzen zu „Time of my Life“, tiefsinnige Gespräche

Natürlich ist Florenz schön und der Turm von Pisa sehenswert und hat ein Platz im Fotoalbum verdient – der Platz im Herzen gilt jedoch ganz anderen Sachen: Dem hemmungslosen Tanzen und Aus-der-Seele-Singen zu „Time of my Life“ und „Final Countdown“, den lustigen Busfahrten, dem motivierten Besteigen des 992 Meter hohen Monte Giovis bei 30 Grad im Schatten verpackt in 16 Kilometer Wanderweg, händchenhaltend gemeinsam das Abschlusslied singen, stundenlangen Uno-Wettstreiten, tiefsinnigen Gesprächen, frischen Feigen, dem morgendlichen Blick auf das in Nebel gehüllte Tal, der untergehenden Sonne, dem leckeren Eis, der Landschaft, dem kleinen schwarzen Hasen, der jeden Morgen auf der Terrasse spazierte, unserem treuen Gasthund Lea, den herzhaft lachenden Menschen und der Gastfreundlichkeit Carlos.

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Auch eine Art Kunst: kreativ gestaltete Schilder.

Letzterem seien einige warme Worte gewidmet, denn eine so gute Pizza, habe ich noch nie gegessen. Carlo wohnt in dem Haus, in dem wir verweilen durften und ist der Inbegriff von Herzlichkeit. Keine Musik war ihm zu laut, keine Sprachbarriere zu groß. Er forderte nichts, außer einem Bild von uns – und da realisierte ich, dass es die kleinen Dingen sind, die das Leben lebenswert machen. Ein Dankeschön ist wertvoller als Geld. Ein Lächeln bedeutet mehr als nichtssagende Worte. Aus diesem Grund bedanke ich mich an dieser Stelle, bei jedem Menschen, den ich (neu) kennenlernen durfte – denn jede einzelne Geschichte, ist mindestens einen Gedanken wert.

Jessica Haak