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Testauto Peugeot 308: Wie wird man eigentlich "Auto des Jahres"?Gut gebettet mit sportlichem Fahrgefühl

ALSFELD. Was macht eigentlich ein Auto zu einem Auto des Jahres? Eine Frage, die durch Probieren beantwortet will, und da ist das Alsfelder Autohaus Peugeot Geissler gerne behilflich. Die haben nämlich das Auto des Jahres 2014 auf dem Hof stehen: den Peugeot 308. Nach zwei Elektro-Vehikeln fährt also auch mal ein „Normalo“ für Oberhessen-live durch die Lande – aber immerhin ein prämiertes Auto. Das Ergebnis in aller Kürze: Man sitzt und fährt prima darin. Meine Abstriche liegen eher im Detail.

Als „Antwort auf den Golf“ gilt der Kompaktwagen von Peugeot seit seiner Markteinführung im vergangenen Herbst, und danach sieht er auch in seiner Schnörkellosigkeit aus – aber doch auch ein bisschen stylischer als das oft eher als bieder angesehene, deutsche Gefährt. Sind’s die Scheinwerfer, denen der Prospekt „Raubtier-Design“ nachsagt? Die Franzosen, so erinnere ich mich, das sind doch die mit der Luftfederung und dem unaufgeregten Gemüt im Auto. Der Peugeot 308, den ich fahre, ist auch noch ein Diesel – das alles klingt eher nach parkhaustauglicher Kleinfamilienkarosse denn nach flotter Reporter-Kutsche. Welch‘ ein Irrtum!

Was haben wir denn wieder zu tun für das Test-Auto an einem normalen Tag bei Oberhessen-live? Es geht nach Lauterbach zu einem Termin, es geht einmal für ein Foto in die Alsfelder Landschaft – und zum Einkaufen. Ein Standard-Programm. Anders als bei den E-Autos ist die Frage der Reichweite nebensächlich. Aber Komfort, Ausstattung und Fahrgefühl – wie ist es damit? Und natürlich: die Frage des Verbrauchs. Beim Auto des Jahres müsste das doch alles top sein. Oder?

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Touchscreen statt Schalterbatterie: Das Cockpit wirkt sehr aufgeräumt. Die Lösung hat aber auch Nachteile.

In jedem Fall macht die Einführung morgens am Autohaus durchaus Sinn. Kupplung, Bremse, Gas und H-Schaltung – alles klar. Aber was sind denn das alles für Knöpfe und Drehschalter rund ums Lenkrad? Und warum hat die Mittelkonsole dafür fast gar keine? Eine Viertelstunde später ist klar: Der Peugeot 308 ist richtig gut ausgestattet: vom drahtlosen Handy-Anschlus bis zum Tempomaten, der die Geschwindigkeit auf Wunsch mit wunderbar eingängiger Bedienung nach oben wie unten automatisch reguliert. Das große Display in der Mitte des Armaturenbretts erklärt die fehlenden Knöpfe darunter: Es hat ein Touchscreen, das einfach alles auf einmal aufnimmt. So eine Lösung hat schon was Futuristisches und lässt die Bedienung des Autos sehr aufgeräumt erscheinen – ist aber nicht unbedingt mein Geschmack.


Dass ich mich über den Testtag mehrmals im Menü verrenne, mag einfach an mangelnder Übung liegen. Beim iPhone habe ich auch zwei Tage gebraucht, um die Telefon-Tastatur ohne Fummelei zu finden. Aber mich stört: Jede Funktion – Radio, Navi, Klimaanlage, Freisprecheinrichtung, Bordcomputer – besetzt den ganzen Bildschirm, braucht volle Aufmerksamkeit. Sendersuchlauf und zugleich die Temperatur-Regelung darunter wie sonst: Das geht nicht, wenn man hin- und her-switschen muss. Die virtuellen Knöpfe der Klima-Anlage leuchten im Dunkeln ungewohnt stark. Aber vielleicht ist das auch regelbar. In jedem Fall lässt sich das Display auch einfach ganz ausschalten, wenn man es nicht will.

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Einsteigen gefällig? Die Sitze vermitteln ein angenehmes Fahrgefühl. Die edle Farbe im Testwagen: Geschmacksache, auf jeden Fall nicht kindertauglich.

