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Belegt: Ein deutlicher Prozentsatz erkankt an Hepatitis E – Unter Jägern kein ThemaDas Virus im Wildschwein ist noch wenig bekannt

VOGELSBERGKREIS (aep). Als der CDU-Abgeordnete Dieter Boss in der jüngsten Sitzung des Vogelsberger Kreistags Landrat Manfred Görig fragte, ob bekannt sei, dass 15 Prozent der hessischen Wildschweine mit Hepatitis befallen sind, da bekam er keine Antwort – die werde nachgereicht. Dieter Boss wird darauf warten müssen, denn tatsächlich gib es im Vogelsbergkreis so gut wie keine Erkenntnisse und Ansichten zu einem gerade erst bekannt gewordenen Phänomen: Viele Wildschweine erkranken an Hepatitis E – und können das Virus weitergeben.

Die Hepatitis E ist eine durch Viren verursachte Erkrankung, die vor allem in Nordafrika und Asien verbreitet ist, wie das Nachschlagewerk Wikipedia verrät. Aber inzwischen ist dieser Erreger offenbar in Deutschland auch häufiger anzutreffen: in Wildschweinen. Und auch die Zahl der Erkrankungen bei Menschen steigt rapide an, wie ein Bericht in der Zeitung „Die Welt“ darstellt. Darin ist auch von den 15 Prozent die Rede, die der Kreistagsabgeordnete Dieter Boss nennt.

Eine Frau weiß mehr darüber, wie stark heimische Wildschweine betroffen sind: Dr. Veronika Ibrahim, Amtstierärztin und Fachstellenleiterin für Lebensmittelüberwachung im Wetteraukreis. Sie bestätigt gegenüber Oberhessen-live: Die Wildschweine in den hessischen Wäldern erkranken vielfach an Hepatitis E – ohne, dass dabei Symptome auftreten. Die Amtstierärztin hat im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit sogar exakte Zahlen ermittelt, will sie aber erst nennen, wenn das Werk publiziert wird.


Untersuchungen mit Jägern aus der Wetterau

„Da ist schon was dran“, erklärt sie auf Anfrage: Ein deutlicher Prozentsatz der Wildschweine im Wetteraukreis sei infiziert. Das hätten ihre Untersuchungen ergeben, die sie in Zusammenarbeit mit der Wetterauer Jägervereinigung durchführte. Die Jäger stellten über einen längeren Zeitraum Blutproben der Tiere zur Verfügung. Einen Wert wie 15 Prozent wolle sie nicht bestätigen, erklärt die Fachfrau, aber bundesweite Untersuchungen gingen von einem je nach Bundesland stark schwankenden Befall aus: zwischen 5,9 und 31 Prozent.

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Eine Strecke erlegter Wildschweine im Vogelsberg bei Ober-Breidenbach: Unter den heimischen Jägern ist Hepatitis E bei Wildschweinen aber noch kein Thema. Foto: privat

Das Hepatitis-Virus sei auch in der Lage, vom Tier auf den Menschen überzuspringen. So gebe es im Wetteraukreis den belegten Fall, dass ein Familienmitglied eines Jägers an Hepatitis E  erkrankte – da werde schon ein Zusammenhang mit befallenen Wildschweinen gezogen, die der Jäger angefasst hatte, äußert die Tierärztin sich vorsichtig. Eine Mär sei aber die Geschichte, dass ein Jäger an Hepatitis gestorben ist, nachdem er sich beim Aufbrechen des Wildes damit infizierte. „Das ist Unsinn“. Den Fall gab es im November 2012. Der Mann habe sich durch eine Wunde am Finger beim Aufbrechen von Wild eine Blutvergiftung zugezogen – aber kein Hepatitis. „Jäger sollten beim Aufbrechen immer Handschuhe tragen“, rät die Fachfrau.

Von solchen Zusammenhängen ist Vogelsberger Jägern offenbar so wenig bekannt, wie man bislang über das Phänomen spricht: „Hepatitis E beim Wildschwein ist hier kein Thema“, erklärt zum Beispiel der Forstamtsleiter Hans-Jürgen Rupp in Romrod, der selbst als Jäger aktiv ist. Auch in der Vogelsberger Kreisverwaltung Achselzucken: Darüber gibt es keine Erkenntnisse, erklärt ein Mitarbeiter.

Der WELT-Artikeln nennt verdächtige Zusammenhänge: Es gebe in Deutschland  einen rasanten Zuwachs an Hepatitiserkrankungen, heißt es darin. So seien 2010 dem Robert Koch-Institut insgesamt 221 Fälle gemeldet worden. Im Jahr zuvor waren es nur 108, und ganze 51 Fälle noch im Jahr 2006. Nicht alle diese Erkrankungen könnten auf Reisen gen Asien oder Europa zurück geführt werden.

Auch wenn dieses Phänomen erst relativ neu bekannt ist, meint Dr. Veronika Ibrahim, ist das Virus wahrscheinlich schon 20 Jahred in Deutschland verbreitet. Das hätten Untersuchungen an älteren Blutproben ergeben: „Es gibt das Virus hier vermutlich schon lange.“ So sieht sie auch keinen Grund für Panik. Wildfleisch sollte vor dem Verzehr allerdings gut erhitzt werden, dann werde der Erreger getötet. Ein Mittel gegen die Verbreitung sei ihr auch nicht bekannt: „Das ist etwas, womit wir leben müssen.“