Stummer Zeuge alter Wasserbautechnik in Storndorf: das Holzrohr, das jetzt in der Stehr'schen Ideenschmiede zu sehen ist. Fotos: privat

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Bei Tiefbauarbeiten kamen alte Holzrohre zum Vorschein – Präpariert und ausgestelltStummer Zeuge uralter Bewässerungstechnik

STORNDORF (ol). Einen stummen Zeugen uralter Bewässerungstechnik fand man bei den Tiefbauarbeiten in der Ortsdurchfahrt von Storndorf: ein Jahrhunderte altes Holzrohr, das jetzt einen würdigen Platz im Dorf geworden hat, wo es der Öffentlichkeit zugänglich ist.

 

Die Geschichte: In den Dörfern und Städten gab es mit wachsender Bevölkerung seit je her ein Wasserverteilungsproblem. Die oberflächigen Quellen strömten in kleinen Rinnsalen durch das Dorf. Die Verschmutzung durch Mensch und Tier zwang die Vorfahren, die Quellen zu fassen und das Wasser über weite Wege zu den Brunnen (Wassertrögen) aus Sandstein zu leiten. So einen Stein findet man in Storndorf gegenüber vom Dorfgemeinschaftshaus.

Dieser wurde höchstwahrscheinlich an seinem Ursprünglichen Standort durch eine hölzerne Wasserleitung gespeist. Leitungen aus Guss, Stahl, Blei und so weiter gab es vor gut 400 Jahren noch nicht. Beim Straßenausbau im Sommer 2014 stießen die Arbeiter der Firma Caspar beim Straßenbau in Storndorf etwa 2,5 Meter unter der Straßenoberfläche,  eingebettet in einer wasser- und luftundurchlässigen Tonschicht, auf einige gut erhaltene Holzstämme.

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Einen würdigen Platz bekam das Rohr in der Ideenschmiede.

Beim näheren Schauen entdeckte man, dass diese hohl waren. Äußerst vorsichtig wurde ein längeres Teil freigelegt. Es kam eine mehrere hundert Jahre alte Technik zum Vorschein, die schon aus der Zeit vor dem Mittelalter stammt, hergestellt aus heimischem Holz. Es war die erste Storndorfer Wasserversorgung. Die Wasserleitung ist von den Handwerkern unter den Dorfbewohnern einst selbst errichtet worden.

Röhren wurden mitsamt der Rinde verlegt

Die Röhren wurden aus frischen heimischen Kieferbaumstämmen hergestellt. Um eine vorzeitige Austrocknung mit Rissbildung zu verhindern, wurden sie komplett mit der Rinde verlegt. Außerdem bot die Rinde einen gewissen Schutz gegen Bodenbakterien. Die Herstellung solcher Holzröhre erforderte viel handwerkliches Geschick.

Als Werkzeug gab es verschieden starke und lange Löffelbohrer zum Durchbohren der Holzstämme. Da die geschmiedeten Werkzeuge nur etwa zwei Meter Länge hatten, musste der frische Holzstamm von beiden Seiten genau im Kern angebohrt werden. Man begann mit dem schmalsten Handbohrer und wechselte zu den breiteren über. Der Bohrvorgang musste jeweils nach wenigen Umdrehungen unterbrochen werden um die sich hinter dem Bohrer stauenden Spänen wieder herauszuziehen.

Bei der Stammstärke von 18 bis 20 Zentimetern bestand die Kunst darin, die Flucht einzuhalten, dass sich beide Bohrungen mittig treffen. Verwachsungen und Biegungen des Holzes erschwerten die Arbeit. Da sich die Röhrenbohraktion über einige Wochen erstreckte, wurden die bereits fertigen Röhren höchstwahrscheinlich in der Schwalm gewässert um sie vor Austrocknung zu schützen. Die Verbindung der etwa drei Meter langen Einzelröhren erfolgte durch Zusammenstecken und durch Abdichtung mit Pech.

Ab der Jahrhundertwende wurden dann gusseiserne Rohre als Wasserleitung bis in die Häuser gelegt. Wie alt die gefundenen Holzröhren in Storndorf sind, kann im Moment nur vermutet werden. Die Herstellungszeit könnte aufgrund des relativ guterhaltenen Zustandes zwischen 1400 bis 1800 gelegen haben.

Das gut erhaltene Stück, das nun ans Tageslicht kam, wurde bei der Firma Bechtel in Renzendorf in einer Trockenkammer getrocknet und präpariert, um es für die nächste Generationen zu erhalten. In der Ideenschmiede von Jürgen Stehr fand es einen würdigen, für die Öffentlichkeit zugänglichen Platz.