Beeindruckender ist das Sitzgefühl. Da werden die Franzosen als körperschmeichelnde Autobauer ihrem Ruf doch gerecht. Als mittags die beste Ehefrau von allen zum Einkauf mit einsteigt, kommen spontane Juchzer vom Beifahrersitz: „Hier sitzt man ja toll!“ Stimmt. Als lebenserfahrene Mutter schmunzelt sie zwar über die edle Silberfarbe der Bezüge im Testwagen – „Mit Kindern steigst du hier nicht ein!“ – aber der Eindruck, im Cockpit gut gebettet zu sein, trügt nicht. Eine höhere Sitzposition, das gefällt vor allem ihr, vermittelt auch kleineren Insassen gute Rundumsicht, und der Kofferraum ist familientauglich: Es hätten noch zwei weitere Einkäufe reingepasst. Insgesamt 470 Liter Platz sollen es sein. Die Sitze geben so guten Seitenhalt, dass sie zu einer Extra-Runde im Kreisverkehr locken: Klammern ans Lenkrad ist überflüssig.

Apropos Extra-Runde. Kommen wir zu den gefühlten Fahreigenschaften. Bei jener Extra-Runde im Kreisverkehr habe ich ein wenig mehr Gas gegeben als nötig, hatte aber nicht das Gefühl von Unsicherheit. Und dann der Antritt nach dem Kreisel: unerwartet flott. Mein letztes Diesel-Auto vor vielen Jahren war ein Sauger gewesen, eine lahme Krücke, der ich an jedem Berg nachhelfen mochte. Der Peugeot 308 hat 115 PS – wohl Durchschnitt in seinem Segment – aber die kommen stark rüber. Turbo heißt bekanntlich das Zauberwort, und die nehmen modernen Dieseln zwar nicht das nagelnde Motorgeräusch, aber die Trägheit. An meinem Testauto haben die Ingenieure auch noch 140 Kilogramm abgespeckt, besagt der Prospekt, und das merkt man an der sportlichen Beschleunigung des 308. Das bringt nicht nur Spaß, das hat Vorteile im Reporter-Alltag.

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Einkaufstest bestanden: Der Kofferraum ist recht geräumig.


Der unvermeidliche Lastwagen auf der B254 auf der Fahrt gen Lauterbach ist jedenfalls mit kräftigem Schub schnell überholt. Meinen mal wieder knapp angesetzten Termin kann ich noch einhalten. Später bringt der Peugeot es übrigens an der Steigung der B49 zwischen Romrod und Alsfeld vom Ortsschild bis zur Kuppe mühelos auf 110.  Auf der Rückfahrt von Lauterbach lasse ich es gemütlicher angehen und den Tempomaten machen. Der ist trotz der Funktionsvielfalt leicht eingestellt und lädt zum Entspannen. Hmmm. Der Prospekt besagt irgendwie, dass eine „automatische Gefahrenbremsung“ dabei den Abstand zum Vordermann reguliert. Dann hat das System sich bei mir allerdings viel Zeit gelassen – ich bremse vorsichtshalber manuell. Beim Einparken hilft es dafür nach hinten wie vorne umso besser. Eine Reihe von Abkürzungen verspricht Hilfe bei allen Fahrlebenslagen: ESP, CDS, ABS, EBV – nebst Reifendruckkontrolle und Not-Bremskraftverstärkung.

Bleibt die Frage nach dem leidigen Verbrauch. Spritziges Fahrgefühl hat normalerweise seinen Preis in der Öko-Note. Im Vergleich zu meinem eigenen Benziner gleicher Größe und Motor-Ausstattung sind die 5,5 Liter Durchschnittsverbrauch, die der Bord-Computer des Peugeot am Ende des Testtages auswirft, richtig gut – immerhin mit einigem Stadtverkehr und ein paar Freudenspurts. An die 3,1 Liter, die der Prospekt verspricht, kommt dieser Verbrauch aber nicht ran. Da müsste wohl häufiger mal der sechste Gang zum Einsatz kommmen – der verlangt ebene Strecke.

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Hat gefallen: der Autor mit dem Peugeot 308 beim Zwischenstopp in Altenburg.

Was ist denn jetzt daran das Auto des Jahres? Da spielt wohl viel persönliche Vorliebe eine Rolle – aber immerhin waren die Journalisten, die den Peugeot 308 dazu kürten, sich recht einig. Mir hat die Kombination aus angenehmem Sitzgefühl, reichhaltiger Ausstattung, der Möglichkeit zu entspannter und sparsamer, aber auch powervoller Fahrweise tatsächlich gut gefallen. Habe ich irgendwo die 23.000 Euro dafür? Am Wochenende können Besucher der Autoausstellung in der Hessenhalle das Gefährt übrigens selbst anfassen.

Und am Morgen der Rückgabe habe ich dann auch das Geheimnis des Autoschlüssels gelöst, der mich ein paarmal hatte grübeln lassen, weil der Kofferraum nicht aufging: Man muss zweimal auf die Fernbedienung drücken. Voilà!


Von Axel Pries